Cirque du Soleil

Eine perfekt organisierte Fantasiewelt

Bremen. Der weltberühmte Cirque du Soleil gastiert vom 7. bis zum 11. April in Bremen. Dann wird das Ensemble das hanseatische Publikum in der Bremen-Arena mit der Show „Saltimbanco“ in die Welt der Artistik entführen.
06.04.2010, 17:36
Lesedauer: 5 Min
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Von Thomas Joppig
Eine perfekt organisierte Fantasiewelt

Der Cirque du Soleil gastiert mit seiner Show „Saltimbanco“ vom 7. bis zum 11. April 2010 in der Bremen-Aren

Cirque du Soleil

Bremen. Der Zirkus ist ein ebenso traditionsreiches wie schnelllebiges Unterhaltungsgenre. Die meisten großen Shows in Europa reisen nicht länger als ein Jahr und werden dann durch neue Programme ersetzt. Da mutet es auf den ersten Blick schon reichlich kurios an, wenn ein Manegenunternehmen eine 18 Jahre alte Produktion noch mal auf Tour schickt. Kann man damit heute noch das Publikum anlocken? Man kann. Zumindest wenn die Show „Saltimbanco“ heißt und vom weltberühmten Cirque du Soleil stammt. Vom 7. bis zum 11. April macht das Ensemble in der Bremen-Arena Station.

Gewiss, die Artisten sind heute nicht mehr die selben wie damals, 1992, als „Saltimbanco“, die erste reisende Produktion des kanadischen Ausnahmezirkus, Premiere feierte. Zu kräftezehrend ist die Akrobatik, zu waghalsig sind die Salti und Sprünge, als dass ein Artist damit über einen so langen Zeitraum hinweg auftreten könnte. Doch sonst hat sich wenig verändert. Noch immer singt von der Bühne eine geheimnis- und gefühlvolle Stimme Kumbalawé-mana, ein Zauberwort in der Fantasiesprache dieser Show.

Und noch immer klettern Artisten in leuchtend bunten Kostümen hohe Masten empor, umwinden sie wie eine Kletterpflanze, oder spreizen ihre Körper dort oben in der Waagerechten ab, als sei der eigene Leib eine Fahne im Wind. Jonglierbälle fliegen umher – ebenso wie jene weiß gekleideten, engelhaft wirkenden Wesen, die sich an Bungeeseilen befestigt von ihren Trapezstangen abstoßen, um wenig später zielsicher wieder dorthin zurück zu schweben.

Einfallsreiche Kostüme waren schon immer ein Markenzeichen des Cirque du Soleil. Farbenfrohe Fantasiegestalten springen, tanzen, wirbeln umher, Pierrots mit Leselampe über dem Kopf schreiten würdevoll zwischen den Sitzreihen umher, langnasige Maskenfiguren turnen auf den ersten Blick scheinbar tollpatschig und doch dabei doch ungemein agil über die Bühne. Es scheint, als seien sie geradewegs einer Karikatur entsprungen. Und dabei wirken sie fast noch konservativ, verglichen mit den abgefahrenen Gestalten aus späteren Soleil-Shows. „Saltimbanco ist unser Klassiker“, sagt Zirkus-Sprecher Maxime Charbonneau denn auch.

Früher gastierte die Show in einem Zelt, nun ist die Produktion auf Hallentournee. Dass es sich dabei auch um eine Effizienzfrage handelt – daraus macht Charbonneau keinen Hehl: „Der Zeltaufbau dauert bei uns sieben bis acht Tage. Um die Bühnenteile in der Halle aufzubauen, brauchen wir dagegen nur sieben bis acht Stunden“, sagt er. „Dadurch können wir auch in Städten gastieren, in denen sich längere Gastspiele nicht lohnen würden.“

Doch es ist nicht leicht, die Zauberwelt aus dem Zelt in die großen und oft nüchternen Veranstaltungshallen zu überführen. Damit die Tricks und Effekte nicht durch allzu große Sichtabstände verpuffen, wird in Bremen denn auch nur die Hälfte der Halle genutzt. Der übrige Teil wird abgetrennt.

In der Hansestadt gastierte der Cirque du Soleil erstmals vor gut zwei Jahren im damaligen AWD-Dome – mit der Show „Delirium“, einer aufwändigen Multimediaproduktion mit riesigen Leinwänden. Es war eine Vorstellung, in der Tanz, Pantomime und Musik zusammen mit den digitalen Projektionen zu einer vieldeutigen Traumwelt verschmolzen. Eindrucksvoll, gewiss, aber eben nicht so akrobatisch, wie es das Publikum vom Cirque du Soleil erwartet - das räumt Charbonneau ein.

„Saltimbanco ist da ganz anders“, sagt er. Das sieht man an diesem Nachmittag in der Frankfurter Festhalle schon bei den Proben. Auf einer länglichen Schaukel schwingen sich drei Artisten empor. Immer höher und höher schwingt die Schaukel, bis plötzlich vordere Artist abspringt, in luftiger Höhe einen gekonnten Salto schlägt und mit voller Wucht auf einer weichen Matte landet.

Angespannt wirken die Akrobaten nicht, während sie dem nächsten Salto entgegenschaukeln. Sie lachen, albern herum, ein bisschen so wie Kinder auf einer Schiffsschaukel. Später, in der Show, wird diese Nummer zwar viel rasanter und waghalsiger wirken. Und doch: Der verspielte Eindruck wird bleiben. Denn das ist ja die Kunst der Akrobaten: Dass sie in der Lage sind, selbst schwierigste Bewegungen leicht aussehen zu lassen. Doch diese scheinbare Leichtigkeit muss hart erarbeitet werden, das weiß Michael Ocampo nur zu gut. Der 37-Jährige ist seit sechs Jahren einer der Cheftrainer des global agierenden Unterhaltungskonzerns.

Zuvor hatte er dort zehn Jahre als Artist gearbeitet. „Das habe ich auch mal gemacht“, sagt er und zeigt lächelnd auf die schaukelnden Akrobaten. „Als Artist hat man eigentlich immer an irgendeiner Stelle des Körpers Muskelkater oder sonstige Schmerzen“, weiß er. Zirkus in dieser Qualität – das ist eben etwas für Besessene. Erst recht dann, wenn sie für das Engagement die Familie daheim zurücklassen müssen. Denn anders als bei den Zelt-Shows des Cirque du Soleil können bei den schnell reisenden Hallenshows Lebenspartner und Kinder der Zirkusbeschäftigten nicht mitreisen. „Das ist für manche schon hart“, weiß Ocampo.

Nichtsdestoweniger: Der Zirkus tut viel dafür, damit die Mitarbeiter sich wohl fühlen. „Everything this way“ verrät ein Schild hinter der Bühnenpforte, das den suchenden Artisten schon mal verrät, dass die Richtung stimmt. Egal, ob Garderoben, Toiletten, Massage, oder Catering. Alles haben die Zirkusleute genau ausgeschildert. Im Wohnwagen lebt niemand von ihnen. Übernachtet wird in Hotels. Hinter der Bühne hängen die Kopfbedeckungen. Manche erinnern an einen Blumenstrauß, andere an eine kunstvoll gefertigte Narrenkappe. Jede von ihnen ist ein Unikat, das genau der Kopfform des Artisten entspricht, damit während der schnellen Bewegungen der Akrobaten nichts verrutscht.

Was als Straßenzirkus begann, ist heute ein weltweit operierender Unterhaltungskonzern mit rund 5000 Mitarbeitern. Derzeit präsentiert der Cirque du Soleil 20 verschiedene Produktionen - teils auf Tourneen, teils in festen Häusern. Allein in Las Vegas lockt der Zirkus sein Publikum mit sieben verschiedenen Shows an.

Wer im Cirque du Soleil auftritt, muss sich daran gewöhnen, eine Rolle zu spielen. Das ist für manche der Artisten, von denen viele zuvor Leistungssportler waren, nicht immer leicht: „Es ist wichtig, dass sie auf der Bühne Gefühle ausdrücken“, sagt Zirkus-Sprecher Charbonneau. Genau das falle jedoch insbesondere den Ensemblemitgliedern aus Osteuropa oft nicht leicht. „Sie müssen lernen, zu schauspielern, mit dem Publikum zu interagieren.“ Das geschieht in Workshops, die der Zirkus seinen Mitarbeitern anbietet. „Manche haben recht schnell den Bogen raus, andere haben auch nach einem Jahr noch Probleme. Das ist eine Frage des Naturells.“

Der Cirque du Soleil formt Träume, aber keine Stars: Nicht der Einzelne, sondern die Ensembleleistung und die Inszenierung stehen hier im Mittelpunkt. Wohl kaum ein anderer Zirkus ist so konsequent in dem Bestreben, seine Besucher in eine Fantasiewelt zu entführen. In mancher der filigranen Kopfdeckungen, die im Hauptquartier des Zirkus in Montreal gefertigt werden, stecken bis zu 80 Stunden Arbeit. Und allein während des Tourneebetriebs von „Saltimbanco“ sind vier Mitarbeiterinnen hinter den Kulissen nur damit beschäftigt, die Kostüme der Artisten auszubessern.

So müssen etwa die knallbunten Schuhe jeden Tag neu mit Lackfarbe eingepinselt werden, weil sie sich bei den oft extremen Bewegungen der Artisten so schnell abnutzt. Auf rollbaren Materialschränken sind Zeichnungen der fantasievollen Outfits aufgeklebt. Stoff und Knöpfe, Federn, Pailletten und Bordüren – alles was zum Ausbessern der Kostüme benötigt wird, ist hier genau sortiert. So schrill und bunt die Shows des Cirque du Soleil auch wirken, so durchorganisiert geht es hinter den Kulissen zu. Es ist eine Fantasiewelt, die festen Regeln folgt – auch wenn die für den Zuschauer unsichtbar bleiben.

Sicher, auch am Cirque du Soleil sei Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbei gegangen, sagt Maxime Carbonneau. „Wir merken das vor allem in den USA. An manchen unserer Standorte seien die Umsätze um bis zum einem Fünftel zurückgegangen gegangen. Aber es ist noch immer ein profitables Geschäft. „Statt 95 Prozent Auslastung haben wir jetzt eben 80.“ Krise hin, Krise her. Entertainment wird es immer geben, davon ist er überzeugt. „Menschen wollen eben unterhalten werden, und ihre Probleme mal eine Zeitlang vergessen.“

Karten für Saltimbanco gibt es unter anderem bei Karstadt und im Ticketshop der Bremen-Arena.

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