Lange Nacht der Museen

Eine Nacht für die Kunst

Die 19. Lange Nacht der Museen in Bremen begeisterte große und kleine Besucher mit einem bunten Programm. 27 Museen beteiligten sich in diesem Jahr – vom Vegesacker Geschichtenhaus bis zum Hafenmuseum.
25.05.2019, 21:48
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Von Katharina Frohne und Jonas Mielke

Während um sie herum alles in Bewegung ist, hält Melissa Bocer ganz still. Wie versteinert steht sie im kleinen Hof zwischen Gerhard-Marcks-Haus und Pavillon, auf den Lippen ein vages Lächeln. Die 22-Jährige steht Modell: für Besucher der Langen Nacht der Museen. Um Bocer herum bearbeiten vier Hobbykünstler auf Sockeln platzierte Tonköpfe, versuchen sich daran, eine Büste der Studentin zu formen. „In echt ist sie schöner!“, sagt eine Besucherin entschuldigend, beäugt kritisch ihr Werk. Bocer muss lachen. „Noch ist ja viel Zeit“, sagt sie.

Eine Nacht lang, um genau zu sein. Oder zumindest: eine halbe. Zum 19. Mal öffneten viele Bremer Einrichtungen am Sonnabend von 18 bis 1 Uhr ihre Türen. 27 Museen beteiligten sich in diesem Jahr – vom Vegesacker Geschichtenhaus im Bremer Norden bis zum Hafenmuseum in der Überseestadt. „Überleben“ lautete das Motto, viele Häuser boten passende Veranstaltungen an.

Ein Hahn mit quietschbunten Neonfedern

So auch im Gerhard-Marcks-Haus. Während draußen die Tonbüsten Form annehmen, versucht sich der Bremer Künstlernachwuchs an den bekanntesten Bremer Davongekommenen überhaupt: den Stadtmusikanten. An einer langen Tafel sitzen acht Kinder, weitere schauen zu. Mittendrin: Museumspädagogin Natalia Schätz. Sie zeigt dem Künstlernachwuchs, wie er aus Knete die Tiere formen und verzieren kann. Schon um kurz nach sieben, eine Stunde nach Beginn, gleicht der Basteltisch einem kleinen Streichelzoo: Vier Esel mit Mähnen aus Garn und Liebesperlen stehen neben einem rätselhaften Wesen, dessen Schöpfer das mit der künstlerischen Freiheit ganz und gar ernst gemeint hat. Besonders beeindruckend: ein Hahn mit quietschbunten Neonfedern.

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Auch das Weserstadion öffnete seine schweren Eisengitter für die Lange Nacht der Museen – und viele Fans konnten zum ersten Mal sehen, wie es in den Katakomben unter der Ostkurve aussieht. Sebastian und Sandra Fitzke waren schon oft auf den Rängen, am Spielfeldrand und in den Katakomben waren sie noch nie. Die 34-Jährigen haben ihre Kinder mitgebracht, Lenja und Leo. Beide noch keine zehn Jahre alt, auf dem Weg Werder-Fans zu werden.

Gemeinsam schießen sie ein Familien-Selfie vor dem ramponierten Rasen. Sie nehmen dort Platz, wo sonst Werder-Trainer Florian Kohfeldt sitzt. Die Tour zeigt auch Eindrücke, die im Hochglanz-Bundesligageschäft selten oder nie zu sehen sind: Ein Spinnennetz im Spielertunnel oder einen Aschenbecher, ein wenig versteckt auf einem Regal in der Kabine für den Trainer der Gastmannschaften im Weserstadion. Auch vor den mit Sponsorenlogos gepflasterten Interview-Wänden lassen sich Leo und Lenja von ihren Eltern fotografieren. Wie ihnen die Tour gefallen hat? „Gut“, sagen sie gleichzeitig, dann rennen sie schon weiter. Eine knappe Antwort, als wären sie schon Fussballprofis im Interview direkt nach dem Spiel.

Während es schwer sein dürfte, einen Bremer aufzutun, der das Weserstadion nicht kennt, verbirgt sich im Viertel ein Ort, der tatsächlich noch so einigen unbekannt sein dürfte: das Tischlerei-Museum. Ein bisschen ist es, als sei in der Koepkenstraße die Zeit stehen geblieben. Die dortige Werkstatt, die 1889 gegründet wurde und bis 1986 in Betrieb war, ist nahezu original erhalten. Viele der damals angeschafften Maschinen gibt es noch immer, fast alle laufen noch: heute elektronisch statt mit Dampf.

„Ein Stück konservierte Bremer Geschichte“, sagt Frank Baethke. Der Vorsitzende des Fördervereins ist an diesem Abend einer der Ansprechpartner für all jene, die vorbeikommen. So wie Friso Kahle und Lüder Hemming. Gemeinsam stehen sie vor einer Furnierpresse. Baujahr 1860. Die kenne er noch, sagt Hemming. Der Vater des 54-Jährigen war Tischler. Deshalb das Tischlereimuseum? Ja, sagt Kahle. Die Lange Nacht besuchen die beiden zum ersten Mal, gleich wollen sie weiterziehen, zum Wagenfeld-Haus, vielleicht zum Dommuseum. „Wir lassen uns einfach treiben, dafür ist die Nacht da“, sagt Kahle.

Die Zerbrechlichkeit der Erde

Im Olbers-Planetarium lehnen sich die Besucher zurück, während über ihnen der Sternenhimmel funkelt. Es ist eine Projektion, klarer als sie wohl je real zu sehen seien wird. Ohne Lichtverschmutzung. Stephanie Warnke und Inken Wriedt recken ihre Köpfe hoch, sehen den großen Wagen, den Bär und weitere Sternbilder. Warum sie hier sind? „Weil wir Sterne mögen“, sagt die 27-jährige Warnke und lacht.

Nach der Präsentation klettern sie die Stufen zur Sternwarte hoch. Holger Voigt, Vorsitzender des Vereins, erklärt wie die Teleskope auf dem Dach der Hochschule Bremen funktionieren. Später, wenn es dunkel wird, will er hier Planeten zeigen.

Im Olbers-Planetarium wird das Motto der Langen Nacht der Museen in diesem Jahr besonders ernst genommen: „Überleben“. Die Präsentation zeigt die Zerbrechlichkeit der Erde, ein kurzer Film aus dem Weltall wird eingespielt. Der deutsche Raumfahrer Alexander Gerst hat ihn für seine noch nicht geborenen Enkelkinder aufgenommen. Darin sagt er: „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand überlassen werden.“

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