Interview

„Hauptsache, Sie lesen“

Der Literaturwissenschaftler und -kritiker Niklas Bender spricht im Interview über die Wirkung des Lesens.
27.04.2018, 22:17
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Hauptsache, Sie lesen“
Von Silke Hellwig
„Hauptsache, Sie lesen“

Aus welchen Motiven Menschen lesen, ob sie mitreden oder etwas gelten wollen, spielt eigentlich keine Rolle, Hauptsache, sie lesen.

dpa

Herr Bender, dieser Tage erscheint Ihr Buch „Verpasste und erfasste Möglichkeiten – Lesen als Lebenskunst“. Wie kam es dazu?

Niklas Bender: Ich habe mich schon seit vielen Jahren mit dem Gedanken zu einer kleinen Bestandsaufnahme getragen. Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich lese und was mir das persönlich bringt. Aus diesem persönlichen Eindruck habe ich weitere Gedanken entwickelt.

Man hätte auch vermuten können, dass Sie als Literaturwissenschaftler der Niedergang des Lesens umtreibt und Sie noch einmal daran erinnern wollten, was lesen leisten kann.

Das spielt im Hintergrund natürlich eine sehr große Rolle. Man fragt sich, wie man den Leserschwund aufhalten kann, auch beruflich. Lesen ist eine Kulturtechnik, wenn sie verloren geht, sind wir alle ärmer.

Sie stellen in Ihrem Essay fest, dass Lesen die Toleranz und das Einfühlungsvermögen fördert, den Horizont weitet, Mut macht und Trost spendet. Sind dazu nicht auch Kino und Fernsehen in der Lage?

Bestimmt, aber die Stoffe in der Literatur sind doch auch andere. Dort werden Geschichten erzählt, die dem Leser sehr bewusst beibringen, mit seinen – auch sehr begrenzten – Möglichkeiten umzugehen. Die Stoffe, die verfilmt werden, entführen die Betrachter eher in andere Welten, in denen sie quasi herumschwärmen können, wo es oft letztlich gut ausgeht und wo alles möglich ist. Zudem werden die Zuschauer viel intensiver in diese Welten hineingesogen, durch Sound und Musik. In Literatur verliert man sich selten so völlig hinein, bei aller Einfühlung bewahrt man sich die Fähigkeit, über die Kunstwelt nachzudenken.

Es galt immer etwas, belesen zu sein. Spielt das in der Werteskala von heute noch eine Rolle? Beeindruckt man seine Mitmenschen nicht viel mehr damit, weit gereist zu sein?

Mein subjektiver Eindruck ist, dass das Lesen mehr und mehr an Bedeutung verliert, auch im Bildungsbürgertum. Aus welchen Motiven Menschen lesen, ob sie mitreden oder etwas gelten wollen, spielt eigentlich keine Rolle, Hauptsache, sie lesen. Das Gefühl, im Privatleben nur noch wenige zu finden, mit denen man sich über Literatur austauschen kann, ist bei mir in den vergangenen Jahren gewachsen. Der Trend geht mehr zum Erleben. Das sieht man auch in anderen Kulturfeldern, beim Ausstellungstourismus beispielsweise, wo Malerei als ein emotionales Erlebnis verstanden wird. Das hat sicher auch etwas für sich, aber es geht auch etwas verloren. Man muss immer auch die Verlustrechnung aufmachen.

Sie widmen der Wirkung von Lyrik breiten Raum. Da sieht es noch deprimierender aus.

Das stimmt, obwohl wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch ganz gut dastehen. Hier werden Lyrikbände noch in Feuilletons besprochen, Preise werden vergeben, der Lyriker Jan Wagner ist vielen Lesern bekannt. Dennoch scheint die Wertschätzung dieses kleinen Formats auf der Strecke zu bleiben, und das ist sehr schade. Dabei entspricht diese knappe Form doch gerade unserer heutigen Aufmerksamkeitsspanne.

Und Sie ziehen eine Parallele zu Songtexten, die der Lyrik teilweise nah kommen.

Auch da, denke ich, geht es eher um das Miterleben eines Songs als um eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Text. Obwohl es Texte gibt, die man tatsächlich Poplyrik nennen kann und mit denen man sich richtig auseinandersetzen muss. Dazu gehören Texte der „Doors“, die Bezug nehmen auf Lyrik des 19. Jahrhunderts, aber auch Lyrics der „Dire Straits“ oder von „Stromae“.

Sie beschreiben Lesen als „Teil einer Bildung und Selbstwerdung“, Lesen bilde, sofern es den Leser verändere. Wie meinen Sie das?

Es gibt untergründige Wirkungen von Literatur, deren man sich erst Wochen oder Monate später bewusst wird. Dass macht übrigens die Arbeit von Rezensenten schwierig. Wenn man kurz nach der Lektüre eine Rezension verfasst und zu dem Ergebnis kommt, dass das Buch nicht so toll war, ist nichts mehr zu ändern – auch nicht, wenn man später feststellt, dass es einen immer noch beschäftigt, also so schlecht nicht gewesen sein kann.

Niklas Bender.

Niklas Bender.

Foto: Privat

Wie lesen wirkt, ist natürlich sehr individuell. Wenn es im eigenen Erleben eine Art von Wiedererkennen gibt, ist es zumindest ein Indikator, dass das Buch Wirkung entfaltet hat. Manchmal können einem auch bestimmte Ausdrücke oder Gedichtzeilen einfallen, weil sie einen Augenblick oder ein Gefühl passend beschrieben haben, weil sie mir als Leser erklären können, wie die Welt funktioniert, was schön, wichtig oder interessant im Leben ist. Mich hat Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ beeinflusst, obwohl ich anfangs gar nicht angetan von dem Roman war. Ich hatte den Eindruck, mit Prousts Augen auf die Welt zu schauen.

Ein Kapitel befasst sich mit dem sogenannten Storytellings, bei dem Geschichten eingesetzt werden, um von etwas zu überzeugen. Wie unterscheidet sich Literatur?

Wir sind von Geschichten in Form von Storytelling umgeben. So funktioniert vielfach Werbung, so sind Filme oft angelegt, TV-Serien und Ratgeber zur Selbstoptimierung. Auch die Politik benutzt das Storytelling gern. Es gibt zwei schädliche Effekte: Man wird ständig dazu angehalten, alle Möglichkeiten wahrzunehmen und auszuschöpfen oder man wird auf eine einzige Möglichkeit festgelegt.

Dadurch wird ein Erwartungsdruck aufgebaut, dem man schwer standhalten kann. Ich vermute, das führt auch dazu, dass wir uns subjektiv so schlecht fühlen, obwohl es uns objektiv ausgesprochen gut geht. Literatur kann helfen, einen anderen Blick auf das Leben und sich selbst zu werfen, gewissermaßen abstinenter zu werden, was solche Angebote betrifft, denn sie übt unseren Sinn für Möglichkeiten und auch für Unmöglichkeiten. Literatur kann einem beibringen, sich zu begnügen, mit dem, was man hat, und es auch zu genießen. Sie hilft, unsere persönliche Freiheit zu bewahren.

Welches sind die Autoren, die Sie mögen und die Sie verändern?

Ich mag die Autoren, die ich im Essay auch erwähne, darunter vor allem französische Autoren, weil das mein Fach in der Literaturwissenschaft ist. Dazu gehören Gustave Flaubert und Michel Houellebecq oder − unter den aktuellen Autoren − Pierre Michon, ein echter Geheimtipp. Ich lese aber auch gerne James Salter und habe gerade Giuseppe Tomasi di Lampedusa für mich entdeckt. Große Namen im Hintergrund sind Homer, Dante und James Joyce, in der
Lyrik Francesco Petrarca und Charles Baudelaire. Und ich mag Exzentriker wie Georges Perros oder Alfred Jarry, der ist abgründig komisch.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Niklas Bender ist Romanist. Er lehrt an der Universität Trier französische und italienische Literaturwissenschaft und arbeitet als Literaturkritiker für die F rankfurter Allgemeine Zeitung.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+