Umbau soll im Herbst abgeschlossen sein

Halbzeit in der Bremer Kunsthalle

Bremen. Die Bremer Kunsthalle ist immer noch eine Baustelle, doch das meiste hat sie schon hinter sich. Im Herbst sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Die "noblen Gäste" können allerdings vermutlich erst im Februar wieder nach Bremen zurück kehren.
14.05.2010, 14:50
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Halbzeit in der Bremer Kunsthalle
Von Jürgen Hinrichs
Halbzeit in der Bremer Kunsthalle

Die Bremer Kunsthalle wird umgebaut.

Frank-Thomas Koch

Bremen. Pop in der Kunsthalle. Laut und schrill. Ein Stück Gegenwartskunst, wenn man so will, ein Stück aus den Charts. Die Musik kommt aus einem Ghettoblaster, doch jetzt ist mal Schluss, Peter Pütz drückt auf den Aus-Knopf, er will etwas erklären und braucht ein wenig Ruhe dafür. Der 52-Jährige ist Architekt und Bauleiter zugleich. Ein halbes Jahr vor Ende der Arbeiten an dem Museum informiert er zusammen mit Kunsthallendirektor Wulf Herzogenrath über den neuesten Stand.

Der Bau ist eine offene Wunde, immer noch. Man kann ihm in die Eingeweide schauen, bis hinunter zu den alten Fundamenten. Dunkel und geheimnisvoll liegen jetzt Bereiche offen, die seit mehr als 100 Jahren niemand mehr gesehen hat. Rundbögen zum Beispiel, wie in einem Gewölbe, akkurat gemauert und ziegelsteinrot. Hier und da auch Überraschendes, leider, sagt Pütz. 'Vieles war seltsam, was wir unter der Bodenplatte gefunden haben', erzählt der Architekt, 'einfach unlogisch gebaut.' Also musste korrigiert werden, denn das Haus wird durch den Umbau neue Lasten tragen.

Gut 100 Pfähle haben die Arbeiter in den Boden gerammt, 15 Meter tief sorgen diese jetzt für einen sicheren Stand. Die Decken und Wände im Altbau - der vordere Teil stammt aus dem Jahr 1849, der hintere ist 50 Jahre jünger - werden von tonnenschweren Stahlträgern gestützt. Und wo vorher dünne Säulen Halt gaben, sind es nun mächtige Betonbäume. Die Kunsthalle - noch hohl, aber schon kräftig.

4500 Quadratmeter zusätzlich

Und größer, das auch. Anbauten links und rechts, die rund 4500 Quadratmeter zusätzliche Flächen bieten. 'Das Gebäude ist ja im Prinzip symmetrisch, und dieser Eindruck wird nun noch forciert', sagt Wulf Herzogenrath. So eben, betont der Direktor, dass Neu und Alt quasi von Beginn an zusammenwachsen. Es gibt den unmittelbaren Kontakt, schön gelungen zum Beispiel mit der Idee, die Außenwände der alten Kunsthalle zu den Innenwänden der Anbauten zu machen. Wo früher Fenster waren, sind jetzt Durchgänge; im Westflügel gelangt man auf diesem Weg vom Foyer in den neuen 199 Plätze großen Vortragssaal im Altbau.

Im südlichen Teil des Gebäudes entsteht ein Café. Noch sieht man hier Gitter vor den Fenstern, der Raum war früher die Bibliothek. Das Café ist ein Reizthema oder war es zumindest. Bis zum Umbau lag es weiter gen Osten im sogenannten Düttmann-Bau, der dem neuen Flügel weichen musste. Der Betreiber des Café Kukuk pochte auf seinen Pachtvertrag und zog vor Gericht. Das Ergebnis: Der Kunstverein als Träger der Kunsthalle musste ihm zum Ausgleich satte 725000 Euro zahlen und wegen der juristischen Auseinandersetzung auch noch in Kauf nehmen, dass sich der Baubeginn um fast drei Monate verzögerte. Erst Ende März vergangenen Jahres rückten schließlich die Bagger an.

Übergabe Ende Oktober

An der Bauzeit soll das freilich nichts ändern, versichern Pütz und Herzogenrath. Ende Oktober wird die Kunsthalle schlüsselfertig übergeben. Um sie dann allerdings erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen, genauer: Bis die wertvollen Kunstwerke zurückkommen können, müssen zunächst optimale Verhältnisse geschaffen werden. 'Die Klimaanlage braucht allein drei Monate, bis sie so differenziert eingestellt ist, dass wir uns um unsere guten Stücke keine Sorgen mehr machen müssen', erklärt Herzogenrath.

Im Frühjahr 2011 dann die feierliche Eröffnung. Ausgestellt wird: 'Unsere Sammlung!', betont der Direktor. Und das neue Haus, könnte man anfügen. Keine Sonderschau also, sondern der Bestand. Er ist dann lange genug nicht mehr gezeigt worden und kehrt zum Teil von weiten Reisen zurück. Mehr als 200 Meisterwerke logieren zurzeit als 'Noble Gäste' in mehr als 20 anderen Museen, die sich auf ganz Deutschland verteilen. 'Die größte multilokale Ausstellung Europas', sagt Herzogenrath.

Die Kunsthalle hat nur Vorteile davon: Zum einen sind die Werke sicher aufgehoben, unter klimatischen Bedingungen und in Lichtverhältnissen, die ein Lager nie bieten könnte. Zum anderen ist der Verleih eine schöne Werbung fürs eigene Haus und bereitet das Terrain, später selbst mal an das eine oder andere Museum heranzutreten, um für begrenzte Zeit ein Kunstwerk loszueisen, das gerade gut in eine der Sonderschauen passt.

Ein ungastlicher Ort

'Noble Gäste' - noch sollen sie bitte bleiben, wo sie sind. Noch ist die Kunsthalle nämlich eine Höhle aus Beton, Stahl und Stein, ein ungastlicher Ort, der so gar nichts mehr mit dem Ambiente von früher zu tun hat. Sand und Schutt liegen auf der Erde, Trümmerteile und Überbleibsel wie die alten Türen und ihre Rahmen. Das Dutzend Feuerlöscher vor dem Fenster nach Süden könnte man mit etwas Fantasie auch als Installation betrachten - moderne Kunst, absichtslos.

Im neuen Ostflügel, der zwischen Kunsthalle und Gerhard-Marcks-Haus ein paar Meter mehr Platz lässt als vorher der Düttmann-Bau von 1983 und damit die dahinter liegenden Wallanlagen optisch großzügiger aufschließt, zeigt Herzogenrath auf einen unscheinbaren, garagenähnlichen Raum, der für den Direktor gleichwohl eine große Bedeutung hat. Hier wird später geschleust, rein und raus.

Kunstwerke, deren Wert in die Millionen gehen kann, kommen nicht schnöde mit dem Paketdienst, sondern werden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen angeliefert. Ein Aberwitz, dass sie bisher auf den letzten Metern bei Wind und Wetter und ohne besonderen Schutz ins Haus getragen wurden. Die Versicherungen durften das besser gar nicht wissen. Nun rüstet die Kunsthalle deutlich auf. 'Wir müssen den Standard liefern', sagt Herzogenrath, 'sonst bekommen wir bestimmte Bilder nicht mehr.'

Standard, sogar mehr als das, künftig auch bei der energetischen Versorgung des Gebäudes. Ein ausgeklügeltes Röhrensystem verbindet die Wände der Kunsthalle mit den Geo-Schichten in 99 Metern Tiefe. Im Sommer bringt das Kühlung, im Winter die Wärme. Ein durch Pumpen gesteuerter Kreislauf, der mal Energie ableitet und sie speichert, um sie dann bei Bedarf wieder hinauf zu befördern. Das ist zunächst sehr teuer und schlägt beim Einbau mit rund 350000 Euro zu Buche, kann am Ende aber einen Batzen Geld sparen.

Umbau und Sanierung gehen in die Millionen

30 Millionen Euro kosten Neubau und Sanierung. Ein Drittel davon kommt von privater Seite, gespendet von den Familien Lürßen und Hollweg. Ein beredtes Beispiel Bremer Stifterkultur. Mit je einem weiteren Drittel sind das Land und der Bund an der Finanzierung beteiligt. Mehr gibt es nicht, von keiner Seite, und egal, ob sich noch irgendwo ein Loch auftut. 'Wir müssen im Rahmen bleiben', erklärt Herzogenrath.

Das Oval ist weg. Eine der, so könnten es die Besucher sehen, dramatischen Veränderungen in der Kunsthalle. Keine Öffnung mehr im Galeriegeschoss, kein Blick mehr hinunter, der ja durchaus seinen Reiz hatte. Lange und heftig wurde gestritten, ob diese erst zwölf Jahre alte Neuerung wieder abgeschafft wird. 'Klar', sagt Herzogenrath, 'mit dem Oval konnte man bei den Ausstellungen spielen, aber jetzt kann man eben mit etwas Anderem spielen.' Er hat einen vollgültigen Raum dazugewonnen und einen 'Umraum mit Schiffsbrüstung' verloren, wie es der Direktor ausdrückt.

Spielen kann er künftig zum Beispiel mit dieser fulminant langen Sichtachse, die vom West- bis zum Ostflügel reicht. 'Rund 60 Meter', schätzt Bauleiter Pütz. Leuchtbänder an der fünf Meter hohen Decke werden diese Flucht, die im Altbau am künftig doppelt so großen Kupferstichkabinett vorbeiführt, strukturieren.

Mal abgesehen vom Oval wird es im Stammhaus so sein, dass zwar alles neu ist, die Besucher aber doch ihre alte Kunsthalle wiedererkennen, glaubt Herzogenrath. Pütz ergänzt und spricht von den beiden Anbauten, 'erkennbar neu, aber aus dem gleichen Geist geschaffen'.

Bald schon werden die Flügel ihre Fassaden bekommen, aus poliertem Beton mit einer deutlichen Körnung, Terrazzo-Stil. Hier ist der Kontrast zum klassizistischen Stil des Altbaus mal gewollt. Die Kunsthalle soll ihren Charakter behalten und in ihrer baulichen Symmetrie noch gestärkt werden. Sie soll aber auch die Moderne umfangen, in den Ausstellungen und mit ihrer Architektur.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+