Serie „Spieltrieb“

Es ist mehr als nur ein Kostüm für Desiree Bergner

Hairstylistin, Make-up-Artistin und Schauspielerin in einem – beim Cosplay verwandelt sich Desiree Bergner in ihre Lieblingsfiguren aus japanischen Filmen, Comics und Videospielen.
09.01.2020, 20:55
Lesedauer: 5 Min
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Es ist mehr als nur ein Kostüm für Desiree Bergner
Von Elena Matera
Es ist mehr als nur ein Kostüm für Desiree Bergner

"Wenn ich verkleidet in der Bahn sitze, schauen die Leute schon", sagt Desiree Bergner. In ihrer Heimat hingegen kennen sie nur Eltern und Freunde in voller Montur.

Michael Matthey

Mit spitzen Fingern setzt Desiree Bergner die pinken Kontaktlinsen ein. Ein Blinzeln, ein prüfender Blick in den Spiegel – schon ist der erste Schritt der aufwendigen Verwandlung beendet. Aus der stillen 21-jährigen Studentin mit den blonden Haaren und blauen Augen wird an diesem grauen Januarvormittag Junko Enoshima, die extrovertierte Fashion-Diva aus dem japanischen Videospiel und Zeichentrickfilm „Danganronpa“. Für Bergner ist es mehr als eine einmalige Kostümierung zu Fasching oder für Verkleidungspartys.

Es ist ihr Hobby: Cosplay. Der Trend ist in den 1990er-Jahren aus Japan nach Europa gekommen. Cosplay setzt sich aus den englischen Begriffen costume und play zusammen, bedeutet also Kostümspiel. Cosplayer wie Bergner verwandeln sich mithilfe von Kleidung, Make-up und Frisuren in verschiedene Figuren – meist aus japanischen Comics (Mangas), Zeichentrickfilmen (Animes) und Videospielen. Sie können aber auch in Rollen aus westlichen Filmen und Romanen schlüpfen.

Die Soziologiestudentin steht vor dem Spiegel in ihrem Zimmer. Die bunten japanischen Comics reihen sich in den Regalen aneinander. Selbst ihre Bettwäsche ist mit Manga-Charakteren bedruckt. Auf ihrem Bett liegt ein sogenannter Monokuma-Bär aus dem Videospiel „Danganronpa“: die rechte Seite ist weiß und ähnelt einem Teddybär, die linke ist schwarz, das Auge ist ein roter Schnitt, der Mund ist zu einem bösen Grinsen verzogen.

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Bergner ist eher still, Enoshima wild

Bergner war 13, als ihr Ex-Freund sie in die Welt der japanischen Popkultur einführte. „Auf das Cosplay bin ich aber alleine gekommen“, sagt Bergner. Als Jugendliche las sie viel über die Rollenspiele und beschloss schließlich selbst eines in der Schule zu veranstalten. Bald darauf besuchte sie erste größere Veranstaltungen in Bremen, bei denen sich Manga- und Animefans treffen, sogenannte Conventions. Eine der bekanntesten Conventions in Norddeutschland ist die NipponCon in Bremen. Jedes Jahr versammeln sich dort gut tausend Fans, die als Fantasiefiguren verkleidet sind.

An einer Kleiderstange in der Ecke hängen sieben Kostüme. Zusammen mit der Verkleidung der Junko Enoshima aus dem Videospiel „Danganronpa“ sind es acht Charaktere, die Bergner regelmäßig verkörpert. Die Studentin liebt vor allem solche aus Horrorgeschichten. „Romanzen sind nicht so mein Ding“, sagt sie. Auch die Handlung des Spiels „Danganronpa“ ist eine Mischung aus Horror, Psycho und Krimi: Mehrere Schüler mit speziellen Talenten werden in eine Schule eingesperrt und in ein mörderisches Spiel verwickelt, bei dem jeder sterben kann. Junko Enoshima ist eine zentrale Figur in „Danganronpa“. Sie ist zurzeit Bergners Lieblingsfigur. Die ultimative Fashion-Diva mit den pinken, zersausten Haaren ist eingebildet, hochnäsig, aber auch durchgeknallt und wild.

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Ob Bergner eigene Charakterzüge in Junko Enoshima wiederfindet? Die Studentin schüttelt den Kopf. Im Alltag schminke sie sich nur wenig. Auch als wild würde sie sich nicht bezeichnen. Sie sei eher introvertiert. „Ich genieße die Zeit, die ich alleine verbringe oder mit Freunden, die ich schon länger kenne“, sagt sie. Das mache ja auch den Reiz aus. „Beim Cosplay kann ich ins andere Extrem hineinschlüpfen.“ Viele Menschen würden denken, dass Cosplay eine Art Realitätsflucht sei. "Das finde ich schade“, sagt Bergner. „Für mich ist es ein Hobby. Ich habe mich schon als Kind gerne verkleidet, das hat nichts mit Realitätsflucht zu tun.“ Der Spaß am Verkleiden, eine andere Rolle einnehmen – das stehe bei ihr im Vordergrund.

Bergner steckt ihre blonden Haare unter ein Netzteil und setzt die rosafarbene Perücke auf. Sie schüttelt kurz den Kopf: Alles sitzt. Jetzt kommt der aufwendigste Teil der Verwandlung: die Schminke. Aus den braunen Augenbrauen werden rosafarbene. Mehr als fünf verschiedene Farben tuscht Bergner auf ihre Lider. Dazu kommen Puder, Rouge und ein knalliger Lippenstift. Auch künstliche Wimpern dürfen nicht fehlen. „Ich mag das Schminken und kreativ zu sein“, sagt Bergner. „Beim Cosplay bin ich Make-up-Artistin, Hairstylistin und Schauspielerin in einem.“ Viele Cosplayer würden auch ihre Kostüme selbst schneidern, "aber dafür habe ich leider kein Talent“.

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Noch wohnt die Studentin im Haus ihrer Eltern im Ortsteil Hollen zwischen Bremen und Bremerhaven. Nur 767 Einwohner leben hier. Das Haus der Bergners liegt an einer einsamen Landstraße. Große Ackerflächen ziehen sich am Grundstück entlang, Autos fahren nur selten vorbei. Als Cosplayerin auf dem Land zu leben, hat Bergner nie groß gestört. Sie verkleidet sich meist nur für Treffen oder Veranstaltungen, im Alltag sieht sie ganz normal aus. Die meisten Einwohner in Hollen würden daher gar nicht mitbekommen, dass Bergner Cosplayerin ist. Selbst wurde die Studentin auch noch nie beschimpft und angegangen. Doch sie kennt einige Cosplayer, bei denen Menschen sogar handgreiflich wurden.

Ihr Vater war anfangs skeptisch

„Wenn ich verkleidet in der Bahn sitze, schauen die Leute schon“, sagt Bergner. „Die meisten lächeln mich aber an. Vor allem Kinder freuen sich, mich so zu sehen.“ Auch ihre Familie steht ihrem Hobby aufgeschlossen gegenüber. Nur ihr Vater war am Anfang etwas skeptisch. Mittlerweile interessiert er sich für das ungewöhnliche Hobby seiner Tochter und macht auch gerne Fotos von ihr.

Die Studentin tauscht sich auch mit anderen Cosplayern aus. Im Frühjahr und im Sommer trifft sie sich regelmäßig mit einer Gruppe im Bremer Bürgerpark. „Wir hören Musik, reden, spielen Karten und fotografieren uns gegenseitig“, sagt Bergner. Trotz Verkleidung sind sie dabei meist sie selbst. „Ich nehme das Verhalten meines Charakters eher auf Conventions an“, sagt die 21-Jährige.

Die Bremer Cosplayer-Gruppe hat sich über Facebook organisiert. Bergner ist eine der Moderatorinnen. Die meisten Mitglieder sind in ihrem Alter, es gibt aber auch einige jüngere und ältere Teilnehmer. Im Winter gibt es derzeit keine Treffen, das liegt vor allem an der Kälte. Denn die Kostüme der Cosplayer haben fast alle eines gemeinsam: Sie sind knapp und halten daher nicht besonders warm.

Ob Bergner Cosplay auch noch in fünf Jahren spielen wird? Die 21-Jährige zuckt mit den Schultern. „Vielleicht. Momentan fehlt mir durch die Uni die Zeit dafür. Es ist schon ein sehr aufwendiges und teures Hobby.“ Erst einmal stehe noch der Umzug bevor. Sie zieht mit ihrem Freund zusammen, näher an die Universität, weg aus Hollen. Bergner ist fertig geschminkt; jetzt fehlt nur noch das Kostüm: schwarzweiße Bluse, Krawatte, rotkarierter Minirock, Netzstrumpfhose, Schnürstiefel.

In ihre Haare steckt Bergner zwei Monokuma-Haarclips: rechts die schwarze Haarklammer, links die weiße – ganz so wie der Bär, der auf ihrer Bettdecke liegt. Bergner achtet sehr auf Details bei ihren Kostümen. Die Verkleidung soll so originalgetreu wie möglich sein. Für die Fotos geht die Studentin auf die einsame Landstraße vor dem Haus ihrer Eltern. Dort posiert die arrogante Junko Enoshima für die Kameras – nicht in Japan, sondern mitten in Hollen, Niedersachsen.

Info

Zur Sache

Zockende Senioren

Bremer, die sich für Cosplay interessieren, können sich in der privaten Facebook-Gruppe „kleiner Manga, Anime & Cosplay treff in Bremen“ anmelden. Die Gruppe trifft sich im Frühjahr und Sommer regelmäßig im Bürgerpark. Die nächste NipponCon findet vom 14. bis 16. August 2020 in Vegesack statt. Im nächsten Teil der "Spieltrieb"-Serie besuchen wir ein Bremer Altenheim. Dort wird seit Kurzem an der Konsole gezockt: Videospiele sollen den Senioren dabei helfen, geistig fit zu bleiben.

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