Sexuelle Unterdrückung

Filmkritik: „Female Pleasure“

„Female Pleasure“ dokumentiert einen globalen Missstand: Die sexuelle Unterdrückung der Frau. Mit seinen fünf Protagonistinnen zeigt der Film jedoch auch die Vorreiterinnen der Selbstbestimmung.
11.11.2018, 21:59
Lesedauer: 2 Min
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Von Niklas Golitschek

Gleichberechtigung und sexuelles Selbstbestimmungsrecht für Frauen existieren vor allem auf dem Papier. Vor allem durch die #MeToo-Debatte sind diese Themen in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wieder in die Öffentlichkeit gerückt – weg waren sie allerdings nie. Höchstens nicht präsent. Mit dem Dokumentarfilm „Female Pleasure“ leistet die Schweizer Regisseurin Barbara Miller einen Beitrag zu diesem Thema.

Der Titel „Weibliche Lust“ wirkt zunächst irreführend: Miller porträtiert fünf Frauen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur, die vor der Kamera ihre Erlebnisse von sexueller Unterdrückung schildern. Deborah Feldmann, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav eint dieses Schicksal: arrangierte und erzwungene Ehen, Genitalverstümmelungen, Vergewaltigungen, Belästigungen oder Unterdrückung der weiblichen Sexualität. Schnell wird klar, dass die Protagonistinnen über ein globales Problem sprechen, das alle Gesellschaften betritt.

Doch diese fünf Frauen haben sich entschieden, nicht über ihre Erlebnisse zu schweigen. Gerade im ersten Drittel des Films zählt das Wort „Tabu“ zu den am häufigsten verwendeten. Über weibliche Sexualität, weibliche Lust zu sprechen – so die ernüchternde Bilanz – ist eben genau das: tabu.

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Als Kontrast zu den anderen vier Protagonistinnen, die körperliche sexuelle Unterdrückung erfahren haben, sticht die japanische Künstlerin Rokudenashiko hervor. Mit der 3D-Kunst ihrer Genitalien, zumeist der Vulva, ist sie mehr kulturelle Vordenkerin als Frauenrechtsaktivisten. Doch auch sie muss sich wegen ihrer „obszönen Kunst“ vor Gericht verantworten. Mit ihrer Art und ihrem Lebenswitz lockert Rokudenashiko diesen bitterernsten Film entscheidend auf – ohne das Thema selbst ins Lächerliche zu ziehen. Genau deswegen ergänzt die Japanerin die weiteren Protagonistinnen so gut.

Keine übergeordnete Erzählerin

Anhand ihrer Geschichte wird deutlich, auf welch verschiedene und grausame Weisen Frauen in ihrer Individualität und Sexualität durch ein männlich geprägtes Gesellschaftsbild unterdrückt werden. Immer wieder gilt dafür die Religion als Vorwand, die Frauen zwar heroisiert, aber gleichzeitig auch als unrein darstellt. Ganz gleich ob Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus. Das belegt „Female Pleasure“ an Zitaten der verschiedenen heiligen Schriften. Diese kurzen Einblendungen sind das einzige Element, das den Handlungsstrang für wenige Sekunden unterbricht. Selbst auf eine übergeordnete Erzählerin verzichtet der Dokumentarfilm. Diese fünf Frauen allein reichen aus, um ein verheerendes Gesamtbild zu zeichnen.

Seine emotionale Stärke zieht „Female Pleasure“ aus der charakterlichen Stärke seiner Protagonistinnen. Der Film benötigt keine drastischen Bilder; die Worte, die Erzählungen, die Frauen selbst sind das tragende Element. Oft werden sie an privaten oder ruhigen Orten gezeigt: in ihrer Wohnung, im Taxi, in verwinkelten Gassen, am Strand. Diese Kulissen verstärken die Intensität des Gesagten. Und das ist keineswegs nur negativ.

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Denn diese fünf Frauen sind nicht einzig aufgestanden, um anzuprangern. Selbstverständlich kritisieren sie die gesellschaftliche und sexuelle Unterdrückung ihres Geschlechts. Doch sie stehen für etwas Positives ein: für die Selbstbestimmung. Für die weibliche Lust. Deshalb harmoniert der Titel mit dem Inhalt. „Female Pleasure“ bietet mehr als die Momentaufnahme eines globalen Missstandes. Der Film ist ein Aufruf an alle Frauen, für ihre Rechte, für Gleichberechtigung einzustehen.

Weitere Informationen

Der Film „Female Pleasure“ läuft noch bis Mittwoch im Cinema Ostertor.

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