Neuer Roman vom Bestsellerautor Nick Hornby

Er sagt, sie sagt

Nick Hornby hat ein Buch über Ehekrisen geschrieben. Das ist nicht sonderlich innovativ, aber gerade angesichts der aktuellen Lage doch einen genaueren Blick wert.
28.03.2020, 14:58
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Er sagt, sie sagt
Von Felix Wendler
Er sagt, sie sagt

Sie wirft vor, er kontert: Nick Hornbys neuer Roman ist ein 160 Seiten langer Ehestreit.

Jan-Philipp Strobel/DPA

Bremen. Ob Nick Hornby was geahnt hat? Als sein aktuelles Buch auf den Markt kam, saßen bereits die ersten Familien in häuslicher Quarantäne fest, andere hatten sich zumindest selbst weitgehend isoliert. Ganz so schnell ist der britische Bestsellerautor dann natürlich doch nicht gewesen. Das Coronavirus spielt in „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ nur indirekt eine Rolle. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein eigentlich typisches Hornby-Thema, das in der aktuellen Situation noch mehr Menschen betreffen wird als ohnehin schon: die Ehekrise.

Louise hat Tom betrogen. Vier Mal. Die Ehe der beiden Mittvierziger ist schon lange leidenschaftslos, voll von unausgesprochenen Vorwürfen, vom Genervtsein. „Ich weiß gar nicht mehr, wann wir das letzte Mal ohne Sarkasmus miteinander geredet haben“, sagt Louise. Ständig hocken sie aufeinander, die Kinder als einziges Bindeglied. Viele der Eigenschaften von Louise und Tom erinnern an Katie und David aus Hornbys Roman „How to Be Good“. Sie denkt rational und wissenschaftlich, arbeitet als Pflegerin in einem Heim, wo sie hauptsächlich mit alten Menschen zu tun hat. Eine Anpackerin. Auf der anderen Seite er: ein seit einem Jahr arbeitsloser Musikjournalist, der Platten hortet und soziale Kontakte meidet. Die beiden sind so unterschiedlich, dass sie nie hätten Freunde werden können, fällt ihnen irgendwann auf. Ehepartner aber, das muss doch zu machen sein. Immerhin hat man sich einiges aufgebaut in den zwanzig Jahren. Also suchen sie einen Rettungsanker.

„Eine Ehe in zehn Sitzungen“ hat Hornby die Geschichte im Untertitel genannt. Das klingt nicht nur ein bisschen nach Loriot, sondern liest sich auch so. Eine Paartherapeutin mit dem nicht nur für Tom befremdlichen Namen Kenyon soll retten, was zu retten ist.

Ein Buch, ein Dialog

Der Clou an der Geschichte ist jedoch, dass man diese Frau nicht kennenlernt. Die eigentlichen Sitzungen finden nämlich davor in einem Pub statt. Hier trinken sich Tom und Louise, er mit Bier, sie mit Wein, etwas Mut an. Und dann reden sie. Zehn Mal treffen sie sich in diesem Pub und reden über das Hätte, Wenn und Wäre. Jeder Satz ist eine Metapher, jedes Wort ein Synonym, das auf die Goldwaage gelegt wird. Und so kommen sie vom Hundertstel zum Tausendstel, von der Affäre zur Party, warum er nicht dabei war, sie das gesagt und er das geantwortet hat.

Ob Leidenschaft für Tom ein Kugelschreiber oder ein Schlüssel sei, will Louise wissen. Denn die ist verloren gegangen. „Schlüssel findet man wieder. Kulis nicht“, sagt sie. So geht es immer weiter. Das ganze Buch ist ein großer Stand-Up-Dialog. Leider ist das nicht ganz so lustig wie bei Loriot, sondern zehrt eher an den Nerven wie das Warten auf Godot. Jeder Fortschritt, jede Entwicklung ist im nächsten Kapitel wieder dahin.

Was man Hornby nicht absprechen kann, ist ein Gefühl für schlagfertige Sprüche. „Verdammt, wenn man drüber nachdenkt, ist es wie beim Brexit. Wir werden noch zwei volle Jahre verhandeln, bis wir uns darüber einigen können, wo die Probleme überhaupt liegen“, sagt Tom. Sowas kriegt Hornby zusammen mit ein paar schlauen Sinnsprüchen und viel Zynismus auf eine Seite, ohne dass es allzu konstruiert wirkt. Das Ganze 160 Mal wiederholt ist dann schon etwas anstrengend, weshalb man für ein bisschen Handlung irgendwann sehr dankbar wird.

Tom tut dem Leser diesen Gefallen – und zieht aus. Und dann wieder ein. Dazwischen gibt es mehr Gespräche, ein paar schöne Sätze über die Liebe und das Leben, aber das war es dann auch schon fast. Am Ende steht ein halbgares Happy-End, das ebenso realistisch wie vorhersehbar ist. In normalen Zeiten ließe sich an dieser Stelle konstatieren, dass Nick Hornby ein für seine Verhältnisse ziemlich durchschnittliches Buch über ein ziemlich durchschnittliches Thema geschrieben hat.

Ehekrise in der Krise

Normale Zeiten sind dies jedoch definitiv nicht. Der Blick auf viele Dinge ist neu, und so lohnt es sich, wie auch Hornby es seine Charaktere gerne machen lässt, Szenarien zu entwerfen. Man stelle sich nur vor, Hornby hätte Tom und Louise in die häusliche Quarantäne geschrieben. Kein Pub, keine Paartherapie, kein Entkommen. Es gibt in dem Buch ohnehin schon ein paar Szenen häuslicher Gewalt, die allerdings auf die Straße verlagert werden: Eine Frau schlägt ihren Mann nach einer Sitzung bei der Therapeutin ins Gesicht; Louise schubst Tom zu Boden. Was würde wohl passieren, wenn diese Leute über Wochen hinweg 24 Stunden am Tag zusammen eingesperrt wären? Fernab von der Literatur beschäftigen solche Fragen tatsächlich Experten verschiedener Fachbereiche. Aus China und Italien ist bereits zu hören, dass die Fallzahlen häuslicher Gewalt in den vergangenen Wochen stark zugenommen haben sollen – für Deutschland erwarten manche Experten einen ähnlichen Verlauf.

Bis hin zur körperlichen Gewalt muss man gar nicht schauen, um Nick Hornbys Roman in die aktuellen Umstände zu heben. Der Fluchtinstinkt, der bei Tom und Louise immer wieder Thema ist, dürfte momentan viele Menschen umtreiben. Stress, Angst und Unsicherheit können schnell zum Lagerkoller führen. Sozialpädagogen und Psychologen überschlagen sich aktuell mit Prognosen, was es für Auswirkungen hat, auf engem Raum zusammengepfercht zu sein. Während die einen eine hohe Scheidungsrate prophezeien, sehen die anderen eine Krise, die Familien zusammenschweißt – wie auch bei Tom und Louise. Und natürlich haben die Experten haufenweise Dinge parat, die man tun kann, anstatt sich an die Gurgel zu gehen. Lesen zum Beispiel. Ob es unbedingt der neue Roman von Nick Hornby sein muss, sei mal dahingestellt.

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