Dracula Es leben die Untoten

Das Theater „Mensch, Puppe!“ hat eine überzeugende Inszenierung von „Dracula“ auf die Bühne gebracht. Dank einigen Slapstick-Momenten hatte der Abend vor allem einen humorvollen und selbstironischen Drall.
08.10.2018, 12:54
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Es leben die Untoten
Von Ina Bullwinkel

Bremen. Noch wähnt sich Rechtsanwalt Jonathan Harker auf einer gewöhnlichen Geschäftsreise, als er mit der Kutsche zum Schloss von Graf Dracula in Transsylvanien unterwegs ist. Dass sein Gastgeber eine Schwäche für Blut, dafür aber eine Abneigung gegen Knoblauch und Kruzifixe hat, wird Harker erst später begreifen. So wie die bekannte Romanvorlage „Dracula“ von Bram Stoker aus dem Jahr 1897 beginnt, eröffnet auch Regisseur Philip Stemann im Theater „Mensch, Puppe!“ die Vampirgeschichte, die am Sonnabend Premiere gefeiert hat.

Stemann bleibt nah an der Buchvorlage und fügt eine Eigenheit hinzu: Schauspieler Leo Mosler, der alle an diesem Abend auftretenden Figuren spielt, mimt zusätzlich den Erzähler und begrüßt das Publikum zunächst mit einer kurzen Einführung in die Welt der Untoten. Schon jetzt lässt sich erahnen, dass das folgende Stück eher einen humorvollen, selbstironischen Drall haben wird denn einen ausnahmslos gruseligen. Mosler weiß das Publikum zumindest schnell auf seiner Seite, seine Gags und künstlichen Vampirzähne kommen gut an.

Mit ihm auf der Bühne, eher unauffällig und am Rand, sitzt Regisseur Stemann und sorgt mit der E-Gitarre für unaufdringliche Klänge, die sich gut einfügen, im rechten Moment intensiver werden und so für Spannung sorgen.Nachdem Jonathan Harker eine Nacht im Schloss von Dracula verbracht hat, kommt ihm der Graf immer unheimlicher vor. Er spricht mit osteuropäischem Akzent, hat ein exzentrisches, böses Lachen und ähnelt mit seinen spitzen Ohren und Zähnen der Figur des Nosferatu aus den gleichnamigen Spielfilmen von 1922 und 1979.

Puppen zum Leben erweckt

Dracula, für den Harker ein Haus in London kaufen sollte, scheint sehr interessiert an Lucy Westenra. Sie ist die beste Freundin Mina, Harkers Verlobter. Als Dracula ein Foto von ihr zwischen den Unterlagen zu seinem neuen Anwesen entdeckt, scheinen seine Augen zu leuchten. Diese Stimmung zu transportieren, ist einerseits der Live-Musik und andererseits dem spielerischen Talent Moslers geschuldet, da er Sprechpausen und Armbewegungen der Puppe gekonnt einsetzt und es schafft, dem Holzkopf Draculas ein lebendiges Gesicht zu geben. Gleichzeitig wird dem Grusel immer wieder der Ernst genommen, etwa als Dracula beim Blutsaugen schmatzende Geräusche erzeugt und mit den Zähnen steckenbleibt.

Angst bekommt Harker, als der Graf ihn beim Rasieren erschreckt, lüstern auf seine frische Schnittwunde starrt und dabei seine langen Eckzähne zeigt. Harker, der vorher sehr vergnügt war und sogar die Melodie von „Rule Britannia“ pfiff, möchte so schnell es geht abreisen.

Er beobachtet Dracula, wie er nachts an den Schlossmauern entlang klettert, und als er sich im Schloss umsieht und einschläft, entdecken ihn zwei Frauen. Eine von ihnen möchte Harker beißen, doch bevor ihre spitzen Zähne seinen Hals erreichen, erscheint Dracula und verjagt sie. „Er ist mein!“, gibt er mit Hilfe von Leo Moslers polternder Stimme zu verstehen. Während Harker und Dracula als Puppen auftreten, schlüpft Mosler selbst in die Rolle der Frauen, indem er sich eine blonde Perücke aufzieht und falsche Zähne einsetzt. Sein Dreitagebart, gepaart mit einer überhöht schrillen Stimme, macht diese Szene zu einem von mehreren gelungenen Slapstick-Momenten des Stücks. Die Wechsel der Figuren und Spielorte gehen einher mit einer kleinen Umbau- und Umgewöhnungsphase, gelingen Puppenspieler Mosler jedoch sehr gut.

Während Harker einen Weg sucht, das Schloss zu verlassen, passieren in seiner Heimat ebenfalls unheimliche Dinge. Am Hals der schlafwandelnden und sichtlich geschwächten Lucy Westenra entdeckt Freundin Mina zwei kleine Löcher. Professor van Helsing soll helfen, der mysteriösen Krankheit auf den Grund zu gehen. Unterstützt wird er dabei von Lucys Verlobtem Arthur Holmwood, den Mosler als lispelnden und sehr ungeschickten Assistenten spielt. In Stemanns Inszenierung ist Holmwoods Rolle damit größer und bedeutender als in Stokers Original. Van Helsing, Typ mürrischer, aber weiser Großvater, teilt mehrere Seitenhiebe gegen Holmwood aus, der für ihn eine Art Sidekick darstellt und erscheint wie der dümmliche Gegenentwurf eines klugen Dr. Watson, der Begleiter Sherlock Holmes’. Auch wenn Dracula keine Detektivgeschichte ist, ähnelt die Jagd, die van Helsing, Holmwood, Harker und Mina auf Widersacher Dracula schließlich unternehmen, in weiten Teilen einem Krimi.

Mythos und Triebe

War die erste Hälfte des Stücks recht klamaukig, lief die zweite Hälfte nach der Pause etwas zäher. Hier hätte Stemann den Romanstoff etwas straffen können, um mehr Leben in die Bude der Untoten zu bringen. Insgesamt haben Stemann und Mosler mit „Dracula“ jedoch eine unterhaltsame Inszenierung auf die Bühne gebracht, die das Publikum mit einigen Lachern zwischendurch und viel Applaus am Ende belohnt hat.

Bram Stokers Werk mit Puppen aufgeführt zu sehen, stellt dazu eine schöne Alternative zu jüngeren Kinofilmen dar, in denen Vampire vor allem gut aussehen und in der Sonne glitzern. Dass die untoten Beißer immer noch viele Zuschauer faszinieren, liegt wohl auch daran, dass sie dem Menschen so ähnlich sind, ihre Triebe jedoch ungezügelt ausleben.

Weitere Informationen

„Dracula“ ist noch bis zum 19. Januar im Figurentheater „Mensch, Puppe!“, Schildstraße 21, zu sehen. Die nächsten Aufführungen sind am Sonnabend, 20. Oktober, und Freitag, 26. Oktober. Zusätzliche Termine und Informationen unter www.menschpuppe.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+