Kuss-Quartett und Juliane Banse in der Glocke

Feinsinnige Umsetzung

Bremen. Ein Streichquartett mit einer Singstimme zu kombinieren, könnte eine stimmige Option sein. Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Werke, bei denen eine derartige Besetzung vorgesehen ist.
19.10.2016, 00:00
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Von Gerd Klingeberg

Bremen. Ein Streichquartett mit einer Singstimme zu kombinieren, könnte eine stimmige Option sein. Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Werke, bei denen eine derartige Besetzung vorgesehen ist. So etwa die 1994 von Aribert Reimann vorgelegte Transkription von Robert Schumanns Spätwerk „Sechs Gesänge für Sopran“, mit dem das zweite Philharmonische Kammerkonzert im kleinen Glockensaal eröffnet wurde.

Doch gerade diese Lieder verdeutlichten, wie heikel solch eine Besetzung sein kann: Die kraftvolle Sopranstimme von Juliane Banse, die mühelos auch mit einem großen Orchester mithalten könnte, war streckenweise allzu dominant und verdrängte das Kuss-Quartett mit seiner feinsinnigen Umsetzung der poetisch-melancholischen Textinhalte häufig in eher untermalende Begleitfunktion. Gänzlich anders dagegen Arnold Schönbergs Streichquartett Nr.2, dessen Anfangssätze allein den Streichinstrumenten vorbehalten sind.

Die heftigen, von krisenhaften Schicksalsschlägen des Komponisten beeinflussten Stimmungswechsel aus Auflehnung und Resignation (eingefügt ist das bezeichnende Zitat „O du lieber Augustin“) wurden mit großem Einfühlungsvermögen in starken Bildern nachgezeichnet. Impetus und Ausdruckskraft, mit denen Juliane Banse die Gesänge „Litanei“ und „Entrückung“ der beiden Folgesätze vortrug, unterstrichen zudem in beeindruckender Interpretation die Intensität und Vielschichtigkeit der erschütternd düsteren Textdichtung; sie potenzierten grandios, was von den Instrumentalstimmen in spannungsvollen Kontrasten als Widerspiegelung der Verzweiflung einer zutiefst verletzten Seele vorgegeben worden war. Da passte das markerschütternd inbrünstige Herausschreien der Hoffnungslosigkeit, da stimmte der ergreifende Pianissimohauch, der in faszinierender Emotionalität das Gefühl unendlicher Leere vermittelte.

Bereits zuvor hatte das Kuss-Quartett mit dem Streichquartett Nr. 3 von Johannes Brahms begeistern können. Ausnehmend gut gefiel bei dieser insgesamt heiteren, wenngleich stets von melancholischem Hauch durchzogenen Komposition der Finalsatz: Die Variationen eines volkstümlich simplen Themas, das von den einzelnen Instrumenten aufgenommen und in kunstvollen Verschachtelungen nachvollziehbar weitergesponnen wird, markierten beispielhaft die durchweg nuancierte Farbgestaltung und eine auf optimale Transparenz ausgelegte Ausführung des Ensembles.

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