Wilde Bühne Bremen

Große Sorgen bei der Wilden Bühne

Eigentlich sollten im Januar die „wilden Wochen“ des Theaterprojekts für Suchtkranke starten. Mit der Verlängerung des Lockdowns muss das Ensemble umdenken – und bangt um seine Spieler und Spielerinnen.
08.01.2021, 09:00
Lesedauer: 3 Min
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Große Sorgen bei der Wilden Bühne
Von Patricia Friedek
Große Sorgen bei der Wilden Bühne

Für die Schauspielerinnen und Schauspieler der Wilden Bühne Bremen bricht ein Stückchen Hoffnung weg.

CARMEN JASPERSEN

Es gibt einen Begriff, der in der Corona-Krise für bestimmte Menschen stark an Bedeutung gewonnen hat: die Perspektive. Zu diesen Gesellschaftsgruppen zählen vor allem jene, deren Existenzen durch den Lockdown bedroht sind, darunter Bühnenkünstler und -Künstlerinnen. Für viele ist diese Zeit der Perspektivlosigkeit eine schwierige – eine, in der niemand weiß, wann es wieder weitergeht, wann sie endlich wieder vor Publikum stehen dürfen. Die Wilde Bühne Bremen, ein Theaterprojekt für Suchtkranke und von Suchtkranken, hat sich deshalb eine solche Perspektive gesetzt: Die „wilde Woche“ im Januar, die eigentlich am 20. dieses Monats mit Vormittags- und Abendprogramm an den Start gehen sollte.

Seit Bund und Länder am Dienstag über das weitere Vorgehen in der Pandemie beraten haben, ist klar: Die „wilde Woche“ wird nicht so stattfinden können wie geplant. „Wir wussten, dass es schwierig wird, aber uns war es wichtig, ein Signal für unser Ensemble zu setzen“, sagt Leiterin und Theaterpädagogin Michaela Uhlemann-Lantow. Ein Signal, dass es doch irgendwann weitergeht, und ein Ziel, auf das man hinarbeitet. Vor allem von dem Gedanken, Abendveranstaltungen vor Publikum spielen zu können, habe sich das Ensemble in den vergangenen Wochen immer weiter verabschiedet. Doch noch war die Hoffnung groß, dass die Theatergruppe ihre Veranstaltungen wenigstens in kleinem Rahmen vor Schulklassen wahrnehmen kann.

Aber nun stehen auch die mehr als auf der Kippe, denn aller Voraussicht nach werden die Schulen bis Ende Januar auf Präsenzunterricht verzichten müssen. Uhlemann-Lantow bereitet das große Sorge. Denn schon im ersten Lockdown war die Erschütterung zu spüren, einige Spielerinnen und Spieler aus dem Ensemble, die eigentlich clean waren, hätten Rückfälle in ihre Alkohol- oder Drogensucht erlebt. Viele seien stark mit psychischen Krisen konfrontiert. So, dass manche von ihnen aktuell nicht an Proben teilnehmen könnten. Denn die finden weiterhin statt. Uhlemann-Lantow erklärt, das zähle als Zusammenkunft im Beruf.

Eigentlich probt die Wilde Bühne gerade an dem Theaterstück „Ich habe einen Traum“, angelehnt an die Rede des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. und seinen Kampf für die Gewaltfreiheit. In dem Stück geht es um drei Jugendliche, die straffällig werden. Im Anschluss an die Aufführung waren Gespräche zu Themen wie Extremismus oder Gewalt in der Beziehung geplant. Jetzt bricht das letzte Stückchen Hoffnung, an das sich die Künstlerinnen und Künstler klammern konnten, auch noch weg. Wie genau das Theaterensemble weiter vorgehen wird, ist noch nicht klar, sagt die Leiterin. Fest steht aber, dass das Stück mindestens umgeprobt werden muss, da es interaktive Elemente mit dem Publikum oder Gesang enthält – Elemente, die mit den Hygieneregeln nicht vereinbar sind. „Wir haben angesichts der Krankheitsausfälle aber auch schon über das Proben eines ganz anderen Stücks nachgedacht“, so Uhlemann-Lantow. Am Dienstag trifft sich das Ensemble nach einer Winterpause, um über die aktuellen Entwicklungen zu sprechen.

Natürlich könne man darüber nachdenken, ein paar Programmpunkte digital umzusetzen. „Wir stoßen dabei an eine Grenze. Künstler leben von dem direkten Kontakt und brauchen einen gewissen Gestaltungsraum“, sagt die Theaterpädagogin. Bei einem Veranstaltungspunkt ist es jedoch schon ziemlich sicher, dass er als digitale Variante stattfindet: Eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Rehaklinik Alt-Osterholz entstanden ist und Bilder und Skulpturen zeigt, die Menschen während ihres Aufenthalts in der Klinik geschaffen haben und die in den Räumen der wilden Bühne ausgestellt werden. Zusätzlich soll es Auszüge aus dem Theaterstück „Schwefelgelb“ zu sehen geben, das sich um die Biografie von Vincent van Gogh dreht. Dafür sollen sich Interessierte über einen Zoom-Link hinzuschalten können. Ob die wilde Woche in der Form, in der sie eigentlich geplant war, auf einen anderen Monat verschoben wird oder gar über das Jahr verteilt an einzelnen Tagen stattfinden soll, steht noch nicht fest. Doch an einer Perspektive hält die Wilde Bühne fest: An der „wilden Woche“ vom 8. bis zum 13. Oktober, die es wie geplant geben soll.

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