Bremer Filmpreis an Ulrich Seidl verliehen Heimatfilme der besonderen Art

Bremen. Der Regisseur Ulrich Seidl erhält am Donnerstagabend den 12. Bremer Filmpreis, der von der Kunst- und Kulturstiftung der Sparkasse mit dem Kino 46 vergeben wird. Vor der Verleihung sprach Seidl über seine nächsten Projekte und seine Art Filme zu machen.
21.01.2010, 13:55
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Heimatfilme der besonderen Art
Von Iris Hetscher

Bremen. Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl erhält am Donnerstag den 12. Bremer Filmpreis, der von der Kunst- und Kulturstiftung der Sparkasse in Zusammenarbeit mit dem Kino 46 vergeben wird. Bei einem Pressegespräch redete Seidl über seine nächsten Projekte und seine Art Filme zu machen.

Karl-Heinz Schmid vom Kino 46 lobte den Preisträger gleich zu Beginn des Gesprächs als jemanden, der mindestes im europäischen, wenn nicht sogar im Weltkino eine unverwechselbare Handschrift besitze. Seine mittlerweile 15 Filme bestächen durch einen "eindeutigen, klaren Stil", der Fiktion mit Dokumentarfilm verknüpft. Seidl füge sich aus diesem filmästhetischen Grund gut in die Reihe der bisherigen Filmpreisträger ein. Doch auch die Themen, um die der österreichische Regisseur sich kümmert, rechtfertigten die Auszeichnung: "Er gibt vereinsamten Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, eine Stimme", so Schmid.

So ist es beispielsweise in seinem bisher bekanntesten Film "Import Export" , der 2007 für die Goldene Palme in Cannes nominiert war und auf dem Filmfestival in Bangkok die Auszeichnung für den besten Film erhielt. Seidl beschreibt das Leben einer ukrainischen Krankenschwester, die in Österreich in einem Altenheim putzt und das eines desillusionierten Österreichers, der in der Ukraine das ganz große Geld machen will und scheitert. Aufsehen erregte "Import Export" unter anderem durch die realistische Schilderung der Zustände in der Geriatrie.

Ein "Sittengemälde der Durchschnittsbevölkerung, ich erkenne mich selbst in vielem wieder", so sieht Seidl seine Werke selbst, einen moralisch eindeutigen Standpunkt vertrete er dabei nicht. Das trifft auch auf "Hundstage" zu, der 2001 beim Festival in Venedig den Großen Preis der Jury bekam und den Alltag von Menschen an einigen heißen Augusttagen beschreibt. Auch frühe Werke wie "Models" oder "Tierische Liebe" werfen für den Betrachter fast schon schmerzhaft klare Blicke auf das Leben von Menschen und deren Besessenheiten.

Dabei mischt Seidl Dokumentar- mit Spielfilmelementen, dreht an Originalschauplätzen ohne besondere Lichtdramaturgie, besetzt einige Rollen mit Amateuren, andere wiederum mit Profi-Schauspielern. Authentische Gespräche wechseln sich mit Drehbuch-Dialogen ab. Der Filmemacher wählt seine Mittel je nachdem, was seine Intention am besten umsetzt. Seine Prämisse: "Man muss die Dinge überhöhen, um sie auffällig zu machen".

Das wird bei den beiden neuen Projekten, mit denen der österreichische Regisseur beschäftigt ist, nicht anders sein. Dem Film "Im Keller" dürfte dabei schon wegen des Titels eine große Aufmerksamkeit gewiss sein, denn Seidl hat nachgeschaut "was die Österreicher so im Keller haben". Da sind Namen wie Natascha Kampusch und Josef Fritzl nicht weit - doch Seidl will davon nichts wissen. Beide Fälle spielten überhaupt keine Rolle bei ihm, ihn habe fasziniert, dass "die Keller in Einfamilienhäusern häufig größer sind als der Wohnbereich und was da so stattfindet".

Bei "Paradies" handelt es sich dagegen um einen Spielfilm in drei Episoden und über drei Frauen. Es geht um die Missionierung Österreichs, Sextourismus in Kenia und eine junge Frau, die sich in den Leiter eines Diätcamps verguckt. "Die Menschen suchen nach dem Glück, sie suchen die Liebe", fasst Seidl zusammen. Ein Film über sein Heimatland? Eher ein Werk, das wieder einmal den Titel internationaler Heimatfilm verdient. Denn auch wenn die Personen breitesten Dialekt sprechen, könnten die Geschichten überall auf der Welt genauso passieren. Wenn ein so guter Beobachter wie Ulrich in der Nähe ist, werden aus solchen Geschichten dann Filme.

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