Buch über den Alltag im Gaza-Krieg "Frühstück mit der Drohne"

51 Tage dauerte der letzte Gaza-Krieg - vom 8. Juli bis 26. August 2014. Der Schriftsteller Atef Abu Saif hielt den Alltag damals in einem Tagebuch fest. Daraus ist jetzt ein Buch geworden: "Frühstück mit der Drohne".
12.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hetscher, Iris

51 Tage dauerte der letzte Gaza-Krieg - vom 8. Juli bis 26. August 2014. Der Schriftsteller Atef Abu Saif hielt den Alltag damals in einem Tagebuch fest. Daraus ist jetzt ein Buch geworden: "Frühstück mit der Drohne".

Schriftsteller schreiben häufig über Bäume, da macht Atef Abu Saif keine Ausnahme. Sein Baum ist eine Platane, und wenn er ihren Duft riechen kann, dann ist klar: In wenigen Minuten ist er zu Hause, bei seiner Frau und den fünf Kindern.

Dann endlich weiß er, ob es ihnen gut geht. Die Platane steht im Gazastreifen; einst war sie Teil eines Waldes, in dem Abu Saif als Kind gespielt hat. Der Wald musste längst einem Flüchtlingscamp weichen – in dessen Nähe lebt der Autor mit seiner Familie nun.

Über dieses Leben führt er Tagebuch, und das hat er auch an den 51 Tagen getan, die der letzte Krieg dauerte: vom 8. Juli bis zum 26. August 2014. Aus diesen Aufzeichnungen ist ein Buch geworden: „Frühstück mit der Drohne“ heißt es, und Abu Saif ist damit derzeit in Deutschland auf Lesereise. In Bremen machte er auf Einladung der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft und des Arbeitskreises Nahost Station.

Übersprudelnde Lebensbejahung

Wenn man mit dem 43-Jährigen über sein Buch und mithin über sein Leben spricht, fällt schnell auf, von welch geradezu übersprudelnder Lebensbejahung Saif ist. Wie geht das, wo der Mann doch in einer Ecke der Welt zu Hause ist, die als Symbol gilt für die schier endlosen und scheinbar unlösbaren Konflikte zwischen Israel und seinen palästinensischen Nachbarn? Saif nickt, und dann erzählt er von den Cafés in Gaza-Stadt, den Märkten, den Festen, den Menschen, „die keine Zahlen sind“. Das ist wichtig für ihn, denn „in den Nachrichten kommen wir als Nummern vor, als Tote ohne Geschichte“. Das möchte er ändern, er will vom ­Alltag erzählen, der für die Menschen in Gaza ­immer wie eine Dazwischenzeit ist, „es ist die Zeit, wenn der eine Krieg vorbei ist und der andere noch nicht begonnen hat“. Um politische Analysen oder Schuldzuweisungen geht es ihm dabei nicht, von daher findet man auch nichts derartiges in seinem Buch.

„Als ich aufwache, begrüßt mich die Nachricht von der Feuerpause, die Israel uns ab zehn Uhr morgens gewährt. Die palästinensische Währungsbehörde hat außerdem bekannt gegeben, dass die Banken geöffnet haben, sodass wir unsere Gehälter erhalten und Geld abheben können. Ein schöner Morgen.“ Solche Sätze sind es, die Saif im Juli 2014 in einem Internet-Café an seinen
englischen Verleger schreibt, der ihn kurz nach Ausbruch des Krieges gefragt hatte, wie es ihm geht. Der Verleger teilt die Berichte auf Facebook, viele Hunderte tun es ihm nach, schließlich erscheinen Saifs Aufzeichnungen im englischen „Guardian“ und in der „Sunday Times“. Und jetzt als Buch. „Ich friere Momente ein, und dann spiele ich mit ihnen“ beschreibt er seine Vorgehens­weise.

20 Stunden am Tag im Haus

Es sind Momente, in denen er dabei ist, wenn zerfetzte Leichenteile aus Trümmerbergen geborgen werden, der nächste Drohnenangriff aber bereits begonnen hat und sich eigentlich alle schnell in Sicherheit bringen müssten. Momente, in denen seine Kinder 20 Stunden pro Tag im Haus verbringen und sich dort aus Matratzen und Kissen eine eigene Spielwelt bauen. Momente, in denen sein Sohn Mustafa ihn fragt, ob es falsch ist, im Krieg Fußball zu spielen, und in denen er mit Freunden darüber redet, wie man über Tod, Zerstörung und diese nagende Aussichtslosigkeit nicht verrückt wird. Aber es gibt auch Augenblicke, in denen das Grauen durch schwarzen Humor verarbeitet wird, eine Strategie, die in allen Krisen jederzeit zu finden ist. Beim Frisör scherzen die Männer darüber, dass man jetzt besser keine ­Shisha mehr rauchen sollte, weil die Drohnen der Israelis auf Wärmequellen reagieren. Und es gibt diese mit Sehnsucht und Poesie aufgeladenen Stunden, in denen Atef Abu Saif auf dem Markt Fladenbrot, Hummus und süße Köstlichkeiten für das Fastenbrechen im Ramadan kauft. Und die Momente, in denen er den Duft der Platane riecht.

Man darf ihn bei der Schilderung solcher Geschichten nicht missverstehen: Wenn er sagt, er möchte verhindern, dass die „Schönheit der Menschen von Gaza“ verloren geht, dann heißt das keinesfalls, dass er Anhänger einer kruden Feel-good-Logik ist, wie sie in der Ratgeberliteratur im satten Europa gerne hochgehalten wird: Ignoriere das Schlechte, dann wird das Gute schon triumphieren. Abu Saif schreibt über „die Schönheit, die der Tod dem Leben entreißt“. Er ist Realist. Und Fatalist. Und da er im Gaza­streifen lebt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als auch Optimist zu sein. Oder wie er es ausdrückt: „Man muss den Baum der Hoffnung jeden Tag wässern, was sonst?“

Geboren im Flüchtlingslager

Geboren wurde Abu Saif 1973 im Flüchtlingslager Jabalija, mitten in einen Krieg hinein. Die Familie, die verstreut im israelischen Jaffa, in Syrien und Jordanien lebt, sparte, um dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Er studierte in Birzeit in Palästina und im englischen Bradford Sozial- und Politikwissenschaften, machte seinen Doktor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Hat er nie darüber nachgedacht, im Ausland zu bleiben? Es folgt ein klares Nein. „Gaza ist meine Heimat. Ich wollte nicht einer von hunderttausenden Flüchtlingen sein, ich will hier etwas tun.“

Das versucht er auf zwei Arten. Fünf Romane hat Saif bisher veröffentlicht, „A suspended Life“ (2014) war für den Internationen Preis für arabische Literatur nominiert. Im kommenden Jahr soll das Buch, das in einem palästinensischen Flüchtlingscamp spielt, auf Deutsch erscheinen. Saif hat zudem Erzählbände, Theaterstücke sowie Bücher zu politischen Themen publiziert. Außerdem arbeitet er als Journalist für diverse Zeitungen und ist Chefredakteur der Zeitschrift „Siyasat“ (Politik).

Es ist bekannt, dass er die Strategie der islamistischen Hamas für verheerend hält und das auch öffentlich sagt. Auf seiner Lesereise ist dies weniger Thema, außerdem ist „meine Literatur immer mit Politik verlinkt“, sagt er. Und erzählt, wie er im August 2014 mit seinem Sohn an den Strand ging, um das Kriegsende zu ­feiern. Der Zehnjährige stellte ihm nur eine einzige Frage: „Papa, wann beginnt der nächste Krieg?“

Atef Abu Saif: Frühstück mit der Drohne – Tagebuch aus Gaza. A. d. Eng. v. Marinanne Bohm. Union, Zürich. 256 Seiten, 29,95 €.
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