Alain Platel mit 'Out of Context'

Festival Tanz Bremen mit deutscher Erstaufführung eröffnet

Bremen. Wenn der belgische Choreograf Alain Platel ein neues Stück mit seinem 'ballets C de la B' einstudiert, stehen die Festivalplaner Schlange. Umso schöner, dass Tanz Bremen das Stück am Eröffnungsabend als deutsche Erstaufführung präsentieren konnte.
10.04.2010, 14:20
Lesedauer: 3 Min
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Festival Tanz Bremen mit deutscher Erstaufführung eröffnet
Von Alexandra Albrecht
Festival Tanz Bremen mit deutscher Erstaufführung eröffnet

Ist das schon neurologisch auffällig oder sind es nur Bewegungen der Popkönigin Madonna?

Chris van der Burght

Bremen. Wenn der belgische Choreograf Alain Platel ein neues Stück mit seinem 'ballets C de la B' einstudiert, stehen die Festivalplaner Schlange. Sein neues Werk 'Out of Context - for Pina' ist bis Ende des Jahres gebucht und wird dann an renommierten Bühnen wie dem Pariser Théâtre de la Ville und dem Londoner Sadler`s Wells zu sehen gewesen sein. Umso schöner, dass Tanz Bremen das Stück am Eröffnungsabend als deutsche Erstaufführung präsentieren konnte.

Erstaufführungen, besser noch Uraufführungen zeichnen ein Festival aus, sichern ihm auch überregionale Aufmerksamkeit. Und so saßen im ausverkauften Theater am Goetheplatz auch einige angereiste Kritiker und Mitarbeiter von anderen Festivals, die eben nicht kommen, wenn ein Stück schon zigmal in Deutschland zu sehen war. Platels Abend ist nicht die einzige deutsche Erstaufführung im diesjährigen Programm, aber mit Sicherheit die am stärksten beachtete.

Zum vierten Mal schon gastierte das 'ballet C de la B' jetzt bei Tanz Bremen, doch bislang nie mit einem Stück seines Mitgründers Alain Platel. Der flämische Starchoreograf hat in den vergangenen Jahren immer aufwändigere Abende kreiert, unter anderem für die Berliner Staatsoper und die Pariser Oper, darunter eine geistig-musikalische Tiefbohrung in die Bachsche Matthäus-Passion ('pitié'). Doch jetzt hat Platel aufgeräumt, sich von Ballast getrennt: Er verzichtet auf ein Bühnenbild und Livemusik (sieht man einmal von den kurzen Gesangseinlagen seines Ensembles ab). Reduktion, Konzentration auf das Wesentliche, auf den Menschen und seine Befindlichkeiten also, kennzeichnen den 90-minütigen Abend 'Out of Context', der angemessen beiläufig beginnt.

Rhythmisch durchgeschüttelt

Nach und nach betreten die zwei Tänzerinnen und sechs Tänzer vom Zuschauerraum aus die große Bühne des Theaters am Goetheplatz, legen ihre Kleidung bis auf die Unterwäsche ab, hüllen sich in rote Kuscheldecken. Zu tierischen Lauten aus den Boxen beschnüffeln sich die Paare, schlagen dazu mit den Beinen aus. Ein intimer Moment der Annäherung, sinnlich, archaisch. Platel kontrastiert den ganzen Abend über Szenen, in denen seine Tänzer scheinbar von Affekten, Trieben, auch Krankheiten beherrscht werden, mit Momenten, in denen sie sich das Kostüm der Zivilisation übergezogen haben.

Der gelernte Heilpädagoge Platel lässt sein Ensemble neurologische Krankheitsbilder vorführen, wenn die Tänzer auf einmal zucken und zittern, die Augen aufreißen und verdrehen, lautlos aus aufgerissenem Mündern schreien, blöd vor sich hingrinsen und mit den Zähnen klappern. Dem steht eine exakt einstudierte, synchron getanzte Choreografie gegenüber, in der das Ensemble schnell und kantig ausgeführte Armbewegungen zu Barockmusik aufführt. Die Übergänge zwischen den unbewusst ausgeführten Bewegungen und der kunstvollen Tanzsprache sind fließend. Das wird in einer langen, sehr amüsanten Szene hübsch deutlich, die das Bewegungsrepertoire Madonnas zitiert: Die zu kräftigen, recht eintönigen Beats vorgeführten Hüftzuckungen und spastisch abgespreizten Finger erinnern plötzlich an die Körpersprache der Kranken.

Platel wäre nicht Platel, würde er ein heilpädagogisches Seminar aus diesem Tanzabend machen, vielmehr weist er mit Witz und Ironie auf solche Zusammenhänge hin. Und gibt seinen vorzüglichen Tänzern ausreichend Gelegenheit, ihre Fertigkeiten vorzuführen. Es ist eindeutig ihr Abend, sie faszinieren mit ihrem technischen Können, mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Charme. Denn trotz der durchaus zwingenden Idee, sich mit den Gemeinsamkeiten von Bewegungen ganz verschiedener Herkunft zu beschäftigen und so nebenbei auch die Frage zu stellen, wann sie uns schön, wann hässlich erscheinen, wirkt der etwas länglich geratene Abend streckenweise beliebig. Mehr noch: Das alles hat man so oder doch sehr ähnlich in den vergangenen Jahren schon häufig gesehen.

Die Widmung des Stückes an die im vergangenen Sommer gestorbene Pina Bausch macht einmal mehr deutlich, wie sehr dem Tanztheater momentan eine so bahnbrechende Figur fehlt wie die junge Pina Bausch. Oder der junge Alain Platel. Es scheint so, als seien dem Tanztheater die Themen ausgegangen, es kreist nicht selten um sich selbst, befragt die eigenen Mittel und Möglichkeiten. Das ist wichtig und legitim, aber sollte kein Selbstzweck sein.

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