Der Klang des Hafens

Wie Luka Bodzin den Sound von Erotik Toy Records prägt

Luka Bodzin hat das Album von Erotik Toy Records produziert. Er gibt dem Chaos, das die Rapper ausmacht, eine musikalische Ordnung. Zu Besuch im Hohentorshafen, wo die wohl spannendste Musik der Stadt entsteht.
26.09.2020, 05:00
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Wie Luka Bodzin den Sound von Erotik Toy Records prägt
Von Nico Schnurr
Wie Luka Bodzin den Sound von Erotik Toy Records prägt

Zwischen Seemannsliedern und Südstaatenrap: Luka Bodzin hat das neue Album von Erotik Toy Records produziert. Es soll den Hohentorshafen bekannt machen.

Fabian Wilking

Wer in diesem merkwürdigen Sommer etwas Zeit am Sielwall verbracht hat, wo die Nächte nun nach dem kaugummiartigen Duft von Wodka-Energy und den Abgasen von Sportwagen riechen, der wird sich vielleicht gefragt haben, ob die Kreativen schon aus dem Steintor verschwunden sind.

Es wäre aber unfair, die Schuld für den möglichen Niedergang einer Szenegegend nur bei ein paar Typen zu suchen, die mit Hochglanzkisten über den Sielwall brettern. Im Viertel der Superfood-Cafés und steigenden Mieten werden die Freiräume ja nicht erst kleiner, seit sie die Straßen mit Rennwagen verstopfen. Schon länger gilt: Platz ist woanders.

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Platz ist in Woltmershausen, wo der Hohentorshafen liegt – und in einem ranzigen Gebäude die wohl spannendste Musik der Stadt entsteht. Die Rapper von Erotik Toy Records haben dort, in ihrem Vereinsheim, das sie Blauer Manfred nennen, am neuen Album „Hafenwind“ gearbeitet. Eine ziemlich freigeistige Angelegenheit, die das Zeug hat, den spießigen Deutschrap zu verändern. Auf dem Album wechselt sich Südstaatenrap mit Seemannsliedern ab. Man hört Drehorgeln und scheppernde Bässe. Manche Songs klingen nach Neuer Deutscher Welle, andere wie die Titelmusik zu einer Manga-Fernsehserie.

Das Chaos und die Ordnung

Besuch bei dem Typen, der sich vieles davon ausgedacht hat. Ein Septembertag im Hohentorshafen, Möwengekreische zwischen alten Fabrikkästen. Auf der Weser dümpeln Segelschiffe, darüber ruhen Kräne. Alles im Hafen wirkt so verlassen und unfertig, als wären die Arbeiter vor Jahren mal hektisch zur Mittagspause aufgebrochen und danach nie zurückgekehrt. Im Blauen Manfred sitzt Luka Bodzin zwischen ausrangierten Kneipenmöbeln und leeren Bierflaschen. Bodzin, 24, hat das neue Album unter seinem Künstlernamen Florida Juicy produziert.

Er ist derjenige, der dem Chaos, das Erotik Toy Records ausmacht, eine musikalische Ordnung gibt. Er hat sich die Reihenfolge der Songs überlegt. Er hat sich auch darum gekümmert, dass die fünf Rapper ins Studio kommen, was einfach klingt, aber kompliziert ist, wenn Teile der Gruppe inzwischen in Hamburg und Zürich wohnen, einer kein Handy hat, und dann auch noch eine Pandemie dazwischenfunkt. Irgendwie hat es trotzdem funktioniert, das Album ist ja seit Freitag draußen.

Es hat also viel mit Produzent Bodzin zu tun, dass aus Erotik Toy Records mehr werden könnte als eine Gruppe, deren Logo, ein lachender Emoji, an gefühlt jeder zweiten Bremer Ampel klebt. Auch außerhalb der Stadt halten viele sie längst für das nächste große Ding. Inzwischen steht die Gruppe bei Sony unter Vertrag, es gibt Fördergelder von der Initiative Musik der Bundesregierung. „Alles ist professioneller geworden“, sagt Bodzin. Ihm ist gelungen, dass man das dem Album anhört und irgendwie auch nicht. Man findet darauf Songs, die wie Radiohits klingen, aber nicht im Radio laufen werden, weil im Refrain plötzlich einer was von Alterskrankheiten singt. Oder weil es wieder um Bremen geht.

Es fließt wieder literweise Haake

Es gibt einige Bands aus Bremen, die es geschafft haben, bundesweit ein bisschen bekannt zu sein. Wahrscheinlich hat aber keine von ihnen so sehr betont, aus Bremen zu kommen, wie Erotik Toy Records das tun. Schon früher hat man den Rappern dabei zuhören können, wie sie die steigenden Rollopreise im Viertel kritisieren, den Grünkohl bei Muttern loben oder Ex-Werder-Profi Rudi Völler für dessen früheren Vokuhila huldigen. Gerade ist, angelehnt an alte Spiegel-TV-Beiträge, eine fiktive Doku über die Gruppe erschienen, die in Bremen im Jahr 1992 spielen soll und von der Stadtmusikbande handelt.

Auch auf dem neuen Album „Hafenwind“ fließt wieder literweise Haake, es gibt mehr maritime Metaphern als in Politikerreden, und ein Song dreht sich um ein Gefühl, das kaum gegenwärtiger sein könnte. „Möwe“ handelt davon, dringend mal rauszumüssen, raus aus dem Viertel, hin zum Hafen, weil es ja immer hilft, wenn sich der Horizont weitet. Bodzin hat den Sound dazu geliefert. Ein tröpfelnder Beat. Bässe, die brummen wie Schiffe, und im Hintergrund schreien Möwen. Trap-Musik, aber auf bremisch: der Klang des Hohentorhafens.

„Man schafft nie etwas völlig Neues“, sagt Bodzin, „es geht darum, alte Dinge neu zu kombinieren.“ Bevor Musik zu seinem Vollzeitjob wurde, hat Bodzin Malerei an der Hochschule für Künste studiert. Sein Professor hat ihm gesagt, er werde den Pinsel nicht neu erfinden. Guter Satz, findet Bodzin, lasse sich auch auf Beats übertragen. „Der Popmusik nur einen kleinen neuen Farbtupfer mitzugeben, das ist so unglaublich schwer“, sagt er, „es gibt nur wenige, denen das gelingt.“

Einer, der das geschafft hat, ist Bodzins Vater. Vor Jahren hat Stephan Bodzin den Techno melodisch gemacht, seitdem ist er weltweit einer der gefragtesten DJs. Auch Luka Bodzins Onkel legt hauptberuflich auf, sein Bruder studiert Jazzbass, sein Stiefvater ist Pianist. Bodzin hat früh von ihnen gelernt, wie viel möglich ist mit der Musik.

Mit 13 wünscht Bodzin sich eine Gitarre. Mit 14 steht er auf der Breminale-Bühne. Er lernt Malik kennen, einen Typen aus der Vahr. Zusammen gründen sie eine Rockband. Dann schenkt sein Vater ihm einen alten Laptop, darauf findet er die Software Ableton. Bodzin fängt an, Techno zu produzieren, das Rockprojekt läuft nebenher. Bald hat Malik, der sich nun Skinnyblackboy nennt, keine Lust mehr, zu Gitarren zu singen. Er will rappen, aber er braucht Beats, und weil sonst gerade keiner da ist und Bodzin die Sache mit den Bässen schon beim Techno kapiert hat, macht er nun halt auch noch Hip-Hop. Einige Songs später ist Erotik Toy Records gegründet.

Man hört den Beats an, dass Bodzin immer schon alles wollte, außer sich auf einen Stil festzulegen. Seine Solostücke, auf denen er singt, erinnern eher an Billie Eilish als an Hip-Hop, und auf Konzerten schmettert er Robbie-Williams-Balladen. Bodzin sieht sich als Künstler und Handwerker. Irgendwann will er dem Pop einen neuen Farbtupfer hinzufügen, so wie es seinem Vater beim Techno gelungen ist, aber wenn vorher irgendwer anfragen sollte, ob er nicht mal so richtig schamloses Radiozeug machen will, würde er auch nicht ablehnen. Aber das ist Zukunftskram. Jetzt ist da erst mal das Album der Gruppe.

Hohentorshafen-Romantik

In Woltmershausen geht es eine knarzende Treppe runter, raus aus dem Vereinsheim. Tür auf, Hafenblick. Gegenüber rostige Fabrikschlote, verspiegelte Glastürme. Vorne der leere Deich, nichts los. „Hier ist Platz, man hat das Gefühl, dass man die Stadt hier noch formen kann“, sagt Bodzin, „trotzdem kennt den Ort fast keiner, super schade eigentlich.“

Es geht zum Deich, Bodzin hockt sich auf eine Bank und erzählt von seinem Fußballteam. Er trainiert eine Bremer C-Jugend, 14-Jährige, natürlich Rapfans. An Wochenenden setzten die sich in den Zug nach Berlin, Pilgerreisen nach Kreuzberg. Einmal den Mehringdamm ablaufen und sich kurz fühlen wie die Berliner Rapper, die davon in ihren Songs erzählen. „Schon irre, oder?“

Bodzin steht auf und greift nach einem Stein. Dann zeigt er auf einen Pfeiler im Hafenbecken, auf dem eine Zahl steht: 406. Ein Song auf dem Album heißt so, weil sie hier manchmal ganze Abende mit dem Versuch verbringen, den Pfeiler mit Steinen zu treffen, was meist schiefgeht. Auch diesmal scheitert Bodzin. Aber darum geht es ja gar nicht.

Vielleicht landen sie mit dem Album nicht oben in den Charts, sagt Bodzin, aber wenn sie in irgendeinem Kaff in Bayern wegen Erotik Toy Records bald Bremen mit Hohentorshafen-Romantik verbinden, wäre doch auch schon was gewonnen. Und wer weiß, vielleicht setzen sich ja bald ein paar Jugendliche in den Zug und pilgern, die Songs im Kopf, nach Bremen statt nach Berlin. Weil sie in den Hafen wollen, um die 406 mit Steinen zu treffen.

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