Neuer Radio-Bremen-Tatort "Königskinder" Glückskeks auf zwei Beinen

Bremen. Im neuen "Radio-Bremen"-Tatort geht es um einen Raubmord in Bremerhaven, die alte Clique von Stedefreund, einen wütenden Bruder und den neuen Freund von Inga Lürssen. Richtig spannend ist das alles nicht, manchmal sogar unfreiwillig komisch.
01.02.2010, 08:59
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Glückskeks auf zwei Beinen
Von Iris Hetscher

Bremen. Im neuen "Radio-Bremen"-Tatort geht es um einen Raubmord in Bremerhaven, die alte Clique von Stedefreund, einen wütenden Bruder und den neuen Freund von Inga Lürssen. Richtig spannend ist das alles nicht, manchmal sogar unfreiwillig komisch.

Die gute Nachricht vorweg: Helen hat sich versetzen lassen. Die maulige Tochter von Tatort-Kommissarin Inga Lürssen, gespielt von Camilla Renschke, will sich endgültig von ihrer ebenfalls nicht für überschäumende Lebensfreude bekannten Mutter freischwimmen. Im aktuellen Radio-Bremen-Tatort „Königskinder“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) kommt sie daher nur in Form einer Abschiedsnachricht per Zettel und kurz am Telefon vor. Und, ach ja, sie halst ihrer Mutter Hund Paul auf.

Doch: Was die Chance für den Bremen-Tatort hätte sein können, wird gleich wieder vertan. Es gibt keine Atempause von den langatmigen privaten Wirrnissen, die so zwanghaft wie unglaubwürdig immer auch etwas mit dem aktuellen Fall zu tun haben. Ein gefürchtetes Markenzeichen der RB-Beiträge.

Denn kaum ist Helen weg, taucht Adrian (Peter Kremer) auf. Und schon ist es Sabine Postel als Inga Lürssen und Oliver Mommsen als Stedefreund nicht vergönnt, sich auf ihren neuen Fall zu konzentrieren – nein, es menschelt schlimmer als auf allen Traumschiffen und Farmen in Afrika zusammen. Postel fällt erst die Treppe hinunter (auf den Kopf, aber nur ein bisschen!), techtelmechtelt dann mit Arzt Adrian und beschließt, fortan das Leben von seiner lockeren Seite zu nehmen.

Diesen Erzählstrang walzt Thorsten Näter, Dauer-Drehuchautor und -Regisseur der Bremer Tatorte, bis an die Lächerlichkeitsgrenze aus. Lürssen muss schließlich sogar entrückt grinsend an einer Orange herumschnüffeln und reden wie ein Glückskeks auf zwei Beinen („Leben und Tod liegen nah beeinander“), um noch dem unaufmerksamsten Zuschauer zu beweisen, wie super sie drauf ist.

Arbeiten müssen die Kommissare nebenbei auch. Hier hat Routinier Näter in die große Kiste der Standard-Plots gegriffen, und nicht einmal besonders tief. Die Tat: Ein Unternehmer in Bremerhaven wird in seinem Haus überfallen. Es sterben: ein Einbrecher und die Unternehmer-Ehefrau. Es werden verdächtigt: die Sekretärin (verhärmt und natürlich bebrillt: Bibiana Beglau), der Schwager des Beraubten (cholerisch:Dirk Borchardt), die geflohenen Mit-Einbrecher, kurzzeitig auch ein Obdachloser (chargierend: Lars Rudolph), der die albernste Perücke trägt, die im Fundus zu finden war. Die Motive: Habgier, Eifersucht, emotionale Kälte. Es gibt polnische Prostituierte, ein bisschen Zwielicht-Milieu im Hafen und einen Showdown im „Klinikum-West“, wo, man ahnt es schon, Arzt Adrian ins Schussfeld gerät.

Ach ja: Die Hauptakteure des Kriminalfalls rekrutieren sich aus einer Clique, mit der Stedefreund früher um die Häuser gezogen ist, damit auch für den Lürssen-Assi das Private nicht zu kurz kommt. Inzwischen fragt man sich, ob in Bremen und Bremerhaven wirklich so wenige Menschen wohnen, dass ständig alle jeden kennen. Und man fragt sich, ob im nächsten RB-Tatort Hund Paul nicht eine Hundedame erobern wird. Die Krimi-Geschichte dazu sollte sich dringend um die internationale Tierfutter-Mafia drehen – aus der Ferne könnte dann auch wieder Helen zugeschaltet werden, die inwischen bei Interpol den Ton angibt und dort auf den Bruder von Arzt Adrian trifft.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+