Peter Bialobrzeski im Portrait

Der Weg zum preisgekrönten Fotografen

Morgens raus, Bilder knipsen, schnell entwickeln, Redaktionsschluss. Jeden Tag, fünf Mal die Woche. Bis Peter Bialobrzeski irgendwann nach Indien reist und danach alles anders wird.
31.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Weg zum preisgekrönten Fotografen
Von Simon Wilke
Der Weg zum preisgekrönten Fotografen

Der preisgekrönte Fotograf Peter Bialobrzeski.

Christina Kuhaupt

Fotografie ist etwas verdammt Einfaches. Irgendetwas ist immer drauf, auf einem Bild. Und selbst mit der Smartphone-Kamera kann jeder mal einen Treffer landen.

Fotografie ist verdammt schwer. Sie zu begreifen braucht Zeit und Hingabe, verlangt harte Arbeit und die Bereitschaft sich aufzuopfern. Zwei Seiten, eine Medaille.

Peter Bialobrzeski ist Fotograf und Professor an der Bremer Hochschule für Künste (HfK). Er hat den Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photografie gewonnen und auch den wohl renommiertesten Preis für Fotojournalismus, den World Press Photo Award. Der künstlerische Durchbruch gelang ihm vor rund 20 Jahren, heute vertreten Galerien in Berlin, New York oder Shanghai seine Arbeiten. Und vielleicht wäre Peter Bialobrzeski niemals so erfolgreich geworden, hätte er nicht früh erkannt, was es heißt zu scheitern.

Sein erstes Geld verdient Bialobrzeski mit Fotos für eine Lokalzeitung in Wolfsburg. Morgens raus, Bilder knipsen, schnell entwickeln, Redaktionsschluss. Jeden Tag, fünf Mal die Woche. Bis er irgendwann nach Indien reist und danach alles anders wird.

„Als ich nach Hause kam, habe ich gemerkt, dass die Bilder, die ich dort gemacht hatte, nichts mit dem zu tun haben, was mir diese Reise bedeutete. Es waren Abziehbilder dessen, wie ich glaubte, dass Fotografie auszusehen hat. Da habe ich gemerkt, dass ich das, was ich tue, wovon ich lebe, gar nicht kann.“ Bialobrzeski entscheidet sich dafür, noch einmal bei Null anzufangen. Er beginnt Fotografie zu studieren, bisher Gelerntes zu verwerfen, um zu begreifen, was er da eigentlich tut.

Nie wieder hat er so hart gearbeitet wie damals, sagt er, nicht vorher, nicht hinterher, trotz Rückschlägen. Einer ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Der, als seine Professorin ein Bild von ihm bewerten soll, auf das er selbst sehr stolz war. „Es zeigte eine Brücke im Ruhrgebiet bei Nacht. Meine Professorin ging bloß vorbei und sagte, das Ganze könne man auch mit Inhalt füllen.“ Ein Satz wie ein Nackenschlag, der zu einem der wichtigsten Sätze werden wird, den jemals ein Mensch zu ihm gesagt hat. Denn in diesem Moment macht es bei ihm klick: „Wenn ich etwas Gutes machen will, muss es mich ästhetisch ansprechen, aber es muss verdammt nochmal auch eine Bedeutung für andere haben.“

Harte Arbeit, Nackenschläge, klick. Dann, während eines Auslandsjahrs in England, entsteht seine Diplomarbeit „Give my Regards to Elizabeth“. Es ist die Arbeit, die eine Messlatte für ihn legen wird. „Als ich aufgehört hatte dafür zu fotografieren, habe ich gewusst: Mehr geht nicht, egal, was ich jetzt noch mache.“ Ein Jahr und 350 Filme brauchte es für diese Erkenntnis. Sie wurde zum Start einer Erfolgsstory.

Er kehrt noch einmal zurück nach Indien. Diesmal mit einem Koffer voller neuem Werkzeug. „XXXholy“ entsteht, ein Fotobuch als Auseinandersetzung mit der spirituellen Seele des Landes. Dann folgt „Neon Tigers“ - Bilder von einem Südostasien umspannenden Netzwerk von Megacities, preisgekrönt, der internationale Durchbruch. Dazwischen, im Jahr 2002, beginnt er seine Arbeit als Professor an der HfK. Jetzt laufen Lehre und eigene Projekte parallel, fast zwanzig Jahre lang, eine „blitzsaubere Karriere“.

Das ist kräftezehrend. Mit seinem Freund, dem Fotografen Michael Wolf, redet er oft darüber, wie lange die Energie noch reichen wird für gute Projekte. Wolf stirbt 2019 im Alter von 64 Jahren, er selbst wird in diesem Jahr 60. Es ist Zeit für ihn, die Lehre abzugeben. Zeit zu entschleunigen, aber auch Neues zu beginnen. Genug Kraft ist dafür eine Voraussetzung, denn gute Fotografie bringt einen an die Grenze der Belastbarkeit. „Man arbeitet hundert Tage, ohne etwas dafür zu bekommen. Stattdessen investiert man Geld ohne zu wissen, ob es funktioniert und konfrontiert sich dabei immerzu mit seiner eigenen Unzulänglichkeit. Wenn alles fertig ist, sieht es toll aus, aber niemand sieht das Leiden, das dahinter steckt.“

Unzulänglichkeit, denn seine Arbeiten sind grundsätzlich nur Annäherungen an das, was er für möglich hält. Möglich, aber immer unerreicht. Und Leid, denn fertig ist er erst, wenn er einer Arbeit nichts mehr hinzufügen kann, auch wenn er sich dafür die Nächte um die Ohren schlagen muss.

Vielleicht ist das einer der Schlüssel zur Fotografie, zur Kunst, zur Bedeutsamkeit. Dass es nie perfekt werden wird, mitunter sogar wehtut, und dass erst dann der Erfolg kommen kann. Zwei Seiten, eine Medaille.

Info

Zur Sache

Abschied mit Buch und Ausstellung

Anlässlich seines Abschieds von der Bremer Hochschule für Künste stellt die Galerie Mitte Peter Bialobrzeskis Arbeit „Give my Regards to Elizabeth“ aus. Sie entstand zwischen 1991 und 1992 und war Teil der Diplomarbeit des Fotografen. Sie zeigt die Zerrissenheit der englischen Klassengesellschaft, geprägt von der Politik Margaret Thatchers. Für den Wolfsburger Fotografen ein großer Kontrast zu seiner Heimat: „Diese Art der Gespaltenheit war mir völlig fremd. Die Fotografie war mein Werkzeug, mich dem Thema auseinanderzusetzen und es mir anzueignen.“

Zu sehen sind Fotos vom „Boat Race“ zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford kontrastiert mit den Bildern gelangweilter Jugendlicher oder absurd abgerissener Architektur, die im Hintergrund blühender Vorgärten in den Himmel ragt.

"Ich fand die Idee sehr schön, mit der Arbeit, mit der ich damals meine Hochschule verlassen hatte, auch meine zweite Hochschule zu verlassen" sagt Bialobrzeski. Die Eröffnungsfeier musste nun allerdings erst einmal abgesagt werden, zumindest für die Öffentlichkeit. Trotzdem soll an diesem Mittwoch, den 31. März, um 19 Uhr via Stream auf dem Instagram-Kanal und unter galeriemitte.eu ein Gespräch mit dem Künstler und die Begrüßungsworte übertragen werden. Die Ausstellung von „Give my Regards to Elizabeth“ läuft noch bis zum 16. Mai 2021.

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