Syrisches Festival „Funun“

„Es ist kein Flüchtlingsfestival“

Mit drei hochkarätigen Konzerten will ein syrisches Festival ab Freitag den Reichtum der syrischen Kultur jenseits von Krieg und Zerstörung zeigen. Über die Idee dahinter spricht Jasmina Heritani im Interview.
11.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Es ist kein Flüchtlingsfestival“
Von Carolin Henkenberens
„Es ist kein Flüchtlingsfestival“

Jasmina Heritani ist Vorsitzende des kürzlich gegründeten Syrischen Exil-Kulturvereins (Seku), der das syrische Kulturfestival „Funun“ organisiert. Die deutsch-syrische Kultur- und Sprachwissenschaftlerin arbeitet ehrenamtlich im Bremer Rat für Integration.

Frank Thomas Koch

Mit drei hochkarätigen Konzerten will ein syrisches Festival ab Freitag den Reichtum der syrischen Kultur jenseits von Krieg und Zerstörung zeigen. Über die Idee dahinter spricht Jasmina Heritani im Interview.

Frau Heritani, am Freitag beginnt das syrische Kulturfestival Funun. Sie haben einen syrischen Vater, kennen das Land, seine Kultur und Sprache. Was bedeutet es für Sie persönlich, was löst es für Gefühle aus, hier ein syrisches Kulturfestival zu haben?

Jasmina Heritani: Natürlich ist die syrische Kultur ein Stück Heimat für mich. Es ist ­etwas, was ich seit einigen Jahren vermisse. Aufgrund der Lage vor Ort konnte ich die letzten Jahre nicht nach Syrien reisen. Ich komme aus Aleppo, da kann man im Moment erst recht nicht hin. Ich habe eine unheimliche Verbundenheit mit dem Land und der syrischen Kultur, es ist Teil meiner Identität. Über das Festival bin ich daher sehr, sehr glücklich. Und natürlich bin ich auch unheimlich stolz darauf, dass wir es geschafft haben, das zu organisieren. In diesem Umfang gab es so etwas noch nicht in Deutschland.

Der Anlass, weshalb das Festival stattfindet, ist ein unerfreulicher: Viele Syrer mussten hierher fliehen. Vermischen sich da Glück und Wehmut bei ihnen?

Ja. 2011 wäre es unvorstellbar gewesen, ein solches Festival zu organisieren.

Wieso?

2011 sind unheimlich viele Menschen in ­Syrien gestorben, das ist jetzt nicht weniger geworden, aber der Unterschied ist, dass wir schon eine lange Phase in dieser Exil-Situation sind. Keiner von uns vergisst, was im Land passiert. Es ist unheimlich traurig, wie viele Kulturschätze in Syrien zerstört wurden. Die können wir von hier nicht schützen. Wir können aber die vielen Künstler, die hier angekommen sind, ermuntern, weiter Kultur zu machen.

Was ist die Idee hinter dem Festival?

Es geht uns darum, ein anderes Syrien zu präsentieren. Nicht das des Krieges. Wir sind alle keine Krieger. Wir kommen aus einem Land, das eine unwahrscheinliche Hochkultur hat. Wir wollen gerne zeigen, welchen kulturellen Reichtum wir mitgebracht haben. Wir blicken auf 7000 Jahre ­Geschichte, die erste Note wurde in einer Stadt in Syrien gefunden. Wir kennen alle Kant, aber keiner weiß, dass wir den arabischen Aufklärer Abdel Rahman al-Kawakibi hatten, der vergleichbar mit Kant ist. Das Festival ist aber auch eine Form des Dankes an die deutsche Bevölkerung, die die Menschen so gut aufgenommen hat. Mit dem Festival sollen auch Syrer untereinander in Kontakt ­treten. Wir brauchen eine Dialogkultur in der syrischen Community, dafür ist Kultur eine gute Plattform, weil dabei politische oder religiöse Ansichten erst einmal ­weniger wichtig sind. Und wir wollen mit der deutschen Bevölkerung in Kontakt treten – auf einer Ebene. Wir wollen raus aus diesem Status der Nehmenden. Es ist kein Flüchtlingsfestival, es ist kein ­Flüchtlingsorchester. Das sind professionelle Musiker.

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Also geht es auch ganz viel um ­Augenhöhe, um Würde?

Natürlich. Stellen Sie sich vor, Sie müssten von einem auf den anderen Tag ihr Land verlassen. In der Heimat sind viele etwas gewesen, waren Künstler oder Lehrer. Und auf einmal kommt man hierher und ist ein Niemand. Das ist unheimlich schwierig.

Gab es negative Reaktionen auf Ihre Idee, ein syrisches Festival zu veranstalten? Nach dem Motto: „Warum muss das denn sein?“

Unser Verein hat keine negativen Äußerungen mitbekommen. Aus der Kultur- und ­Medienszene sagte man uns: Ja, genau so etwas brauchen wir! Denn durch den Krieg sind so viele Künstler hier. Die syrische Exil-Community hat früher natürlich auch schon Konzerte gegeben. Aber das fiel nicht so auf, weil wir so wenige und recht gut integriert sind. Viele der ersten syrischen Einwanderer-­generation, wie mein Vater, sind zum Studium hierher gekommen und gut gebildet. Aus der Politik haben wir für die Idee Begeisterung erfahren. Das zeigt auch die Tatsache, dass Carsten Sieling die Schirmherrschaft übernommen hat. Es sprechen uns auch viele Ehrenamtliche an, die unsere Kultur kennenlernen wollen und die mit ihren neuen syrischen Freunden zum Festival kommen wollen.

Inwiefern kann das Festival zur Integration beitragen?

Integration bedeutet auch immer anzukommen, sich wohlzufühlen. Die deutsche Sprache zu lernen, gehört dazu. Es gehört aber auch das Gefühl dazu, anerkannt und ­respektiert zu sein. Das Festival gibt den Musikern, die hier angekommen sind, ­Stärke. Unser Ziel ist, dass das Festival eine regelmäßige Sache in Bremen wird. Es soll ein Mal im Jahr stattfinden.

Noch eine praktische Frage: Werden alle Programmpunkte übersetzt?

Für Musik braucht es zum Glück keine Übersetzung. Die Lesungen sind bilingual. Ansonsten werden wir hauptsächlich auf Deutsch sprechen. Bei der Eröffnung im Rathaus werde ich kurz auf Syrisch sprechen, um das zu erklären und um zu erklären, dass es ein Festival für alle Syrer sein soll, auch wenn wir vom Verein und vom Rat für Integration es organisiert haben.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf die Lesung von Rosa Yassin Hassan. Wir werden zwei deutsche Schauspieler da haben – Hans Heller und Katrin Krämer –, die die Rollen präsentieren werden. Und als zweites freue ich mich auf das Konzert in der Glocke vom Exil-Orchester. Wir haben vier hochkarätige Solisten da und zeigen eine Uraufführung, die den Kindern von Aleppo gewidmet ist.

Die Fragen stellte Carolin Henkenbehrens.

Programm und Karten

Das Festival läuft vom 12. bis zum 19. August (Programm unter www.seku-deutschland.de).Lesungen, Diskussionen und Vernissagen sind kostenfrei. Für die Auftritte des Expat Philharmonic Orchestra (14. August, 20 Uhr, Glocke) und des palästinensisch-syrischen Pianisten Aeham Ahmad (16. August, 20 Uhr, KulturAmbulanz Bremen-Ost) gibt es Karten bei Nordwest-Ticket und an der Abendkasse. Der Auftritt des Broukar Ensembles (19. August, 19 Uhr, Sendesaal) ist fast ausverkauft, Karten sind beim Sendesaal erhältlich.

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