Literarische Mutmacher

Grenzüberschreitungen mit Witz

Krise? Welche Krise? Lachen, auch jenes am Abgrund, kann gegen Zumutungen der Gegenwart und der Zukunft helfen. Und diese heiter gestimmten Bücher lohnen im Herbst unbedingt die Lektüre.
14.09.2018, 15:15
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Grenzüberschreitungen mit Witz
Von Hendrik Werner
Grenzüberschreitungen mit Witz

Gewohnt subversiv beschäftigt sich Til Mette mit dem spezifischen Zusammenhalt der Geschlechter.

Til Mette

Sie leiden daran, dass die Tage kürzer werden? Ihr Bäcker bietet zum Frühstück zwar zwölf Brötchensorten, aber keinen Clown an? Die Sichtung des ersten Weihnachtsgebäcks im Supermarkt stimmt Sie melancholisch? Sie ringen mit sentimentalischen Tränen, wenn in den aktuellen Charts das „Bella Ciao“-Cover von El Profesor läuft? Wenn Sie nur zwei dieser vier Fragen bejahen können, bedürfen Sie professioneller Aufheiterung durch Faxenmacher.

Bei diesem Projekt im Dienste der Aufhellung sollten Sie sich nicht von Miesmachern wie dem Österreicher Karl Kraus beirren lassen, der deutschsprachigen Dichtern Humorlosigkeit attestierte. Lehnen Sie sich frohgemut zurück und lauschen Sie launigen literarischen Einflüsterungen, die das Vorurteil Lügen strafen, Deutsche gingen zum Grinsen ins Souterrain. Erinnert sei nur an Wiglaf Drostes Gedicht „Aus dem Kräutergarten“: „Agnostisch ist der Majoran / Liest weder Bibel noch Koran.“ Was? Das ist Ihnen nicht einmal ein Lächeln wert? Na, Sie haben es aber wirklich nötig.

Drostes fröhliche Verse stehen in einer Anthologie, die einem Trend des Herbstprogramms folgt. „Vom Knödel wollen wir singen“, erschienen bei Kunstmann (und ediert von Christian Maintz), versammelt „kulinarische Gedichte“, die witzig, bisweilen auch subversiv sind. Damit fügt sich der Titel in eine beachtliche Anzahl von Neuerscheinungen, die der ungenügenden Realität spaßige Facetten abtrotzen. Dass die hiesige Buchbranche auffällig viele komische Titel veräußert, ist einer Nachrichtenlage geschuldet, die kaum Grund zum Lachen bietet. Es scheint, als wappne sich der Humorstandort Deutschland für unsichere Zeiten. Merke: Je weniger Anlass zur Freude die politische Agenda bietet, desto mehr vermag – im Idealfall – das Lachen, zumal jenes am Abgrund, gegen Zumutungen der Gegenwart und der Zukunft.

Soziale Seismografen

Das bedeutet keinesfalls, dass komische Literatur unpolitisch ist. Denn ein Gutteil der Poesie in besagter Sammlung, darunter Werke von Max Goldt, Jan Wagner und Helmut Krausser, arbeitet sich zumindest zwischen den Zeilen an einer Gesellschaft ab, die von Spaltung und Werteverlust bedroht ist. Daher kommt selbst einem vermeintlich randständigen Titel wie „Lustgedichte“ von Thomas Gsella (Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins) die vornehme Aufgabe eines sozialen Seismografen zu. So ist darin unter anderem zu erfahren, welche Rolle das Smartphone bei der Partnerschaftspflege spielen kann.

Dezidiert politisch wird es bei einem Titel, der mit dem Mittel der Satire das derzeit brisanteste Thema in Europa aufnimmt: Sechs Jahre nach seiner Hitler-Groteske „Er ist wieder da“ beschäftigt sich Timur Vermes auf eigenwillige Art mit der Flüchtlingskrise. Im Roman „Die Hungrigen und die Satten“ (Eichborn) imaginiert er eine Obergrenze für Asylsuchende, die Abschottung Deutschlands, die Reise einer TV-Moderatorin in ein afrikanisches Flüchtlingscamp – und den von Kameras begleiteten Marsch von Abertausenden Migranten gen Mitteleuropa. Wie schon in seinem Debüt überschreitet auch der Romancier Grenzen, zumindest des guten Geschmacks, und doch ist die fiktionale Aufbereitung des Stoffes, die Medien- und Populismus-Kritik vereint, eine legitime Intervention.

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Auch politische Karikaturisten intervenieren. Klaus Stuttmann, vor zwei Jahren mit dem Deutschen Karikaturenpreis von WESER-KURIER und „Sächsischer Zeitung“ ausgezeichnet, hat im Schaltzeit-Verlag „Mein Merkelbilderbuch“ veröffentlicht. 800 Zeichnungen aus 30 Jahren umfasst die mal sardonische, mal sanft spöttelnde Bestandsaufnahme. Merkels Wirken kommt auch in den gesellschaftskritisch grundierten Kolumnen des Komikers Hape Kerkeling vor, die unter dem Leitwort „Frisch tapeziert“ bei Piper erschienen sind. Etwa mit dieser Reaktion auf die Ehe für alle: „Der Kolumnist singt und springt vor Freude: Mutti ist die Beste.“

Dass Vatis selten die Besten sind, lehrt eine humorvolle Hervorbringung des Cartoonisten Til Mette im Verbund mit dem Lyriker Andreas Greve. Ihre dem Beziehungsstandort Deutschland gewidmete Koproduktion, die unter dem bemerkenswerten Titel „Für die Frisur ist Geschlechtsverkehr eine Katastrophe“ (Lappan) maliziöse Zeichnungen und sogenannte Paarreime über Orgien und Onanie nebeneinanderstellt, ist ein vergnügliches Sittengemälde.

Züchtiger kommt eine Neuerscheinung aus dem Kunstmann-Verlag daher, die unter dem Titel „Ist das noch Entspannung oder schon Langeweile?“ das zeichnerische Werk des Duos Hauck & Bauer würdigt. Drolliger Auftakt des Nonsens-Bandes ist ein Cartoon, der eine Versammlung des deutschen Taxifahrerverbands ins Bild setzt: „Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie sind“, lautet die Ansage des Redners. Anderen Berufsfeldern gilt naturgemäß das Interesse des agrarisch orientierten Cartoonisten Wolf-Rüdiger Marunde, dessen komischen Klassiker „Landleben“ der Oldenburger Lappan-Verlag mit einer Neuauflage würdigt.

Zwischen Komik und Tragik

Mit dem Landleben kennt sich auch der Hamburger Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) aus, dessen Prosa auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik spielt. Im Erzählband „Das Teemännchen“ (Rowohlt) mokiert sich Strunk über Pendler, dogmatische Linke und masochistische Beziehungsweisen. Ähnlich firm in der Beschreibung von Milieus ist der Hamburger Frank Schulz, von dem der in Bremen geborene Romancier Sven Regener sagt, er könne „in allen Humorkategorien blind mitfiedeln“. Mit „Anmut und Feigheit“ ist sein bei Galiani erschienenes „Prosa-Album über Leidenschaft“ überschrieben. Unter anderem geht es um soziale Netzwerke und Wellnessbereiche als erogene Zonen, um romantische Rituale unter Verliebten – und um Schuhfetischisten.

Eher ein Stiefelfetischist ist die Figur, der Humoraltmeister Gerhard Polt ein Büchlein widmet. „Nikolausi – Alles über Weihnachten“ (Kein & Aber) erzählt von schauriger Hausmusik, schmerzlinderndem Alkoholkonsum und anderen Fest-Standards. Ebenfalls in die Abgründe deutscher Wohnstuben hat sich der Cartoonist Rudi Hurzlmeier für den Lappan-Verlag begeben. „Endlich stinkreich werden!“ heißt sein Ratgeber, der den Menschheitstraum vom großen Reibach in Gestalt sehr lustiger Bilder und Texte verhandelt.

Sonst noch was? Aber ja! Jeff Kinneys als „Comic-Roman“ etikettierte Coming-of-Age-Story „Gregs Tagebuch“ geht in der zwölften Folge „Und tschüss“ (Baumhaus) sozusagen auf Reisen – zum Leidwesen des behäbigen Helden Gregory Heffley. Der Bremer Schriftsteller und Radio-Bremen-Redakteur Michael Augustin legt in der Edition Temmen espritdralle Miniaturen und pointierte Gedichte unter dem Titel „Der stärkste Mann der Welt“ vor. Apropos Bremen: Eine hübsche Variation der Stadtmusikanten hat der Cartoonist Flix für eine fabelhafte Ausgabe von „Grimms Märchen“ bei Insel gezeichnet. Und noch zwei gelungene Mären sind zu vermelden: Der Illustrator Frank Flöthmann hat sich für „Schlaflos in Nazareth“ (Dumont) peinigende Ruhestörungen in der Heiligen Nacht vorgestellt, und Paolo Bacilieri verpackt in der grandiosen Graphic Novel „Fun“ die Geschichte des Kreuzworträtsels in eine spannende Krimihandlung (avant-Verlag).

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