Die 35. Literarische Woche Bremen Erinnern als Schlüsselwort

Bremen. Unter dem Leitwort "Was fehlt - was bleibt . . . ?" steht die 35. Literarische Woche Bremen. Die Veranstaltungsreihe beginnt am 18. Januar - und hat ihren feierlichen Höhepunkt in der Verleihung des Bremer Literaturpreises am 26. Januar.
14.01.2011, 05:00
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Erinnern als Schlüsselwort
Von Hendrik Werner

Bremen. Unter dem Leitwort "Was fehlt - was bleibt . . . ?" steht die 35. Literarische Woche Bremen. Die Veranstaltungsreihe hebt am 18. Januar an - und hat ihren feierlichen Höhepunkt in der Verleihung des Bremer Literaturpreises an Friederike Mayröcker und Andrea Grill am 26. Januar. "Strategien des Erinnerns und Vergessens in Literatur, Kunst, Film und Wissenschaft" lautet der Untertitel der dem Gedächtnis und seinem Ausfall verpflicheten Themenwoche, die die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung präsentiert.

Schrift und Gedächtnis unterhalten vielfältige Beziehungen. Zum einen sind Funktionen und Irritationen des Erinnerungsvermögens bedeutsame literarische Themen. Exemplarisch für die Moderne sei Marcel Prousts Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" genannt. Darin eröffnet sich dem Ich-Erzähler namens Marcel der versperrt geglaubte Zugang zur Vergangenheit seiner Familie durch eine in Lindenblütentee getunkte Madeleine. Die unwillkürlichen Reminiszenzen, die ihn ereilen und erfüllen, gelten seither als ästhetischer Schulfall des Erinnerns.

Zum anderen ist schon die Schrift an sich ein wichtiges Erinnerungsmedium. Wenn Menschen in unserem Kulturkreis die Befürchtung hegen, ihnen könnte etwas entfallen, veräußerlichen sie Gedächtnisinhalte, indem sie sie schriftlich niederlegen - sei es auf Papier, sei es im Blackberry. Schon Platon barmte in seinem Phaidros-Dialog, die Erfindung der Schrift werde die individuelle Merkfähigkeit schwächen, weil das Vertrauen auf externe Medien des Gedächtnisses zu Lasten der Schulung persönlicher Erinnerungsfähigkeit gehe.

Musenmutter Mnemosyne

Schließlich ist die Literatur insgesamt ein Paradebeispiel für die Speicherbarkeit, aber auch für Umwege, Unwägbarkeiten und Ungeheuerlichkeiten des Erinnerns. Dies deshalb, weil nahezu jeder vermeintlich neue Text aus älteren Texten gewoben ist - literarische zumal. Das liegt daran, dass alle Schriftsteller in kulturellen Traditionen stehen - und ihre Schöpfungen in Teilhabe oder auch in Abgrenzung auf diese beziehen. Auf diese Weise werden frühere Texte je nach Absicht umgeschrieben, neu geschrieben oder konterkariert. Altes und Neues verweisen so aufeinander. "Das Gedächtnis der Texte ist ihre Intertextualität", schreibt die Philologin Renate Lachmann, die mit ihrer Kollegin Aleida Assmann Phänomene nicht nur des literarischen Erinnerns in den 1990er-Jahren für die Geisteswissenschaften fruchtbar gemacht hat. Es folgte ein Gedächtnis-Boom auf dem Schauplatz der Schrift. Die Akademiker wussten sich in ästhetisch wertvoller Mission.

Schließlich gilt Mnemosyne, Gottheit der Erinnerung in der griechischen Mythologie, als Mutter der neun Musen.

Grund genug, ihr Wirken nicht nur für Literatur zu veranschlagen, sondern für alle schönen Künste gleichermaßen. Auch die 35. Literarische Woche setzt auf Gattungsinterdisziplinarität. Das verhießen gestern die Veranstalter um Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen, bei der Vorstellung des facettenreichen Programms, das thematische Lesungen, Filme, Vorträge, Konzerte und Performances zu einem attraktiven Gedächtnisstrauß bindet.

Etliche zugkräftige Schriftsteller konnten auch in diesem Jahr für das literarische Hochamt der Stadt gewonnen werden. So resümiert der Historiker Christian Meier am 18. Januar die Thesen seines Buches "Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns". Darin legt er das befriedende Potenzial kollektiver Gesten des Vergessens, Vergebens und Versöhnens seit der Antike dar.

Reminiszenzen an die Kindheit

Für die individuelle Dynamik der Erinnerung stehen gleich mehrere Romanciers ein: Hanns-Josef Ortheil, der am 20. Januar aus "Die Moselreise" liest, befasst sich mit Kindheitsreminiszenzen. Clemens Meyer lotet am 22. Januar Nutzen und Nachteil des Tagebuchs für lebendige Erinnerungen aus. Jenny Erpenbeck spürt am 23. Januar Dingen von Splitterbrötchen bis Socken nach, deren Verschwinden sie als Verlust verbucht. (Eine ähnliche Spurensuche unternehmen am 28. Januar Bremer Autoren.) Die Kindheit in einem Waisenhaus rekonstruiert im Roman "Rabenliebe" Ingeborg-Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek, der mit Erpenbeck eine Matinee bestreitet. Die reichhaltige französische Tradition der Erinnerungsliteratur skizziert am 21. Januar der Publizist Arnaud Rykner.

Eine szenische Annäherung an Versuche, das Vergangene zu bewahren oder sich seiner zu entledigen, unternimmt am 29. Januar das Ensemble Klank, das sich von Texten Christa Wolfs und Samuel Becketts inspirieren ließ. Eine Performance präsentiert das "Poetry Slam"-Trio "großraumdichten" am 24. Januar. Bereits einige Tage ist ein Podcast, der das Suchen und Finden verlorener Zeit thematisiert, im Netz. Dort (www.literarische-woche.de) findet sich auch das detaillierte Programm.

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