Hochschule für Künste Bremen

Fachfrau fürs Knifflige

Seit 25 Jahren unterrichtet Claudia J. Birkholz Neue Musik an der HfK in Bremen. Die international gefragte Toy-Pianistin will mehr Menschen für diese Art von Klängen begeistern.
15.01.2019, 17:25
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Von Eva Przybyla
Fachfrau fürs Knifflige

Am 16. Januar ab 19 Uhr feiert die Pianistin Claudia Janet Birkholz ihr Hochschuljubiläum bei einer Soirée auf dem
Flydeck, Teerhof 59.

Christina Kuhaupt

Bremen. Eines Tages warten die Menschen voller Vorfreude auf die neuen Stücke zeitgenössischer Komponisten – genau davon träumt die Bremer Pianistin Claudia Janet Birkholz. „Neue Musik wäre dann wie ein neuer Film“, sagt die Bremer Klavierdozentin und lacht. Seit 25 Jahren unterrichtet die Konzertpianistin, die auch international spielt, Neue Musik und klassisches Klavier an der Hochschule für Künste. Daneben fördert sie unentwegt die zeitgenössische Nischenmusik in Bremen.

Ihr kleines Toy-Piano trägt sie in das Wohnzimmer ihres Altbremer Hauses. Erst vor wenigen Tagen seien hier Szenen für einen Film gedreht worden, sagt sie. Behutsam setzt sie das kleine Kinderklavier, das Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA entwickelt wurde, neben dem großen Flügel ab. Birkholz ist eine der wenigen, die das Kinderinstrument perfekt beherrschen. Meistens übt sie aber am Flügel.

Rasend schnell bewegen sich dort ihre Finger über die Tasten. Birkholz spielt ein Stück von Toshi Ichiyanagi – mit Kraft. „Das ist wie Sport“, meint sie. Die nervös klingenden Melodien sind so laut, dass man sich fast die Ohren zuhalten möchte. Soll das so gespielt werden? Birkholz nickt. Sie selbst bezeichnet sich als Perfektionistin. „Ich spiele keine falsche Note“, meint sie und ihrem Gegenüber dabei direkt in die Augen.

Auch bei ihren zwölf Studierenden achte sie auf fehlerfreies Spiel. Zwei bis drei Tage in der Woche unterrichtet sie Bach, Chopin, aber auch György Ligeti und John Cage. Sie selbst habe während ihres Studiums in Bremen Neue Musik für sich entdeckt und dann immer häufiger gespielt, erzählt sie. „Ich mag es, wenn es richtig knifflig wird.“ Kompositionen, die sie derzeit übt, beschreibt sie wie ein Rätsel, das sie gelöst hat.

Für viele Musikhörerinnen und -hörer bewegt sich Birkholz mit ihrer Kunst in einem schwer zugänglichen Mikrokosmos, und das weiß sie auch. Sie beklagt, dass sogar Hochschulen und Konzerthäuser wie etwa die Glocke in Bremen den zeitgenössischen Stücken keine Bühne böten. Dabei kenne sie viele Wege, um die Musik dem Publikum schmackhaft und verständlich zu machen: Einführungen, aussagekräftige Broschüren und „die Stücke mehrmals hören“. Letzteres weiß sie von Neurologen, mit denen sie kommentierte Konzerte veranstaltet. Birkholz hält sich bei ihren Präsentationen daran: „Manchmal spiele ich Teile des Stücks dreimal“.

Jedes Jahr veranstaltet Birkholz zwei Konzerte mit ihren Studierenden in der Weserburg. Außerdem hat sie das Jugendensemble Neue Musik Bremen gegründet, für das sie derzeit selbst Stücke komponiert. Seit 2012 ist sie auch die künstlerische Leiterin des Vereins „Realtime – Forum Neue Musik“, der mehr Menschen die Gegenwartsmusik vermitteln will.

Claudia Birkholz kämpft gegen den elitären Ruf der Neuen Musik an – „mit allem, was ich kann“, wie sie sagt. Und ihre Arbeit fruchtet, zumindest ein Stück weit: Denn die Bremerin ist international eine gefragte Pianistin für zeitgenössische Klassik. Mit dem zeitgenössischen „ensemble Intégrales“ tourte sie durch Asien und Europa. Außerdem spielte sie auf zahlreichen, renommierten Festivals sowie in vielen Rundfunkkonzerten. Doch ihr Erfolg kam nicht von allein: „Man muss sich selbst vermarkten“, sagt sie heute. Am Anfang habe ihr das widerstrebt, aber es sei nötig gewesen. Sie ist froh, dass dieses Wissen heute an den Hochschulen vermittelt wird. Trotzdem höre sie von den meisten Studierenden nach dem Abschluss nur noch wenig, bedauert sie. Entmutigen lässt sich Birkholz davon nicht: „Ich bleib dran“, sagt sie und macht sich bereit für den nächsten Termin.

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