Michael Zachcial von den „Grenzgängern“ über die neue CD „Brot & Rosen – Lieder. Liebe. Rebellion“ „Geht es um Liebe, fühlt sich jeder als Experte“

Herr Zachcial, Sie schreiben, dass die Liebe das wichtigste und zugleich schwierigste Thema überhaupt sei. Warum?Michael Zachcial: Nimmt man sich ein seltenes Thema vor, so entwickelt man sich nach und nach zum Experten dieses Themas. Geht es aber um die Liebe, so fühlt sich jeder als Experte.
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Von Alexander Schnackenburg

Herr Zachcial, Sie schreiben, dass die Liebe das wichtigste und zugleich schwierigste Thema überhaupt sei. Warum?

Michael Zachcial: Nimmt man sich ein seltenes Thema vor, so entwickelt man sich nach und nach zum Experten dieses Themas. Geht es aber um die Liebe, so fühlt sich jeder als Experte. Denn jeder hat Erfahrungen damit gemacht und kann mitreden. Das macht es so schwierig, sein Publikum mit neuen oder zumindest ungewöhnlichen Perspektiven zur Liebe zu überraschen.

Wird es Ihnen am 16. Dezember im Sendesaal dennoch glücken?

Ich hoffe es! Wir haben beispielsweise ein sehr altes Lied gefunden, in welchem ein junges Dienstmädchen, das in die Prostitution abgerutscht ist, über seine Situation singt, die Liebe als Ware beschreibt. Auch haben wir das Lied eines jungen Soldaten aufgenommen, der in den Krieg ziehen soll und die Liebe dafür aufgeben beziehungsweise die Liebste zurücklassen muss.

Sie kündigen Neuentdeckungen an. Gibt es im engen Sinn überhaupt noch etwas zu entdecken?

Ohne Ende. Allein das Volksliedarchiv in Freiburg verfügt über 300 000 Lieddokumente. Davon sind, wenn es hoch kommt, 10 000 veröffentlicht worden.

Wo kommen all diese Lieder her?

Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum bis hin zu Auswanderergegenden wie Amerika oder Siebenbürgen. Die meisten von ihnen sind um 1900 aufgeschrieben worden, einige schon früher. Einer der ersten, die damit begonnen haben, war Goethe, ab etwa 1780 Herder, ungefähr ab 1820 Ludwig Christian Erk und schließlich Hoffmann von Fallersleben, der sich durch die Brüder Grimm inspiriert fühlte. Fallersleben hat auch gern Lieder umgetextet.

Fällt Ihnen dazu spontan ein Beispiel ein?

„Alle Vögel sind schon da...“. Das hieß ursprünglich „Morgen muss ich fort von hier...“. Die Bedeutung hat sich also umgekehrt: Statt „einer muss weg“ heißt es nun „alle kommen zurück“.

Gibt es auch Liebeslieder, deren Bedeutung sich dermaßen verkehrt hat?

Klar. Nehmen Sie Ludwig Uhlands und Friedrich Silchers „Ich hatt´einen Kameraden“. Das ist die Umformung eines Volkslieds, in welchem ein Mädchen darüber klagt, dass es sich in einen Soldaten verliebt hat, der ihm nicht treu ist. So wurde dann aus „Ich hatte einen Liebhaber / Einen schlechteren findest du nicht“ das heute noch bei der Bundeswehr intonierte „Ich hatt´einen Kameraden / Einen bessern findst du nit.“

Was erwartet das Publikum im Bremer Sendesaal sonst noch?

Vor allem auch schöne und zeitgemässe Arrangements für Cello, Akkordeon und zwei Gitarren. Alle Musiker bringen da ihren Hintergrund mit ein, das geht über Klassik, neue zeitgenössische Musik bis hin zu Jazz, Folk, Blues. Es macht uns große Freude, die alten Melodien aus ihrem starren Notendasein zu befreien, und das hört man auch.

Das Gespräch führte Alexander Schnackenburg.

Zur Person

Michael Zachcial ist Sänger und Gitarrist der Bremer Band „Die Grenzgänger“, die ihr neues Album am 16. Dezember, 20 Uhr, im Sendesaal vorstellt. Mit ihrer CD „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ ist sie derzeit erneut für den Deutschen Schallplattenpreis nominiert, den sie fünf Mal bekommen hat.
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