Kritik zum "Faust" am Bremer Theater Es gilt das gehüpfte Wort

Ein Faust ist nicht genug: Felix Rothenhäusler und Tarun Kade zeigen im Kleinen Haus des Bremer Theaters gleich „Faust hoch zehn“, eine Aufführung über menschliche Hybris, die Thema und Fallstrick dieser Performance zugleich ist.
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Es gilt das gehüpfte Wort
Von Alexandra Albrecht

Ein Faust ist nicht genug: Felix Rothenhäusler und Tarun Kade zeigen im Kleinen Haus des Bremer Theaters gleich „Faust hoch zehn“, eine Aufführung über menschliche Hybris, die Thema und Fallstrick dieser Performance zugleich ist.

Mit Goethes „Faust“ hat dieser Abend kaum etwas zu tun, ebenso gut hätte er „Baumeister Solneß hoch neun“ heißen können. Goethes gewaltiges Werk wird hier auf ein Thema reduziert: auf das menschliche Bedürfnis nach ständiger Verbesserung und Entgrenzung und die Unfähigkeit, sich zu bescheiden. Dazu haben die Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem Leitungsteam (Felix Rothenhäusler und Tarun Kade) eigene Texte erarbeitet, die in der Gegenwart angesiedelt sind und allesamt vom Höher, Schneller, Weiter erzählen. Das heißt, los geht das Ganze mit einem Film, der Textfragmente von Elfriede Jelinek („FaustIn and Out“) enthält und ihre typische Abrechnung mit dem Kapitalismus und den Auswüchsen eines entfesselten Finanzmarktes transportiert. Differenzierungen sind ihre Sache bekanntlich nicht, Freiheit wird mit Arbeitslosigkeit gleichgesetzt, der Philosophie wird vorgeworfen, nur zu reden und nichts zu bewirken. Fazit: „Alles sinnlos“.

Doch dann wird die Leinwand weggeschoben und acht Schauspieler erscheinen, die von nun an rund anderthalb Stunden auf der Stelle hüpfen, springen und laufen und abwechselnd Texte vortragen. Texte, die davon künden, dass sie keineswegs klein beigeben wollen, dass sie vielmehr nach Größerem streben, keine Grenzen akzeptieren und sich nach einer völligen Entfesselung sehnen.

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Einer erzählt von einer Reise in den Süden, nach Venedig, Rom und Sizilien, dann weiter, weiter nach Afrika, weiter, weiter, immer weiter. Ein anderer hat im Casino 18 000 Euro gewonnen und will das Geld jetzt an der Frankfurter Börse vermehren: „Einfach mal groß denken“ ist seine Devise, die er sich wie einen Zauberspruch aufsagt. Eine Frau berichtet von Schönheits-OPs, die den menschlichen Körper optimieren sollen. Irgendwann zählt einer nur noch diverse Körperteile auf.

Gesprochen wird direkt zum Publikum, unter den Akteuren gibt es keinen Austausch. Jeder hüpft und springt für sich allein, wartet, bis er mit seinem Text dran ist. Deren Sprache gleicht einem Stammeldeutsch, weil häufig nur noch Wörter aneinandergereiht werden. „Dann Bus. Dann Autobahn. Weiter, weiter.“ Die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es, sogar diese Texte interessant vorzutragen, gut und nuanciert zu sprechen, sieht man einmal von der Tänzerin Magali Sander Fett ab, deren Deutsch zu unverständlich ist. Man ahnt, wozu das Ensemble in der Lage wäre, dürfte es doch nur einmal schauspielen.

Aber nichts da, Rezitation bei ständigem Gehüpfe steht auf dem Programm, so wollen es Regisseur und Dramaturg und so wird es dann auch durchgezogen. Dazu darf Matthias Krieg eine öde Elektromusik einspielen, wie man sie in den Theatern momentan ständig serviert bekommt. Überhaupt hat der Abend einen hohen Wiedererkennungswert für Besucher, die schon mehrere Arbeiten von Gintersdorfer/Klaßen gesehen haben. Knut Klaßen, der auch am „Faust hoch zehn“ beteiligt ist, lässt die Akteure seiner Arbeiten auch gerne und viel hüpfen. Und das Podest, das am Ende über die Bühne fährt und in dem einige Schauspieler zeitweise wie in einem Sarg verschwinden, kennt man bereits in ähnlicher Form aus „No Punk, Pololo“. Einfallslos hoch zehn, möchte man da kalauern.

Es ist schon bemerkenswert, dass es im Schauspiel (nicht nur in Bremen) eine Reihe von Regisseuren und Dramaturgen gibt, die sich viel Mühe geben, ihre eigene Sparte abzuschaffen. Ohne Not entledigen sie sich ihrer Möglichkeiten, Theater als sinnliches Erlebnis, das mit Text, Schauspielkunst und Bühnenbild die Zuschauer anspricht und begeistert, zu zelebrieren. „Faust hoch zehn“ ist Theater für Dramaturgen und Regisseure, es missachtet die Schauspieler und das Publikum.

Dieses wird am Ende noch einmal richtig gequält, wenn die Musik extrem laut gespielt wird, so dass sich nicht wenige die Ohren zuhielten. Die Schauspieler und der Musiker sind so schlau, die Bühne vorher zu verlassen. Wie uns das Theater noch schriftlich mitteilte, soll die Szene die Bergschluchten in „Faust II“ verdeutlichen. Aha. Einfach mal groß denken. Oder doch eher: Alles sinnlos?

Weitere Termine: 22., 25. und 31. Oktober, 20 Uhr, Kleines Haus

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