Bremens Kunsthalle zeigt Lynn Hershman Leeson-Ausstellung Eine wahre Pionierin der Medienkunst

Bremen. Interaktive Kommunikation über Smartphones, mit Laserdiscs und anderen technischen Geräten der schönen neuen Medienwelt gehört heute zum Alltag ganzer Generationen. Für die Künstlerin Lynn Hershman Leeson ist das ein alter Hut.
02.06.2012, 05:00
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Von Peter Groth

Bremen. Interaktive Kommunikation über Smartphones, mit Laserdiscs und anderen technischen Geräten der schönen neuen Medienwelt gehört heute zum Alltag ganzer Generationen. Für Lynn Hershman Leeson ist das ein alter Hut – sie hat in ihrer Kunst schon vor 30 Jahren interaktive Begegnungen zwischen ihren Werken und deren Betrachtern entwickelt, die staunen machen. Die Kunsthalle zeigt ab heute die erste große institutionelle Ausstellung der 71-jährigen Pionierin der Medienkunst in Deutschland.

Medienkunst, interaktive Kunst einer Frau, die für die Debatten des Feminismus schon vor Jahrzehnten wichtige Impulse gegeben hat – wenn da gleich die Klappe "Interessiert mich nicht" fällt, dann tut man Lynn Hershman Leeson unrecht. Die in San Francisco und New York lebende Künstlerin ist nicht nur eine weltweit anerkannte Pionierin dieses Genres, sie hat auch ein Werk vor und ein Werk mit dem Computerzeitalter geschaffen.

Und vor allem: Wer in der medialen Kunst zu wenig Emotion und Ästhetik vermutet, wer hier nur das Primat der ausgeklügelten Technik sieht, wird vom Lebenswerk Lynn Hershmans eines Besseren belehrt. Bei aller Technik, bei allem innovativen Pioniergeist – die Amerikanerin ist eine wunderbare Geschichtenerzählerin, die vielleicht nur eines vom Betrachter verlangt: Neugierde (aber auch Kenntnisse der englischen Sprache).

Präsentation in der Sammlung

Die Kuratorin Katja Riemer hat die Ausstellung in der Kunsthalle gleich über drei Etagen verteilt. So entstanden Räume, die konzentriert Teile des Werkes zeigen. Und der Besucher trifft in der Sammlung auf vereinzelte Arbeiten Hershmans, die genau für diesen Präsentationsort entwickelt wurden – könnte man meinen, stimmt aber nicht. Zwei Beispiele: Die 2007 entstandene Installation "Olympia", die eine nackte, lebensecht wirkende Puppe von einem Dia der "Olympia" Manets überblendet zeigt, wurde direkt gegenüber von Lovis Corinths liegendem Frauenakt platziert. Oder: Hershmans nach Tizian gearbeitete "Digital Venus III" findet sich nun im Blickfeld von Cranachs Quellnymphe im Raum der spätmittelalterlichen Malerei.

Diese Platzierungen wirken stimmig. Die Konzentration von Lynn Hershmans Rauminstallationen aus den Siebziger-Jahren auf ein größeres Kabinett und die Zusammenführung der späten interaktiven Arbeiten neben dem Cage-Raum ebenso. In den Sechziger- und Siebziger-Jahren entstehen insbesondere drei Projekte, die für erheblichen Wirbel sorgen. Die frühe Soundskulptur "The Breathing Machine" (1967), eine hörbar atmende Frauenmaske, und die frühe Installation "Dante Hotel" (ab 1972) sollten seinerzeit in der University of Berkeley gezeigt werden, wurden aber verbannt, weil sie angeblich keine Kunst waren. Also zeigte Lynn Hershman ihr Projekt mit Wachspuppen in einem Hotel. Das wiederum rief die Polizei auf den Plan, die alle Teile der Installation als Beweismittel eines vermuteten Verbrechens beschlagnahmte – in welcher Asservatenkammer dieses Kunstwerk liegt und ob es noch erhalten ist, weiß niemand. In der Kunsthalle ist die Arbeit jetzt dokumentiert.

Erst Jahrzehnte nach dem Entstehen sorgte Lynn Hershman mit ihrem Projekt "Roberta Breitmore" für Furore. Von 1971 bis 1979 wechselte sie komplett ihre Identität, entwickelte als Roberta eine eigene Biografie, eine eigene Körpersprache und ließ diese Lebensphase bis ins Detail dokumentieren. Der Versuch, dieses künstlerische Experiment zu vermarkten, scheiterte damals kläglich – erst vor wenigen Jahren hat jetzt das New Yorker Moma die pionierhafte Tragweite dieser Auseinandersetzung mit Zeit, Konsum, Privatsphäre, Überwachung und persönlicher Macht erkannt und das Werk erworben. Lynn Hershman hat "Roberta Breitmore" 1978 exekutiert, aber Jahrzehnte später als Avatar in der digitalen "Second Life"-Welt neu entstehen lassen. Diese Arbeit ist jetzt, wie auch das erste Projekt, in der Kunsthalle zu sehen.

Interaktive Kunstwerke

Ab 1984 hat die Amerikanerin, deren Bremer Ausstellung Teil des ihr zuerkannten 4. DAM Digitalkunst-Preises ist, interaktive Objekte entwickelt, die sich per Bildschirmberührung ("Deep Contact") vom Betrachter steuern lassen oder die wie die Rauminstallation "Lorna" (1994) mit kleinen versteckten Kameras den Betrachter zum Teil des Kunstwerks werden lassen. Als Lynn Hershman diese interaktiven Kunstwerke entwickelte, steckte die Computerindustrie mit ihren Videospielen noch in den Kinderschuhen.

Die Pionierin der Medienkunst hat sich auch danach nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht, hat ab 1997 Kinofilme unter anderem mit Tilda Swinton und Jeremy Davies gedreht, die im Kino City 46 gezeigt werden (heute, 20.30 Uhr: Strange Culture). Und sie hat stetig technologische Innovationen genutzt, um immer noch raffiniertere interaktive Kunstwerke zu entwickeln. Etwa "Cyber Roberta", eine niedliche Puppe als Ebenbild der Roberta Breitmore aus den Siebziger-Jahren. Diese Puppe hat es in sich – eine Minikamera im Innern dokumentiert das Geschehen und überträgt es unter www.lynnhershman.com/doll2 ins Internet und ermöglicht so den Zugang in die Bremer Ausstellung.

Die Ausstellung ist bis zum 19. August in der Kunsthalle zu sehen. Es erscheint ein ausführlicher Katalog.

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