In der Produktion „Golden Heart“ untersucht Alize Zandwijk am Theater Bremen Grenzen der Aufopferung

Flatulenz und Pflegenotstand

Bremen. Mehr einem assoziativen Szenenreigen als einer stringent erzählten Geschichte gleicht Alize Zandwijks jüngste Inszenierung am Kleinen Haus des Theaters Bremen. Das kann angesichts der schieren Fülle des zitierten und neu modellierten Materials nicht verwundern: Mit Lars von Triers „Golden Heart“ genannter Filmtrilogie („Breaking the Waves“, „Idioten“, „Dancer in the Dark“, 1996-2000), die dem Abend den Titel und eine thematische Klammer gibt, adaptiert Zandwijk schwerblütige Auseinandersetzungen des dänischen Brachialregisseurs mit der Hingabebereitschaft der Menschen, der Frauen zumal.
15.01.2017, 00:00
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Flatulenz und Pflegenotstand
Von Hendrik Werner
Flatulenz und Pflegenotstand

Die Belastbarkeit des Guten im Menschen erproben die Akteure in Alize Zandwijks Inszenierung von „Golden Heart“.

Petra Sigge, frei

Bremen. Mehr einem assoziativen Szenenreigen als einer stringent erzählten Geschichte gleicht Alize Zandwijks jüngste Inszenierung am Kleinen Haus des Theaters Bremen. Das kann angesichts der schieren Fülle des zitierten und neu modellierten Materials nicht verwundern: Mit Lars von Triers „Golden Heart“ genannter Filmtrilogie („Breaking the Waves“, „Idioten“, „Dancer in the Dark“, 1996-2000), die dem Abend den Titel und eine thematische Klammer gibt, adaptiert Zandwijk schwerblütige Auseinandersetzungen des dänischen Brachialregisseurs mit der Hingabebereitschaft der Menschen, der Frauen zumal. Punktuell verknüpft werden diese geborgten Stränge zudem mit Fäden eines weiteren Kino-Dreiteilers im Zeichen des fortgesetzten und forcierten Selbstopfers: Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie („Liebe“, „Glaube“, „Hoffnung“, 2012-2013) gibt der niederländischen Theatermacherin weitere thematisch einschlägige Bilder und Konstellationen an die Hand, um auf der Bühne Grenzen der Selbstpreisgabe und des Altruismus zu erproben.

Schon einmal, 2011, hat Alize Zandwijk Seidls verstörendes Werk beliehen. Damals übermalte sie am Rotterdamer Ro-Theater unter dem Leitwort „Hondstage“ die Wiener Vorortmoritat „Hundstage“ aus dem Jahr 2000. Dass der englische Titel dieser gefeierten Produktion, „Dog Days“, wiederum an „Dogville“ denken lässt, ein weiteres Lars-von-Trier-Lehrstück über die Belastbarkeit des Guten im Menschen, ist fraglos Zufall – und dann doch wieder nicht. Denn unser Wissen und Weissagen sind bekanntlich Stückwerk (vgl. 1 Korinther), und der liebe Gott, das lehren Aby Warburgs Andachten zum bloß vermeintlich Unbedeutenden, steckt im Detail. Das walte Alize Zandwijks Inszenierungskunst, die den Glauben an das Gute, Schöne, Wahre partout nicht preisgeben will.

So oder so: Es kann bei dieser im besten Wortsinne fordernden Bremer Schauspielpremiere nicht schaden, im gut zweistündigen Gewimmel und Gewisper der Subtexte um die existenzielle Bedeutung jener Brille zu wissen, die Björk als erblindende Mutter und Musical-Aktrice Selma in „Dancer in the Dark“ trägt – und die Nadine Geyersbach als Putzfrau den trüben Blick auf ihre Sisyphosarbeit zwischen Wienern und Wäscheklammern schärft. Auch ist es gewiss von Vorteil, den hingebungsvollen Liebesdienst, den ein junger Mann (Robin Sondermann) an einem inkontinenten älteren Mann (Guido Gallmann) versieht, mit jener unbedingten Hilfsbereitschaft verrechnen zu können, die Bess in „Breaking the Waves“ ihrem zeitweilig flächendeckend gelähmten Mann Jan angedeihen lässt. Und schließlich kann es beim mitleidenden Betrachten der im Hausmütterchenkittel auf Knien rutschenden Fania Sorel von Nutzen sein, sich der schier unendlichen Variationen des Korinther-Erbauungsspruchs zu entsinnen („Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“), die Anna Maria, gottesfürchtige Protagonistin in Seidls „Glaube“, als ihr Credo ausgibt. Gleiches gilt für Sorels gebetsmühlenartig und interkulturell kolportierte Mär vom goldherzigen Mädchen, die von Triers frühe Lieblingslektüre universell aufmotzt.

Auch ohne nähere Kenntnis einzelner kulturhistorischer Stimmen, die in dem sorgsam aus Tanz, Musik und Schauspiel gewobenen Abend echoen, stellen sich für das Publikum intensive Stimmungen her: Gallmanns von Flatulenz präludiertes Siechtum berührt nicht weniger als das hitzige bis schwitzige Engagement seines ungemein agilen Pflegers Sondermann. Geyersbach, unverdrossene Emse im Pflegenotstandsgebiet, lässt ein ums andere Mal hochkomische Seiten aufblitzen. Gotta Depri, Miquel de Jong, Lotte Rudhart und Szu-Wei Wu trotzen dem Thema teils betörende Tanzsequenzen ab. Auch ihr tastender Anteil an dieser mal traurig, mal frohgemut stimmenden Produktion ist das Entwickeln von Haltungen. Zandwijk bleibt ihrem Kernthema auf überzeugende Weise treu: Geschmeidigkeitsübungen im Dienste des Guten.

Thomas Rupert hat diesem Spektakel eine anheimelnd blaue Bühne mit Mariengrotte, Wäschebergen und Klo auf halber Treppe bereitet. Die Musikerin und Sängerin Maartje Teussink, die Zandwijk schon bei ihrer Rotterdamer Ulrich-Seidl-Arbeit zur Seite hatte, unterlegt dem Szenario einen wunderbaren, überwiegend weichen Teppich aus Klängen und Worten. Herzlicher Beifall.

Nächste Aufführungen: 18. Januar, 20 Uhr; 22. Januar und 5. Februar, jeweils 18.30 Uhr.
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