Musikfest Bremen: Rossini-Oper „Tancredi“ in der Glocke: Marianna Pizzolato begeistert in der Titelpartie Emotionen und schöner Gesang

Bremen. Opernliebhaber aus nah und fern kamen in die Glocke, um Gioacchino Rossinis recht selten aufgeführtes Werk „Tancredi“ live zu erleben. Dank der konzertanten Wiedergabe konnte man sich beim Musikfest auf die Musik, die ausgezeichneten Stimmen und die beliebte Accademia Bizantina konzentrieren.
30.08.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Markus Wilks

Bremen. Opernliebhaber aus nah und fern kamen in die Glocke, um Gioacchino Rossinis recht selten aufgeführtes Werk „Tancredi“ live zu erleben. Dank der konzertanten Wiedergabe konnte man sich beim Musikfest auf die Musik, die ausgezeichneten Stimmen und die beliebte Accademia Bizantina konzentrieren. Es ist das Schema vieler Opern: Ein einflussreicher Vater (Argirio) will seine Tochter (Amenaide) aus politischen Gründen mit einem verfeindeten Familienoberhaupt (Orbazzano) verheiraten, diese aber liebt einen anderen Mann (Tancredi). Doch nicht genug der Komplikationen in Sachen Liebe. Tancredi, der zu Unrecht im Exil lebt, will seine Heimatstadt Syrakus (Sizilien) gegen islamische Eroberer verteidigen. Ein geheimer Brief Amenaides an den Hoffnungsträger Tancredi wird jedoch mit dem Erzfeind Solamir verbunden. So kommt es auch zwischen Tancredi und Amenaide zu Verwerfungen, die trotz des Sieges über Solamir zum Tod des Titelhelden und damit zu einer unvollendeten Liebesgeschichte führen.

Die letzten Inszenierungen (und in der Glocke so manches Schmunzeln beim Lesen der Übertitel) haben gezeigt, dass das Libretto zu „Tancredi“ kaum heutigen Standards genügt. Themen wie Krieg und Bürgerkrieg im Jahre 1005, Zwangsheirat und verfeindete Familien sind allzu plakativ umgesetzt. Die Musik hingegen offenbart Koloraturen, Emotionen und schönen Gesang, auch wenn dem 21-jährigen Komponisten in seiner ersten „ernsten“ Oper nicht alles gelang; Rossini setzte die unterschiedlichen psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten oft undifferenzierter in Noten als in späteren Werken. In der Titelpartie begeisterte Marianna Pizzolato das Publikum durch ihren in jeder Sekunde souverän fließenden dunklen Mezzosopran, der makellosen Gesang ermöglichte. Vielleicht hätte man sich, gemessen an großen Rollenvorbildern, noch mehr kraftvolle Brillanz in den Koloraturen und in der Tiefe wünschen könne – als „Gesamtpaket“ überzeugte Marianna Pizzolato sehr wohl. Gespannt war man auf den Auftritt von Olga Peretyatko als Amenaide, doch musste die Sopranistin krankheitsbedingt absagen. Dem Musikfest gelang es, mit Patrizia Ciofi eine der besten Sängerinnen ihres Fachs zu gewinnen, die in „Tancredi“ zuletzt in Paris und Berlin gefeiert wurde.

Sie bemühte sich ganz besonders, die konzertante Aufführung mit Bühnenpräsenz zu prägen. Hörenswert auch, wie sie mit ihrer hauchigen, tragfähigen Stimme die exponierten Höhen geschickt verfeinerte und sich um Klangqualität bemühte. Der starke Einsatz der Gesichtsmuskulatur und einige nicht sauber getroffene Töne ließen jedoch erahnen, wie schwer Amenaide zu singen ist. Zweimal musste das Musikfest die Tenorpartie des Argirio umbesetzen, gleichwohl war Mario Zeffiri alles andere als ein Ersatz. Sein typischer Rossini-Tenor kam in der etwas höheren Lage an gewisse Grenzen, doch die extremen Spitzentöne gelangen der klangvollen Stimme atemberaubend gut. Jana Kurucova (als Roggiero mit kraftvollem Einsatz), Romina Tomasoni (als Isaura klanglich wie eine kleinere Schwester Tancredis), Mariano Buccino (als Orbazzano mit sonorem Bass) und der aufmerksam singende Herrenchor des Musikfests (Einstudierung: Detlef Bratschke) komplettierten das vorbildlich zusammengestellte Ensemble. Ottavio Dantone stand wieder einmal der spielsicheren Accademia Bizantina vor, die mit Originalklanginstrumenten (unter anderem Blockflöten und Hörner) einen Rossini der anderen Art hören ließ. Man kann darüber streiten, ob ein „normales“ Sinfonieorchester vielleicht nicht doch näher an Rossinis Steigerungen und Klängen dran ist als ein Ensemble, das eher auf Kontraste setzt. Jubel nach dreieinhalb Stunden Rossini.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+