Konzertkritik: Roland Kaiser in Bremen Grandseigneur und Verbalerotiker

Grandseigneur und Verbalerotiker: Warum der Sänger Roland Kaiser in der Bremer ÖVB-Arena auch fremde Hits anstimmt.
04.03.2019, 17:36
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Grandseigneur und Verbalerotiker
Von Hendrik Werner

Er kam, sang und siegte. So könnten lakonische Latinisten unter den Kaiser-Fans ihre Konzerteindrücke kalauernd zusammenfassen. Dabei ist der 66-jährige Sänger, der mit bürgerlichem Namen Roland Keiler heißt und über genug Selbstironie gebot (und gebietet), sich 2013 in einer Münsteraner „Tatort“-Gastrolle Roman König nennen zu lassen, des Cäsarentums unverdächtig.

Zum einen, weil er auch in schwerer Umfrage-See sein Bekenntnis zur deutschen Sozialdemokratie erneuert, ja bei entsprechenden Bitten sogar Bremens Bürgermeister Carsten Sieling im Wahlkampf beispringen würde (wir berichteten). Zum anderen, weil er sich bei seinem umjubelten Auftritt in der bestens besuchten ÖVB-Arena als zugewandter und höflicher Mannschaftsspieler präsentiert, der seinem Team wiederholt Respekt und Anerkennung zollt.

Nimbus eines Grandseigneurs

Es ist diese Anwendung alter Schule, die dem Schlagersänger den Nimbus eines Grandseigneurs eingetragen hat. Der kultivierte Herr Kaiser, wie sein legendärer Namensvetter aus der Versicherungsreklame gewissermaßen ein nahbarer Held des deutschen Mittelstands, pflegt dieses Image mit Bedacht. Das zeigt sich auch auf der Bremer Bühne, der dritten der anhängigen „Arena-Tournee“: Vor der Pause trägt der Musiker einen schwarzen Anzug mit Schlips und Einstecktuch, und nach der Pause trägt er einen blauen Anzug mit Schlips und Einstecktuch. Optische Akkuratesse hat für den Gesangsstar offenbar viel mit der Wertschätzung seines Publikums zu tun. Doch nach eigenen launigen Aussagen trägt er auch in seiner Freizeit vorzugsweise Anzug, nämlich Schlaf- und Trainingsanzug.

Schmeichelnd und verrucht

Des Kaisers Kleider sind geschmackvoll, seine anekdotisch grundierten Scherze zwischen den Songs hingegen Geschmackssache. In einem Punkt allerdings gibt es kein Vertun: Dieser Mann ist staunenswert gut bei Stimme, weich und warm und anheimelnd, klangvoll und souverän und markant. Mehr noch: All das Schmeichelnde, Lockende und Verruchte, das seine Liedtexte zu einer ausgedehnten erogenen Zone macht, hat er sich in den mehr als vier Jahrzehnten seiner Karriere bewahrt. Manchmal artikuliert er es gesanglich kokett – und immer charmant. Da hört man als altgedienter Fan schon mal generös darüber hinweg, wenn in einigen emotional hochfahrenden Refrains das Stimmvolumen nicht ganz mitkommt.

Spektakuläres Vorspiel

Das spektakuläre Vorspiel auf der Bühne kommt zwar rockig und lasergewittrig daher, ist jedoch nur angetäuscht, wie sich beim anschließenden, von viel Applaus begleiteten Auftritt des Künstlers zeigt. Dessen sinnig gewählter Eröffnungssong „Ich glaub, es geht schon wieder los“, der aus dem Jahr 1988 stammt, ist flott, bietet aber kein weiteres Indiz für einen jähen Wechsel der musikalischen Heimat. Das gilt auch für die moderate Up-Tempo-Nummer „Sag bloß nicht Hello“, die Kaiser mit der vorzüglichen Backgroundsängerin Christiane Eiben anstimmt. Überhaupt ist die Band gut eingespielt; für Farbtupfer und Beifall sorgen Soli, zumal jene des Rotschopfs Tina Tandler am Saxofon.

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Gefeiert wird auch „Sag ihm, dass ich dich liebe“, ein dynamisches Cover des Italopopsongs „Storie di tutti i giorni“ von Riccardo Fogli aus dem Jahr 1976. Da das Auditorium schon in Stimmung ist, muss Kaiser nur erwähnen, dass er 1977 in Bremen mit „Sieben Fässer Wein“ reüssierte – schon erschallt der Gassenhauer aus Abertausenden Kehlen. Schlag(er) auf Schlag(er) geht es weiter: mit der Hymne „Das Beste am Leben“, dem zarten Liebeslied „Flieg mit mir zu den Sternen“ – und mit jenem Werk, durch dessen performativen Text Kaiser Anfang der 80er-Jahre auch für Intellektuelle interessant wurde: „Manchmal möchte ich schon mit dir / eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren.“

Pausengespräche

Pausengespräch I: „Dass er 'Sieben Fässer Wein' überhaupt erwähnt hat, ist unglaublich. Er hasst dieses Lied!“ „Echt? Obwohl der Text so süffig ist?“ Pausengespräch II: „Ich hätte mir gewünscht, dass er die Pause nicht ausgerechnet während 'Santa Maria' ankündigt.“ „Warum? Das kennst du doch eh auswendig.“ Pausengespräch III: „Wollen wir noch etwas trinken?“ „Unbedingt! Meine Kehle ist so trocken vom Mitsingen.“

Das dürfte sie in der zweiten Hälfte des Konzerts, zu der die Mannschaft unverändert aufläuft, wiederum geworden sein. Denn neuerlich zündet Kaiser Hit auf Hit, darunter „Wohin gehst du?“, „Jede Nacht hat deine Augen“ (erneut mit einem beschwingten Saxofon-Solo) und „Alles was du willst“. Unter großem Beifall bedient sich der Schlagersänger beim großen Kollegen Udo Jürgens, als er „Mit 66 Jahren“ intoniert, mithin eine Hommage an das kreative Potenzial des eigenen Alters.

Das alles fügt sich auch deshalb zu einem unterhaltsamen Abend, weil Kaiser seine vielen großen Erfolge nicht seelenlos abspult, sondern gefühlvoll (neu)interpretiert – und zudem ein Streicherinnenquartett für Medley-Abwechslung sorgt. Bestens kommen auch Exkurse des bekennenden Verbalerotikers über schwüle Textpassagen an. Darunter „Ich hab dich 1000 Mal geliebt“, ein Song, in dem „aus dem Kelch der Lust getrunken“ wird – und zu dem der begnadete Entertainer Kaiser einen kessen Sirtaki auf die Bühne legt. Ein hübscher Höhepunkt unter vielen.

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