Festival Tanz Bremen startet mit "Edvard"

Eisgekühltes Gesamtkunstwerk

Krankheit und Tod haben den norwegischen Maler Edvard Munch begleitet. Der spanische Choreograf Marcos Morau philosophiert in seinem Stück „Edvard“über die Auswirkungen: Das Festival Tanz Bremen startete mit einem Gesamtkunstwerk.
07.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Eisgekühltes Gesamtkunstwerk
Von Iris Hetscher

Krankheit und Tod haben den norwegischen Maler Edvard Munch Zeit seines Lebens begleitet. Der spanische Choreograf Marcos Morau philosophiert in seinem Stück „Edvard“, das er mit dem norwegischen Ensemble Carte Blanche realisiert hat, über die Auswirkungen dieser Erschütterungen auf Munchs Leben: Das Festival Tanz Bremen startete mit einem Gesamtkunstwerk.

Kalt strahlt die Farbe des Abends: Hinter einem weißen Vorhang weiß bezogenen Krankenhausbetten, die Tänzer wie frisch aus dem Kochwaschgang. Das Licht: kühl, manchmal bläulich, ein paar Mal leuchtet es grellrot auf, wie ein Fanal. Hier geht es um Existenzielles, und genauso inszeniert der spanische Choreograf Marcos Morau sein Stück „Edvard“ denn auch.

Morau, im Programmheft ehrfürchtig als „neuer Meister“ apostrophiert, hat sich mit Edvard Munch (1863-1944) beschäftigt, dem Maler, dessen „Schrei“ heute Bestandteil der Popkultur ist. Immer wieder hat Munch Bilder gemalt, in denen Krankheit und Tod eine Rolle spielen – früh verlor er seine Mutter durch Tuberkulose, seine ältere Schwester starb an der Krankheit. Seine jüngere Schwester war wegen Depressionen in Behandlung, und auch Munch selbst litt an einer bipolaren Störung. Was machen derartige Erfahrungen mit einem Menschen, mit einem Künstler?

Morau hat ein komplexes inszenatorische Gebäude aus dieser Frage gezimmert und nimmt Munchs Aufenthalt in einem Sanatorium als Ausgangspunkt. Die eisgekühlte Szenerie wird beschallt von einem Musik- und Geräuschkonglomerat, bei dem Regenrauschen, Lieder aus diversen Epochen, Klavier- und Popmusik sowie vom Subwoofer erzeugtes Herzwummern sich ablösen. Hinzu kommen (auf Englisch) eingesprochene Sentenzen aus Munchs Tagebuch – selbstquälerische, von Lebensekel und Pessimismus getränkte Sätze. Hier wäre es wirkungsvoller gewesen, auf Akzente zu setzen statt auf eine Plappersoundtapete, die den Betrachter von dem Tanz ablenkt, der ja auch noch stattfindet.

Die zwölf Tänzerinnen und Tänzer des norwegischen Nationalensembles Carte Blanche loten in „Edvard“ mit atemberaubender Schnelligkeit und Präzision Bewegungsabläufe aus, in denen es um Nähe und Distanz, um den Willen zur Selbstbestimmung und Limitierungen durch Krankheit geht. Weit ausgreifende Bewegungen müssen dabei Ansätze bleiben, gehen schnell in beinahe spastische Verkrampfungen über – die eigenen Glieder verschlingen sich miteinander. Oder mit denen anderer Tänzer – Soli sind selten bei Morau, immer wieder vereinigen sich mehrere Tänzer zu einem Gebilde, das sich nur unter Schmerzen aufzulösen vermag. Der Spanier arbeitet dabei stark repetitiv, wie von der Leitmotivik in der klassischen modernen Musik inspiriert: Die Bewegungen wiederholen sich, variieren, ein Entrinnen aus dem Kanon gibt es aber nie, sondern als Alternative nur die Statik. Dann formieren die Tänzer sich zu Standbildern – inspiriert von den Gemälden Edvard Munchs.

Das Programm von Tanz Bremen finden Sie unter www.tanz-bremen.de

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