Film der Woche: „Vergiftete Wahrheit“

Erst die Kühe, dann die Menschen

Eine Geschichte wie David gegen Goliath: Ein einsamer Kämpfer nimmt es mit einem übermächtigen Konzern auf. Schauspieler und Produzent Mark Ruffalo macht in „Vergiftete Wahrheit“ vieles richtig.
08.10.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christian Fahrenbach und Iris Hetscher
Erst die Kühe, dann die Menschen

Mark Ruffalo kämpft als Rechtsanwalt Robert Bilott gegen die Machenschaften des Chemiekonzerns DuPont.

Mary Cybulski /TOBIS Film GmbH /dpa

Man kennt diese Filme: Da gibt es einen übermächtigen Konzern und/oder extrem dunkle Machenschaften auf der einen Seite, auf der anderen Seite stehen die einsamen Kämpfer, die sich nicht scheuen, es mit eben diesen skrupellosen Mächten aufnehmen. Wie im biblischen Gleichnis von David gegen Goliath. Häufig wird daraus richtig guter Kinostoff, schließlich taugen die oft an wahre Begebenheiten angelehnten Skandale für ordentliche Helden- und Heldinnengeschichten. So geschehen beispielsweise bei „Erin Brokovich“, die Julia Roberts als toughe Arbeiterklassen-Ikone spielte. Oder in dem oscarprämierten Journalismusdrama „Spotlight“, in dem Redakteurinnen und Redakteure des „Boston Globe“ Fälle von sexuellem Missbrauch und deren systematischer Verschleierung in der katholischen Kirche aufdeckten.

Nun kommt mit „Vergiftete Wahrheit“ (Originaltitel: Dark Waters) ein Film mit einem ebenso fiesen Nachgeschmack ins Kino. Der gesundheitsschädliche Stoff Perfluoroctansäure, um den es dabei geht, ist in 99 Prozent aller Menschen nachweisbar, heißt es in dem engagierten Justizdrama: Er steckt unter anderem in Teflon.

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Im Mittelpunkt des 1998 spielenden Films steht der einsame Antiheld Rob Bilott, gespielt von Mark Ruffalo, der nicht nur aus den „Avengers“-Filmen bekannt ist, sondern auch schon in „Spotlight“ dabei war. Er spielt einen etwas abgestumpft wirkenden Verteidiger riesiger Konzerne, doch eines Tages steht Bauer Wilbur Tennant in seinem Büro und bittet ihn um Hilfe. Der Viehwirt ist ein Bekannter von Robs Großmutter und wedelt mit Videokassetten vor Bilotts Nase herum.

Vergiftetes Trinkwasser

Nach anfänglichem Zögern besucht Bilott seine Oma in West Virginia und lässt sich von Tennant zeigen, um was es geht: 190 seiner Kühe sind qualvoll verendet. Der Mann ist sich sicher, dass daran die Fabrik des Chemieriesen DuPont schuld ist. Der Konzern vergifte das Trinkwasser, töte so die Tiere und sorge bei Menschen für Krebs, glaubt er. Bilott bekommt von seinem Chef (Tim Robbins) die Erlaubnis, den Fall als Liebhaberei zu untersuchen. Er kann nicht ahnen, dass er dadurch immer tiefer in einen Strudel gerät, der nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Familie bedroht.

Der in Hollywood für seinen Umwelt- und Sozialaktivismus bekannte Mark Ruffalo hat auch als Produzent Geld in diesen Film gesteckt und damit den richtigen Riecher bewiesen. Nicht nur seine eigene schauspielerische Leistung kommt bemerkenswert desillusioniert daher. Auch Regisseur Todd Haynes hält die Fäden souverän zusammen. Haynes hat bereits mit „Velvet Goldmine“ und „Carol“ bewiesen, dass er Filme mit ungewohnten Zugängen schaffen kann. Bei „Vergiftete Wahrheit“ zeigt sich das in den abwechselnd dunklen und ausgeblichenen Farbtönen von Kameramann Edward Lachman. Einzig die passive Ehefrauen-Rolle, die Anne Hathaway ausfüllen muss, ist ein Ärgernis des Films.

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Die größte Stärke des Dramas ist es, keine einfachen Lösungen anzubieten. Stattdessen wächst beim Zuschauen die Wut auf ein Unternehmen, das die Gesundheit von Milliarden Menschen gefährdet – ein Problem, das noch immer besteht. In den USA ist der Film bereits 2019 angelaufen, also vor der Corona-Pandemie und Donald Trumps eigenwilligem Umgang mit den Fakten. Rob Bilotts zentrale Sätze in „Vergiftete Wahrheit“ wirken daher beinahe prophetisch: „Das System ist getürkt. Wir sollen glauben, es würde uns beschützen, aber das ist eine Lüge. Wir beschützen uns. Niemand sonst. Nicht die Unternehmen, nicht die Wissenschaftler, nicht die Regierung. Wir.“

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„Vergiftete Wahrheit“ ist ab Donnerstag in der Schauburg, im Cinestar und im Cinespace zu sehen.

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