Bremer Pianist Artem Yasynskyy Er will doch nur spielen

Artem Yasynskyy aus Bremen hat gerade in Cincinnati die World Piano Competition gewonnen. Dabei hatte man ihm früher attestiert, am Klavier kein Talent zu besitzen. Ein Porträt.
27.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Er will doch nur spielen
Von Klaas Mucke

Artem Yasynskyy hat kein Talent am Klavier. So hatten sie das gesehen an der Spezialmusikschule für hochbegabte Kinder im ukrainischen Donezk, irgendwann Anfang der Neunziger Jahre. Rund 20 Jahre später zuckt Artem Yasynskyy mit den Schultern, dass seine braunen Locken auf dem Kopf zu wippen beginnen. Und er lacht. Dazu hat er allen Grund. Er hat gerade in Cincinnati die World Piano Competition gewonnen. In wenigen Monaten tritt er in der Carnegie Hall auf – dem wichtigsten Konzertsaal der USA. Opa sei Dank.

Denn Großvater Yasynskyy fand, dass die Schule in Donezk wenig Talent darin hatte, das Talent seines Enkels zu entdecken. Er, der an den größten Konzerthäusern der Sowjetunion die Orchestrierungen arrangierte, stellte fest, doch, doch, sein Enkel hat ein absolutes Gehör. Am Rhythmusgefühl würde man vielleicht noch etwas feilen können, ja, aber es ist da. Immerhin war Enkel Artem in eine Musikerfamilie hineingeboren worden. Die Natur aber, sagten sie bei der Aufnahmeprüfung zu den Eltern, die habe bei Artem wohl Urlaub genommen. So erzählt es Artem Yasynskyy heute, zuckt wieder mit den Schultern. Wieder lacht er. Und seine dunklen Augen strahlen. Ohne Genugtuung. Aus purer Freude. Ist ja alles gut gegangen. Denn da der kleine Artem das Klavier der Eltern ohnehin schon ständig in Beschlag nahm, übte der Großvater mit ihm, und es ging los zu einer zweiten Aufnahmeprüfung. Da klappte es dann.

Heute lebt Artem Yasynskyy in Bremen, hat sein Studium bei Patrick O‘Byrne an der Hochschule für Künste (HfK) abgeschlossen und lehrt inzwischen selbst zwei Studenten das Klavierspiel. Nebenbei räumt er auf der ganzen Welt Preise ab. Erst am Mittwoch hat Artem Yasynskyy einen Anruf bekommen: Im höchst dotierten Pianisten-Wettbewerb der Welt, dem Honens-Wettbewerb in Calgary, Kanada, gehört er zu den zehn Halbfinalisten.

Aber Artem Yasynskyy stapelt tief. Nein, ums Gewinnen ginge es ihm nicht, sagt der 26-jährige Ukrainer. Es gehe ihm um die Musik. „Wenn dann noch etwas Gutes passiert, ist das natürlich schön.“ Im Falle des Honens-Wettbewerbs wären das immerhin 100000 kanadische Dollar Preisgeld sowie eine Nachwuchsförderung von einer halben Million Dollar. Eine Menge in der Branche. Und Yasynsykyy sagt: „Ich will einfach spielen.“

Vielleicht ist es genau diese Haltung, die ihn so erfolgreich macht. Er gibt sich nicht entspannt, er ist es. Wenn er redet, bewegt er sich als säße er am Flügel: Der Oberkörper biegt sich zur Seite, nach vorne, der Kopf ist in Bewegung, die Arme bewegen sich von links, nach rechts, nach oben, nach unten. Nicht hektisch. Behutsam. Die Hände formen die Worte nach, illustrieren sie.

Auf dem Weg von der Hochschule zum Café bleibt er an einem Rosenbusch stehen, riecht daran, schwärmt von den Düften. Später wird er die Leichtigkeit der Stücke von Claude Debussy mit diesem Rosenduft vergleichen. Artem Yasinskyy ist interessiert, aufmerksam, stellt viele Fragen.

Es ist sicherlich auch einer der Gründe, warum er das Reisen liebt. Japan, Korea, Australien, USA, Europa: „Reisen verändert die eigene Denkweise“, sagt Yasynskyy. Weil man die Gedankenwelten der anderen Leute kennen und verstehen lernt. Zu Hause, sagt er deswegen, fühle er sich überall. Es klingt befreit, wenn er das sagt. Aber es gibt diese Kehrseite. Denn in Donezk, der Stadt, aus der er stammt, wird gekämpft. Trotz des Friedensabkommens zwischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Als Yasynskyy von Donezk erzählt, wird er plötzlich still, nachdenklicher. Er sorgt sich um seine Familie. Aber er weiß, dass er seiner Familie allein schon dadurch helfen kann, dass er von seinen Konzerten, seinen Reisen erzählt. Dass er sie teilhaben lassen kann, an dem, was er erlebt. Es lenkt ab von den Problemen.

Und so erzählt er von der World Piano Competition in Cincinnati ein bisschen wie von einer Urlaubsreise: von den Leuten, die er getroffen hat, von dem Wald, in dem er gelebt hat, von den Truthähnen, denen er beim Joggen begegnet ist. Er erzählt von der Reise nach Sydney und wie er am Steuer eines Flugzeugs über die australische Metropole geflogen ist, weil sein Gastgeber Pilot war. Er erzählt von Japan, schwärmt vom Essen dort und, na klar, den Menschen. Und er spricht von dem Gefühl, wenn er mit seiner Musik diese Menschen erreicht, wenn es still wird im Saal, wenn niemand mehr etwas macht. „Je stiller, desto besser“, sagt er. „Ein tolles Gefühl.“

Ein bisschen Warmspielen vor den Auftritten, klar, das sei wichtig. Aber richtiges Üben? Würde das Konzert kaputt machen. Weil es zu verkrampft sei. Bei den fünf Runden des Wettbewerbs sei ohnehin genug Klavierspiel zusammengekommen. „Ich gehe vorher das Programm durch, im Kopf“, sagt er. Er will sich hineinfühlen in seine Stücke, die richtige Stimmung aufkommen lassen, um beim Wettbewerb frei aufspielen zu können.

Das bedeutet umso mehr Arbeit und Probe an all den anderen Tagen. Der perfekte Morgen? Kaffee, essen, joggen, duschen und bis mittags Klavier spielen. In seinem Repertoire: Prokofjew, Tschaikowski, Chopin, Haydn, Mozart, Bach, Debussy, Scarlatti. Ukraine, Russland, Polen, Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien. Moderne, Romantik, Klassik, Barock. Yasynskyy mag sie alle, Komponisten, Epochen, Stile. „Bei den Stilen“, sagt er, „ist es wie bei den Menschen: Jeder hat etwas Besonderes in sich.“

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