Kino Ein unmoralisches Angebot

Das spannende Politdrama „Wackersdorf“ zeigt Chancen und Risiken des zivilen Widerstands, vor allem aber das Ringen eines Politikers mit seinem Gewissen.
19.09.2018, 15:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ein unmoralisches Angebot
Von Hendrik Werner

Bremen. Wie sich die Bilder des Waldes und des Protests gleichen: Wer das spannende Politdrama „Wackersdorf“ im Kino sieht, kommt nicht umhin, an die aktuelle Auseinandersetzung im Hambacher Forst zu denken. Denn auch dort standen und stehen sich Umweltaktivisten und Polizei unversöhnlich gegenüber, auch dort tobt ein Kampf um Deutungshoheit. Denn auch dort muss sich die Politik gegen Vorwürfe zur Wehr setzen, sie mache sich zum willfährigen Handlanger der Energieindustrie. Eingedenk dieser Korrespondenzen taugt der dramatische Clash von Bürgersinn und politischem Kalkül, der sich seinerzeit in der Oberpfalz ereignete, unbedingt als Anschauungsmaterial, ja als gesellschaftliches Lehrstück, um die gegenwärtigen Verwerfungen besser zu verstehen.

„Wackersdorf“-Produzent Ingo Fliess war Schüler im Landkreis Schwandorf, als die strukturschwache Gegend Anfang der 80er-Jahre erstmals Schlagzeilen machte. Regisseur Oliver Haffner erzählt die Geschichte des wohl meistumstrittenen Bauvorhabens der 80er-Jahre in der Bundesrepublik anhand von Bürgerinitiativen und eines Vertreters der Kommunalpolitik, dessen Gewissen ihn in massive Konflikte mit der Landespolitik und einer technikhörigen Industrie bringt.

Angst vor sozialem Abstieg

Beinahe, daran erinnert der Film eindringlich, wäre das megalomane Projekt, eine atomare Wiederaufbereitungsanlage, von der bajuwarischen Bevölkerung sogar wohlwollend angenommen worden. Denn die Arbeitslosigkeit lag seinerzeit bei 20 Prozent, und als die bayerische Staatsregierung dem Landrat Hans Schuierer (ein grandioser Gewissensprüfer: Johannes Zeiler) eine Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll andienen will, sieht der SPD-Politiker dieses unmoralische Angebot zunächst als eine willkommene Gelegenheit, die zunehmende Frustration seiner Wähler zu mindern. Die werden nämlich von der Sorge vor einem sozialen Abstieg umgetrieben. Immerhin werden dem Landkreis 3000 neue Arbeitsplätze in Aussicht gestellt.

In den stärksten Passagen dieses dramaturgisch sehr gelungenen Spielfilms, den Oliver Haffner in schlüssiger Weise mit Dokumentarmaterial angereichert hat (das vor allem die aufgeheizte Stimmung auf dem Bau-Areal zeigt), versuchen verschiedene Milieus und Kräfte den Landrat einzuwickeln. Allen voran Atomenergielobbyist Karlheinz Billiger (jovial verkörpert von Fabian Hinrichs) und der verschlagene CSU-Umweltminister (Sigi Zimmerschied), der den Bau als „blitzsaubere Sache“ anpreist. Ebenfalls als opportunistischer Minister unter dem schier allmächtigen CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ist August Zirner in einer ebenso kleinen wie feinen Gastrolle zu sehen.

Unbotmäßige Polizeihärte

Die angemessen dosierten dokumentarischen Einblendungen, die sich mit Spielszenen abwechseln, führen vor allem die unbotmäßige Härte der Polizeieinsätze vor. Sowohl mit Knüppeln als auch mit Reizgas gehen die Beamten gegen Aktivisten vor, die Regisseur Haffner als friedliebend kennzeichnet – und entsprechend häufig pazifistisch und ökologisch korrekte Gesänge anstimmen lässt. Doch trotz der unverhältnismäßigen Gewalt in Kombination mit Verhaftungen und der Androhung von Disziplinarverfahren lassen sich die engagierten Oberpfälzer nicht einschüchtern. Es ist anrührend zu sehen, wie ihre Bewegung, die anfangs kaum mehr als ein versprengtes Häuflein ist, mit fortschreitender Dauer der Proteste wächst und wächst.

Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Dieser Sponti-Spruch grundiert die Diskussion und das Handeln der Protestbewegung, in die nach einer Phase des Haderns auch der Landrat einschert. Zu diesem Zeitpunkt haben sich seine Frau und die beiden Kinder längst auf die Seite der Baugegner geschlagen. Es gehört zu den Vorzügen des Films, dass er Schuierers Ringen zwischen politischer Räson und Zivilcourage viel Zeit einräumt. Schuierer selbst sagte unlängst, er sei dankbar für den Film. Dieser zeige, „was in einem Rechtsstaat nicht passieren darf, aber auch, was in einem Rechtsstaat möglich ist“.

Und noch eine persönliche Koinzidenz hat Rührungspotenzial: Die aus Schwandorf stammende Aktrice Anna Maria Sturm spielt Monika, eine Rolle, die sich an ihrer Mutter Irene orientiert. Die lief damals am Bauzaun Sturm gegen die Anlage. Anna Maria war als kleines Mädchen oft dabei. Ihr und ihrer Mutter gilt der Film als ermutigendes Zeichen, dass Widerstand etwas ausrichten kann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+