Ausstellung im Bremer Roselius-Haus

Flüchtlings-Porträts neben Alten Meistern

27 in Öl gemalte Porträts von Flüchtlingen zeigt das Roselius-Haus in der Böttcherstraße. Das Besondere daran: Die Gemälde sind zwischen die Bilder Alter Meister gehängt.
14.03.2019, 16:49
Lesedauer: 3 Min
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Flüchtlings-Porträts neben Alten Meistern
Von Iris Hetscher
Flüchtlings-Porträts neben Alten Meistern

Das in Öl gemalte Porträt von "Z." hängt im Roselius-Haus neben dem Bildnis eines unbekannten "Knaben mit roter Mütze", das um 1500 entstanden ist.

Anna Schrader

Der junge Mann mit dem lockigen, braunen Haar und der Brille schaut den Betrachter frontal an. Er trägt ein blaues Hemd mit dünnen, grünen Streifen und hat sich einen weißen Schal um den Hals geschlungen. Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand berühren sich leicht. Der Berliner Künstler Ruprecht von Kaufmann hat das Bildnis dieses jungen Mannes in Öl gemalt, was schon längst nicht mehr die gängige Form ist, jemanden zu porträtieren. Heute wählt man das Foto, manchmal sogar nur das schnell geknipste Selfie. In Öl lassen sich Wirtschaftstycoone, Potentaten, amerikanische Präsidenten, deutsche Kanzler verewigen. Männer und Frauen mit Geld und von Bedeutung, ganz so wie im Mittelalter, im Barock, in der Renaissance.

Der junge Mann ist ein Flüchtling, und er lebt heute. „R.“ steht für den ersten Buchstaben seines Vornamens, er ist orthodoxer Christ und hat als Straßenkind in Damaskus gelebt, bevor er vor dem syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland floh. Sein Bild hängt in der Nähe eines Christusporträts aus dem frühen 16. Jahrhundert, auf dem der Salvator Mundi, der Retter der Welt, mit ähnlicher Geste zu sehen ist.

Eine gewisse individuelle Würde

27 Porträts von Flüchtlingen haben Frank Schmidt, Direktor der Museen Böttcherstraße, und der Berliner Maler Ruprecht von Kaufmann locker durch die im Roselius-Haus beheimatete Sammlung von Bildern Alter Meister verteilt. Die aktuellen Porträts der Männer und Frauen, die aus dem Iran, dem Irak, Afghanistan und Syrien geflüchtet sind, treten so in einen Dialog mit denen, die sich in vergangenen Jahrhunderten haben malen lassen – und auch hier handelt es sich nicht nur um Honoratioren oder Berühmtheiten wie Martin Luther, sondern oft um Unbekannte, Namenlose.

Alle strahlen eine gewisse individuelle Würde aus, und genau das war Kaufmann wichtig: „Die Idee zu dem Projekt hatte ich, als es während der sogenannten Flüchtlingskrise immer nur um Zahlen ging. Ich habe mich gefragt: Wer sind diese Menschen, die zu uns kommen, was bewegt sie?“ Er hat einige von ihnen daher in sein Berliner Atelier eingeladen, hat mit ihnen über ihre Biografien gesprochen und sie währenddessen gemalt.

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Diese Geschichten kann man nicht nur im Katalog nachlesen, sondern auch neben den Porträts, die während der zwei Jahre entstanden sind. Die Essenz, die von Kaufmann aus ihnen destilliert hat, spiegelt sich in den Gesichtern. Gleichzeitig definiert die Ausstellung mit dem etwas angestrengt wirkenden Titel „Inside the Outside“ den Begriff Status anders. Ein Ölgemälde ist ein Statussymbol. Ruprecht von Kaufmann zeigt aber Menschen, für die der Begriff Anerkennung zunächst ein juristischer Terminus ist und keiner, der momentan mit ihrer gesellschaftlichen Position zu tun hat. Weniger wert als diejenigen, die sich malen lassen konnten und können, sind sie trotzdem nicht. Und übrigens: Keiner und keinem der Porträtierten sieht man an, dass sie Flüchtlinge sind.

„Z.“ hat sich auch malen lassen. Die junge Frau mit dem langen Pferdeschwanz schaut entschlossen und zuversichtlich, von hinten erhellt ein Lichtstrahl Rücken und Hinterkopf. In Deutschland kann die Atemwegserkrankung von „Z.“ mit den Medikamenten behandelt werden, die im Iran Mangelware waren. Sie lernt Deutsch, freut sich, dass ihre beiden Söhne die Sprache mittlerweile beherrschen. Und sie ist stolz auf ihre Einbauküche, in der sie und ihr Mann mit Leidenschaft kochen.

Auch die Hintergrundfarbe spielt eine Rolle

Wie bei den anderen Porträts hat von Kaufmann auch diesem einen Gimmick beigegeben, der über die eigentliche Fläche hinausweist: Die Fransen des Schultertuchs, das „Z.“ um ihre bunte Bluse drapiert hat, tauchen am oberen Bildrand auf. Bei anderen sind es Teile der Frisur oder als Farbstreifen angelegte Gedankenblasen. Überhaupt scheinen die Porträts nicht auf die dickwandige Leinwand beschränkt, sondern weisen über sie hinaus wie bei einer Großaufnahme.

Auf einen begrenzenden Rahmen hat von Kaufmann, der als wichtiger Vertreter der zeitgenössischen erzählerischen Malerei gilt, zudem verzichtet. Auch die jeweilige Hintergrundfarbe spielt eine Rolle. Der aus dem Nordirak geflohenen Jeside „M.“, von dem es zwei Porträts gibt, ist einmal vor Gelb, einmal vor Orange zu sehen, weil er ein lebhafter, umtriebiger junger Mann sei, sagt der Künstler. Bremen ist übrigens die zweite Station von „Inside the Outside“. Zuvor waren die insgesamt 28 Porträts im Foyer des Gebäudes der Vereinten Nationen in New York zu sehen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Ruprecht von Kaufmann - Inside the Outside“ wird am Freitag, 15. März, 18.30 Uhr, im Roselius-Haus mit einem Künstlergespräch eröffnet. Auch zwei der Porträtierten werden anwesend sein. Zu sehen ist die Schau bis zum 28. April.

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