VON EDITH LABUHN Geräusche

Den Printmedien wird bekanntlich keine große Zukunft vorausgesagt. Was die Verlage nicht davon abhält, neue Titel ins Rennen zu schicken. "Mom" heißt einer, der offenbar amerikanische Muttis anzusprechen wünscht. "Closer" ein anderer, der den Stars auf dem Schoß sitzt. Oder "Season", offenbar für jene, die nur saisonal ins Zeitschriftenregal greifen.
25.07.2012, 05:00
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Den Printmedien wird bekanntlich keine große Zukunft vorausgesagt. Was die Verlage nicht davon abhält, neue Titel ins Rennen zu schicken. "Mom" heißt einer, der offenbar amerikanische Muttis anzusprechen wünscht. "Closer" ein anderer, der den Stars auf dem Schoß sitzt. Oder "Season", offenbar für jene, die nur saisonal ins Zeitschriftenregal greifen.

Dazu zählen wir. Mit großem Erkenntnisgewinn in der Rubrik Gesundheit: Was ich bislang für eine Eigenmacke hielt, ist in Wahrheit eine Krankheit mit klangvollem Namen: Ich leide unter sogenannter Misophonie. Zum noch recht unbekannten Krankheitsbild gehört, dass leise Alltagsgeräusche dem Patienten unerträglich zusetzen. Menschen, die dezent Möhrchen knabbern oder Nüsse essen, lösen bei den Leidenden "pathologische emotionale oder physische Reaktionen" aus. Wie auch das fluchtartige Verlassen eines Kinos, weil sieben bis neun Reihen weiter hinten Popcorn verzehrt wird. Die Fachliteratur berichtet gar von Mordgelüsten.

Dass ich noch soziale Kontakte habe, liegt am offenbar milden Verlauf der Krankheit. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Misophonie schreitet voran. Putzt sich meine Katze nicht besonders laut? Die akustische Überempfindlichkeit kann sich übrigens auch auf Sprache beziehen. Ich spüre Anzeichen. Wenn die Off-Sprecherin im Fernsehen bedeutungsschwer näselt, möchte ich mit der Fernbedienung nach dem Bildschirm werfen.

Interessanterweise gehört Zeitungsrascheln nicht zur klassischen Symptomatik. Da dämmert es, woher der Optimismus der Verleger kommt. Die stetig anschwellende Geräuschkulisse aus enervierenden Klingeltönen und peinigendem Bassgewummere wird eine stetig wachsende Menge sogenannter Misophoniker hervorbringen, eine Volkskrankheit, die nur eine Rettung kennt: stille, einsame Zeitungslektüre.

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