Film ab: Das Bildungsangebot des City 46

„Filme sprechen Emotionen an“

Das Kommunalkino City 46 wurde vor Kurzem für sein Bildungsangebot ausgezeichnet. Alfred Tews verrät im Interview, was Kinder aus Filmen lernen können und welche Themen immer für Aufmerksamkeit sorgen.
30.11.2018, 17:37
Lesedauer: 5 Min
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„Filme sprechen Emotionen an“
Von Alexandra Knief
„Filme sprechen Emotionen an“

Alfred Tews findet, dass Filme für Kinder und Jugendliche auch ruhig einfach nur mal Spaß machen dürfen.

Christina Kuhaupt

Herr Tews, vor Kurzem hat das City 46 beim Kinopreis des Deutschen Kinemathekenverbundes den ersten Preis in der Kategorie „Kino, das bildet“ gewonnen. Der Preis wird jedes Jahr in Berlin vergeben. Was macht das Kommunalkino besser als andere?

Alfred Tews : In den vergangenen Jahren standen wir schon häufiger auf dem zweiten oder dritten Platz in der Kategorie. Dieses Jahr hat es mit dem ersten Platz geklappt. Prämiert wurden wir für vier Projekte: Das Kinderfilmfest und das Bremer Filmsymposium, das wir zusammen mit der Universität anbieten. Außerdem ist da das Filmfestival Globale und die Schulkinowoche, die wir seit 2005 in Bremen veranstalten.

Was ist das Filmfestival Globale? Hat das was mit dem gleichnamigen Literaturfestival zu tun?

2012 trat eine Gruppe filmbegeisterter Mitglieder des globalisierungskritischen Vereins Attac-Bremen an mich heran. Seitdem zeigen wir jeweils acht Filme zu Themen wie Migration, Finanzmarkt, alternatives Wirtschaften, Umwelt und Nahrungsmittel. Im Anschluss wird mit Referenten und dem Publikum diskutiert. Die Globale kooperiert punktuell mit dem Literaturfestival, und kommt beim Publikum mittlerweile sehr gut an.

Wie wird das sonstige Bildungsangebot wahrgenommen?

Seit fünf, sechs Jahren ist die Bremer Schulkinowoche die erfolgreichste Deutschlands, über 20 Prozent der Bremer Schüler nehmen teil. Aus der Schulkinowoche ist unter anderem das Bremer Filmabitur entstanden. Wir versuchen, ein buntes Rahmenprogramm mit Lehrerfortbildungen und Gästen zu schaffen, Gespräche mit Filmemachern anzubieten und auch den Schülern ein ganz besonderes Kinoerlebnis zu ermöglichen. Neben Aufklärung über das Filmemachen und den richtigen Umgang mit Filminhalten ist es uns ein Anliegen, dass Filme auch Spaß machen.

Wissen Sie noch, was der erste Film war, der Sie als Kind geprägt hat?

Ja. Das war das „Märchen von den Heinzelmännchen“. Ich komme vom Dorf, und immer freitags kam ein fahrender Kinomensch, der in der Dorfkneipe einen Kinderfilm gezeigt hat. Als ich fünf war, 1958, habe ich diesen Film gesehen und fand ihn ziemlich gruselig. Das ist also eher keine gute Erinnerung.

Beispiele wie dieses zeigen, wie prägend Filme für Kinder sein können. Was können sie im Kino lernen?

Bei jedem gibt es individuelle, unbewusste Prägungen. Ein Film kann sowohl glücklich als auch traurig machen, er spricht Emotionen an. Es ist wichtig, über Film zu reden. Denn wenn man über Filme redet, beginnt man irgendwann, Dinge zu hinterfragen: Wie wurde ein Thema rübergebracht? Ist das sinnig? Welche Bedeutung transportiert der Film? Das Auge ist unser Hauptinstrument, um die Welt zu erfahren. Bildung ist daher eine Aufgabe, die wir als Kommunalkino haben. Wir haben in Bremen als eines der wenigen verbliebenen Kommunalkinos mit zwei Kinosälen eine Sonderstellung.

Sie sprechen es an, viele Kinos werden kleiner. Wird das Kino in Zeiten von Netflix und Co. eine Zukunft haben?

Wir müssen uns immer wieder neu infrage stellen und erfinden. Doch auf dem Bundeskongress von Visionkino, einer gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung der Film- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, wurde vor Kurzem thematisiert, dass mittlerweile eine Überdrüssigkeit an dem immer umfangreicheren Seh-Angebot auszumachen sei, und dass selbst junge Leute sich wieder verstärkt Orte suchen, an denen sie sich treffen und austauschen können. Das Kommunalkino ist ein Ort der Begegnung. Es gibt ja auch immer wieder Diskussionen, ob Bücher irgendwann verschwinden werden.

Allein dieses Jahr haben mehr als 15 000 Schüler an der Schulkinowoche in Bremen und Bremerhaven teilgenommen. Anspruchsvolle und schulisch relevante Filme werden hier gezeigt. Was macht einen Film zu einem anspruchsvollen Film?

Ich persönlich lege zum Beispiel großen Wert darauf, dass es nicht nur intellektuelle Super-Filme wie „Im Labyrinth des Schweigens“ für die neunte bis dreizehnte Klasse gibt, sondern auch Angebote für die Kleinen. Das fällt oft hinten runter, weil es schwieriger ist, da gute, altersgerechte Inhalte zu finden. Ein guter Film schafft es, die Schüler sowohl zum Lachen zu bringen, als auch über dargestellte Probleme zu diskutieren. Unser Team in Bremen hat es geschafft, dass wir uns das Kinoprogramm für die Schulkinowoche selbst erarbeiten, für alle Kinos hier. Das machen andere Bundesländer nicht. Wir möchten die Auswahl gerne in den Fingern behalten.

Wonach wählen Sie die Filme aus?

Themen wie Freundschaft, erste Liebe, Pubertätsprobleme funktionieren natürlich immer gut. Aber nicht nur. Auch gesellschaftsrelevante Themen finden ihren Platz. Außerdem versuchen wir, bestimmte Filme in Kinos zu platzieren, die diese sonst eher nicht zeigen würden, und in die Schüler von sich aus vielleicht auch nicht reingehen würden. Um ihnen klar zu machen: Es gibt auch andere Filme als „Star Wars“ oder „Spiderman“. Bisher haben wir damit gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel dieses Jahr mit den Filmen „Amelie rennt“ und „Tomorrow“, die gute Filmgespräche ermöglicht haben.

In Zeiten von Youtube sind Kinder und Jugendliche eher kurze Formate gewohnt, die sie immer und überall abrufen können. Ist es schwieriger als früher, Kinder über einen längeren Zeitraum zu fesseln?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn es Themen sind, die die Nöte der Schüler berühren, ist die Aufmerksamkeitsspanne sehr hoch. Sexualität ist natürlich so ein Thema. Wir hatten „Tomboy“, einen Film, der Geschlechteridentitäten behandelt im Programm. Der Film erzählt von Laure, die sich als Junge ausgibt. Lisa glaubt die Lüge und verliebt sich in Laure. Nach dem Film gab es bei den Schülern einen hohen Diskussionsbedarf.

Was unterscheidet die Schulkinowoche vom Kinder- und Jugendfilmfest?

Die Idee des Kinder- und Jugendfilmfestes ist es, spielerischer mit den Kindern umzugehen, nicht nur einen Film zu zeigen und darüber zu sprechen. Wir hatten zum Beispiel in der Vergangenheit mal das Thema Afrika und haben dazu ein ganzes Setting aufgebaut. Viele Kinder machen beim Filmfest ihre ersten Leinwanderfahrungen. Da fließen auch mal Tränen, das ist ja schon ein übermächtiges Filmerleben in so einem Kinosaal.

Ich kenne auch genug Erwachsene, die im Kino weinen...

Ja, ich hab bei „Heidi“ geheult. Da hat jeder so seine Themen, die ihn berühren. Und manchmal können Kinder da viel mehr ab als Erwachsene. Ich bin aber grundsätzlich der Meinung, dass Kinder erst mit sechs Jahren ins Kino sollten. Das ist ein Alter, in dem sie schon viel davon mitkriegen, wie die Welt funktioniert.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Alfred Tews

ist seit 1989 beim Kommunalkino City 46. Am 1. Dezember geht er in Rente, ist aber weiterhin im Vorstand des Kinos und übernimmt einzelne Projekte. Er ist bisher und auch weiterhin für die Schulkino-Wochen in Bremen und Bremerhaven sowie für das Bremer Kinder- und Jugendfilmfest KIJUKO zuständig.

Info

Zur Sache

Termine für 2019

Filmfestival Globale:

7. Februar – 28. März 2019

Schulkinowoche: 25. bis 29. März 2019

Internationales Bremer Symposium zum Film: 8. bis 11. Mai 2019

Kinder- und Jugendfilmfest KIJUKO:

Ende September 2019

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