Geschwisterdramen in Hamburg Familienbande im Horrorhaus

Ambitioniert: Karin Henkel montiert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg drei Texte von Thomas Bernhard, dessen Todestag sich unlängst zum 30. Mal gejährt hat.
17.02.2019, 15:46
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Familienbande im Horrorhaus
Von Hendrik Werner

Hamburg. Vier Tage nach dem 30. Todestag von Thomas Bernhard (Jahrgang 1931) ehrt das Deutsche Schauspielhaus Hamburg den österreichischen Schriftsteller mit einem zugleich düsteren und bunten Abend, der drei Texten (und mindestens ebenso vielen Lebensthemen) gilt: den Bühnenstücken „Vor dem Ruhestand“ (1979) und „Ritter, Dene, Voss“ (1984) sowie der Prosaarbeit „Auslöschung. Ein Zerfall (1986)", Bernhards letztem Roman.

Leicht hätte die Kombination so vieler Stoffe und Genres ins Belanglos-Revuehafte entgleiten können. Doch Regisseurin Karin Henkel, Jahrgang 1970, die Mitte der Nullerjahre mehrfach am Theater Bremen inszenierte – unter anderem August Strindbergs „Totentanz“ und William Shakespeares „King Lear“ – macht es grundsätzlich weder sich noch dem Publikum leicht. Deshalb besteht der zweidreiviertelstündige Abend, der eine Pause einschließt, nicht etwa aus der schnöden Aufeinanderfolge besagter Texte, wie vom Programmheft suggeriert, sondern in deren zeitlich und räumlich engen Verschränkung auf der Bühne sowie – wenigstens in privilegierten Passagen – in deren wechselseitiger Durchkreuzung und Durchdringung, Überschreibung und Kommentierung.

„Das hört sich größenwahnsinnig an“, hat Karin Henkel während der Probenphase in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt semi-kokett bemerkt. „Aber es ist aufregend, wie sich diese Stoffe spiegeln, sowohl strukturell als auch inhaltlich.“

Vergleichende Lektüre

Tatsächlich drängen sich die Figurenkonstellationen in allen drei Texten für eine vergleichende Lektüre auf. Nicht nur, dass es jeweils um Familienbande(n), traumatisierende Eltern-Kind-Beziehungen und die kategorische Unkündbarkeit von Verwandtschaft geht (um das lastende Erbe einer nationalsozialistischen Vergangenheit, die nicht vergeht, sowieso). Vielmehr stehen im Kern aller drei Texte drei Geschwister: genauer: zwei Schwestern und ein Bruder, die in komplexe Abhängigkeiten verstrickt sind, die voneinander lassen wollen, es aber nicht können. Lebenslänglich, wenn nicht sogar darüber hinaus in jenem Alp toter Geschlechter, den Thomas Bernhard in der Alpenrepublik monomanisch auf dem Schauplatz der Schrift inszenierte – und dessen Uraufführungen er zumeist Claus Peymann anvertraute; so auch „Vor dem Ruhestand“ und „Ritter, Dene, Voss“.

Zu erwarten ist in Hamburg folglich ein dreifach potenziertes Endspiel, das nimmer enden wird. Das deutet sich schon im beeindruckenden Bühnenbild an, das Muriel Gerstner und Selina Puorger in Gestalt eines finsteren Hauses errichtet haben, das den neun Akteuren auf mehreren Ebenen (samt Fahrstuhl ins Untergeschoss) etliche Lamento- und Spielflächen einräumt. Nicht von ungefähr schließt die hintere Bühne mit zwei Fenstern ab, die an tote Augenhöhlen erinnern (und die Samuel Becketts Stück „Fin de Partie“ zitieren mögen). Mehrfach stürzt sich Franz-Josef Murau (Tilman Strauß), der unentwegt über Schuld und Sühne monologisierende Protagonist aus „Auslöschung“, aus einem von ihnen, und jedes Mal betritt er kurz darauf erneut die Szene und moniert, die Fenster seien ja schon wieder geschlossen.

Karin Henkel, die während der Intendanz des Thomas-Bernhard-Intimus Claus Peymann am Wiener Burgtheater reüssierte, kennt naturgemäß alle Spleens und Wiederholungszwänge, alle Isolationsfoltern und Familienrituale, die der gallige Dichter seinen Werken einspeiste. Gemeinsam mit Dramaturgin Rita Thiele, die ab 1990 sogar elf Jahre mit dem Bremer Claus Peymann an der Burg wirkte (und Thomas Bernhards Nachruhm förderte), hat sie eine anspruchsvolle Fassung erarbeitet, die das Einende der drei Texte so zeitverzögert streut, dass deren Beklemmungspotenzial langsam, aber stetig wächst. Gerade so, wie es den Spukerscheinungen in einem Horrorhaus zukommt.

Unheimlicher Höhepunkt

Doch erst nach der Pause, wenn an drei nebeneinander postierten Tischen die Überschneidungen, Wiederholungen und Gleichzeitigkeiten der Texte wie auch der Protagonisten einem unheimlichen Höhepunkt zugetrieben werden, wird deutlich, wie gut das ambitionierte Kalkül der Regie aufgegangen ist.

Eine spannende Lesart ist diese komparative Familienaufstellung allemal. Wenngleich sich mancher der am Ende ausdauernd applaudierenden Zuschauer gewünscht haben mag, mehr von der galligen Komik Bernhards zu bekommen, als es die verwendeten Texte hergeben. So oder so zeigt das Ensemble in diesem komplexen Stellungsspiel eine tolle Leistung – zumal André Jung als Nazi Rudolf Höller („Vor dem Ruhestand“) sowie Lina Beckmann, die den verhaltensauffälligen Ludwig („Ritter, Dene Voss“) gibt und die bloß „Brandteigkrapfen“ zu sagen braucht, um Lacher zu ernten. Entlastungslacher an einem schaurig-schönen Premierenabend.

Weitere Informationen

Weitere Vorführungen: 18. Februar, 19.30 Uhr; 10. März, 16 Uhr; 27. März, 20 Uhr; 18. und 26. April, 19.30 Uhr; 11. Mai, 20 Uhr.

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