Film ab: Carmen Molinar "Einige Rollen bleiben in Erinnerung"

Die Bremer Schauspielerin Carmen Molinar ist schon in viele Rollen geschlüpft. Einige sind ihr mehr in Erinnerung geblieben als andere. Im Interview spricht sie über den "schönsten Beruf der Welt".
28.06.2018, 10:31
Lesedauer: 5 Min
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Von Alexandra Knief
Frau Molinar, Fernsehserien- und Filme, Jobs als Synchronsprecherin, Produzentin, Moderatorin – die Liste ihrer bisherigen Rollen und Tätigkeiten ist lang. Schlafen Sie überhaupt?

Carmen Molinar: Ja, aber zu wenig. Nein, das ist Quatsch. Ich habe noch genügend Zeit für andere Dinge. Als ich letztes Jahr den Film „Martha“ produziert habe, da war es mir irgendwann aber ein bisschen zu viel. Und da habe ich auch beschlossen: Das mache ich nie wieder! Also produzieren fällt weg, das hat mir wirklich Nächte geraubt. Die kreativen Sachen bleiben, aber Produktion alleine nicht mehr. Höchstens mit jemandem zusammen. Immerhin habe ich jetzt gelernt, wie es geht.

Vor der Kamera passiert dafür aktuell umso mehr bei Ihnen. Erst im März konnte man Sie im neuesten Bremer "Tatort" sehen…

Ja, das ist ja schon etwas Besonderes im "Tatort" mitzuspielen und dann auch noch zuhause, das ist doppelt schön. Ich habe eine Altenpflegerin gespielt und wollte das richtig und gut machen. Ich habe das Glück, dass ein alter Schulfreund von mir in Hamburg eine ambulante Altenpflege hat. Da durfte ich zwei Tage mit einer Mitarbeiterin mitlaufen und die Abläufe kennenlernen.

Bereiten Sie sich immer so akribisch auf Ihre Rollen vor?

Ja, klar. Es gibt Rollen, die kann ich mir selber erarbeiten. Aber da hätte ich das nicht gekonnt. Am Anfang lese ich immer viel zu meiner Rolle. Und im Idealfall gehe ich eben dahin, wo ich bestimmte Rollen oder Berufe ausüben kann. Ich hatte beim "Tatort" nur einen Drehtag. Die Vorbereitung dauerte weitaus länger.

Kellnerin, Tanzlehrerin, Ärztin, Sie waren vor der Kamera schon vieles. Was war Ihre spannendste Rolle?

Man hat bei jeder Rolle erst einmal das Gefühl, dass sie die spannendste ist. Rückblickend ist es aber natürlich nicht so. Einige Rollen bleiben in Erinnerung, andere nicht. Gar keine Freude bereitet hat mir Anfang des Jahres ein Kurzfilm, bei dem ich eine Rechtsradikale spielen musste. Auch da musste ich überlegen: Wie komme ich da in ein echtes Gefühl? Als Altenpflegerin kann ich in die Altenpflege gehen, wenn ich eine Kellnerin sein muss, dann kellner ich eine Zeit. Aber was mache ich denn bitte als Rechtsradikale? Ich geh doch nicht auf irgendwelche NPD-Veranstaltungen! Das fand ich unglaublich schwierig. Ich habe dann Kontakt zu Leuten aufgenommen, die aus der Szene ausgetreten sind.

Und die schönste Rolle?

Meine schönste Rolle war die der Clara Hammerl. Sie war eine der ersten Deutschen, die nach Mallorca gekommen ist und dort mit ihrem mallorquinischen Mann eine Sparkasse geleitet hat. Sie war eine riesengroße deutsche Frau, blond, Protestantin, gehasst wie sonst was. Zu verstehen, was in dieser Frau vorging, alles zuhause zurückzulassen, um irgendwo zu leben, wo man überhaupt nicht angenommen wird, das fand ich sehr beeindruckend. Ich wollte diese Rolle unbedingt spielen.

Und so kam es dazu, dass Sie die Hauptrolle in einem mallorquinischen Film spielten, obwohl sie die Sprache gar nicht beherrschten?

Ich wurde gefragt, ob ich auch ein bisschen Mallorquinisch kann und ich sagte ja. Ich dachte mir: Ach, die paar Sätze, die du da sprechen musst, kannst du dir aneignen, das merkt kein Mensch. Ich wusste anfangs aber nicht, wie groß die Rolle ist. Am Ende gab man mir 15 Seiten in katalanischer Sprache. Ich hab, wenn überhaupt, die Hälfte verstanden. Eine Freundin hat mir alles ins Spanische übersetzt und ich mir dann vom Spanischen ins Deutsche. Ich hab die Rolle erst auf Deutsch gelernt, dann auf Spanisch und dann hat eine Freundin mir den Text Satz für Satz mit dem richtigen Dialekt eingesprochen, damit ich ihn nachsprechen kann. Das war viel Arbeit, aber ich bin stolz und froh, dass ich es gemacht habe.

Sie sagten im Vorfeld: Zu spielen ist der schönste Beruf, den Sie kennen. Warum?

Für mich zumindest. Ich habe ja erst sehr spät angefangen. Mit 40 habe ich gesagt: Jetzt probiere ich es! Und es war für mich die richtige Entscheidung, weil mich die Arbeit sehr glücklich macht. Ich kann Dinge spielen, die mit meinem Leben gar nichts zu tun haben und Dinge machen, die ich mich im echten Leben gar nicht traue, weil ich denke, das gehört sich nicht. Als Schauspieler darf ich alles ausleben und muss hinterher keinerlei Konsequenzen tragen (lacht).

Wie schafft man es heutzutage, in der Masse an Schauspielern aufzufallen und auf sich aufmerksam zu machen?

Das Spiel ist heute minimalistischer als noch vor zwanzig Jahren. Mein amerikanischer Coach sagte immer zu mir, wenn er deutsche Filme von damals sieht, ist das für ihn wie Operette für uns, weil alles so viel größer ist. Heute trauen die Leute sich eher, so zu sein wie es auch im realen Leben wäre. Die große Gefahr ist da aber unterpräsent zu sein. Ich glaube, die große Kunst ist es, beides zu bedienen: die Leute zu fesseln, aber dabei ganz natürlich zu sein.

Gerade erst haben Sie mit Til Schweiger gedreht, der Film „Klassentreffen“ kommt im September in die Kinos und ist Ihr erster Kinofilm. Worum geht es und wen spielen Sie?

Es geht um drei Schulfreunde, die zu einem Klassentreffen fahren. Es ist eine Komödie über das Älterwerden. Ich spiele in einer sehr komischen Szene mit den drei Hauptdarstellern zusammen. Der Dreh hat mir richtig Spaß gemacht.

Til Schweiger ist ja nicht überall so beliebt, wird auch oft belächelt – wie haben Sie die Arbeit mit ihm erlebt?

Ich bin da neutral rangegangen. Ich habe großen Respekt vor seinen Erfolgen und gebe sowieso nicht so viel darauf, was andere sagen. Ich war neugierig darauf, wie er die Dreierfunktion als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent wuppt, weil ich durch meine Kurzfilme ja schon erlebt habe, wie schwer das mit zwei Funktionen ist. Und ich muss zugeben, ich war verzückt, weil er ganz bezaubernd zu seinem Team ist, eine unfassbare Geduld hat und genau weiß, was er will.

Wenn Sie die freie Auswahl hätten, mit wem würden Sie gerne einmal zusammen vor der Kamera stehen?

Mit Anthony Hopkins, weil der mich, schon lange bevor ich selbst Schauspielerin war, immer fasziniert hat. Er hat für mich etwas unglaublich Subtiles bei allem, was er macht. Das ist für mich einer dieser Schauspieler, der ganz minimalistisch ist, aber unglaublich präsent.

Sie arbeiten in ganz Deutschland, haben einen zweiten Wohnsitz auf Mallorca, ihr erster Wohnsitz ist und bleibt aber Bremen.

Im Filmgeschäft erfolgreich sein kann man von überall aus. Ich glaube, wenn man etwas von Herzen gern macht, dann kann man auch andere Leute damit überzeugen.

Die Fragen stellte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Carmen Molinar (52)

ist studierte Sprach- und Literaturwissenschaftlerin und entschied erst sehr spät, sich dem Schauspiel zu widmen und ihre siebenjährige deutsche und internationale Schauspielausbildung zu starten. Seitdem ist sie in zahlreichen TV-Filmen und Serien zu sehen, arbeitet unter anderem auch als Sprecherin und Produzentin von Kurzfilmen. Im September ist sie erstmals auch in einer kurzen Kinorolle zu sehen.

Info

Zur Sache

Steckbrief

Name: Carmen Molinar

Alter: 52

Ausbildung: Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften. Sie entschied erst spät, sich dem Schauspiel zu widmen und absolvierte eine insgesamt siebenjährige deutsche und internationale Schauspielausbildung.

Filmografie (Auswahl): „Clara Hammerl“ (TV-Doku, 2017); „Im toten Winkel“ (Tatort Bremen, 2018), „Klassentreffen“ (Kinofilm, Herbst 2018), u.v.a. Außerdem Rollen in diversen TV-Serien und Kurzfilmen.

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