Werkschau der Hochschule für Künste

HfK-Jahresausstellung: Oma Sigrid ist online

Weil die übliche Jahresausstellung coronabedingt nicht stattfinden konnte, hat die Hochschule für Künste die Werkschau ins Internet verlegt. 27 Absolventen präsentieren auf www.jahfk.net ihre Abschlussarbeiten.
21.07.2020, 05:00
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HfK-Jahresausstellung: Oma Sigrid ist online
Von Katharina Frohne
HfK-Jahresausstellung: Oma Sigrid ist online

Thea Mühl, 24, hat sich in ihrer Abschlussarbeit mit ihrer Oma Sigrid beschäftigt. 50 Bücher hat sie handgefertigt, illustriert, betextet.

Thea Muehl

Am Anfang, sagt Malte Sonnenschein, habe er gehadert. Kunst im Netz, ohne Ausstellungsräume, „ohne Herumgehen, Davorstehen, Anfassen“? „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das funktioniert – weil Kunst zu erleben auch etwas mit Nähe zu tun hat.“ Nur dass Nähe eben nicht ging im Sommer 2020, dass wegen Corona alles anders kam, kommen musste.

Im Alten Bremer Hauptpostamt hätte die alljährliche Werkschau der Absolventen der Bremer Hochschule für Künste (HfK) stattfinden sollen, wie immer hätten die Studierenden ihre Abschlussarbeiten präsentiert, darunter Buchprojekte, Fotografien, Installationen, Performances. „Bis in den Mai haben wir noch darauf gehofft, wie geplant ausstellen zu können“, sagt Sonnenschein. „Dann musste ein Plan B her.“

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Der ist jetzt online: Unter der Internetadresse www.jahfk.net haben Sonnenschein – selbst einer der diesjährigen Absolventen – und seine Kollegen des fünfköpfigen Künstlerkollektivs „Life is Collective“ eine Online-Ausstellung konzipiert. Alles, was sonst analog zu sehen gewesen wäre, ist jetzt digital zu finden. Und mehr, wie Sonnenschein sagt: „Uns war wichtig, nicht nur alles ins Netz zu heben, sondern zusätzlich besondere Einblicke zu bieten.“ Wer über die Startseite eine der 26 Arbeiten anwählt, findet neben vielen der Werke Audio-Dateien, in denen die Künstler von Idee, Inspiration und Entstehung erzählen. „Normalerweise“, sagt Sonnenschein, „lernen Betrachter das fertige Werk kennen – wir haben versucht, auch die Geschichte dahinter zu beleuchten.“

„Das Gefühl Internet“

Philipp Wienes' Geschichte zum Beispiel, 30 Jahre alt, Bachelorabsolvent im Fach Digitale Medien. "Hyperaktivität" heißt seine Installation, eine Hommage an „Das Gefühl Internet“. Er selbst, erzählt Wienes, erinnere sich noch gut daran, wie er das erste Mal online ging, wie bunt alles war, wie beängstigend, wie verheißungsvoll. "Alles ändert sich ständig, alles ist immer neu – das hat mich fasziniert", sagt Wienes. Sein Werk sei der Versuch, diese Erfahrung zu visualisieren: Wer als Website-Besucher ein Video öffnet, wird von bunten Displays angeblinkt, Sprachassistenten plappern durcheinander. Eine Kritik an der digitalen Dauerbeschallung? Das weniger, sagt Wienes. "Eher die Darstellung einer Neugierde auf das alles da draußen, die sich bis heute gehalten hat."

Philipp Wienes, 30, visualisiert in seiner Installation "Hyperaktivität" das Internet – einen Ort, der sich permanent wandelt, an dem "alles immer neu" ist.

Philipp Wienes, 30, visualisiert in seiner Installation "Hyperaktivität" das Internet – einen Ort, der sich permanent wandelt, an dem "alles immer neu" ist.

Foto: Phillipp Wienes

Auch in Thea Mühls Fall zeigt sich, wie eng Werk und persönliche Biografie oft miteinander verwoben sind. In einem Buch, das sie in 50-facher Ausführung selbst gestaltet hat – illustriert, betextet, gedruckt, gefalzt – erzählt die 24-Jährige von ihrer Oma Sigrid. „Es gab so viele schöne Momente und kleine Kuriositäten, die ich festhalten wollte“, sagt Mühl. Die Sache mit dem Streusalz zum Beispiel. Oma Sigrid war im Supermarkt, als es zu schneien begann. Als sie wieder rauskam, war der Weg schneebedeckt, der Boden glatt. „Also ist sie zurück in den Laden, hat Streusalz gekauft und sich den Weg zum Auto freigestreut“, sagt Mühl. Was sie aus dieser Anekdote gemacht hat, können Besucher der digitalen Ausstellung per Video erfahren: Langsam wird dort durch eines der sieben Kapitel geblättert, eine Freundin von Mühl liest vor. Wer das handgemachte Buch doch lieber analog betrachten will, kann das im Golden Shop im Bremer Viertel tun, der Mühls Werk zur Ansicht auslegt und verkauft.

Denkarbeit, Durchhaltevermögen, handwerkliches Geschick

Vielleicht, sagt Malte Sonnenschein, habe der Schritt ins Digitale am Ende doch etwas Gutes: „Die Menschen sind weiter weg von unseren Arbeiten – und trotzdem näher dran.“ Wer Kunst mache, befinde sich ja meist unter seinesgleichen, stecke „in einer Blase“. „Ich glaube, dass es die Werke nahbarer macht, wenn man weiß, wie sie entstanden sind.“

Recht hat er. Gleichzeitig macht das coronabedingt erstellte Zusatzmaterial eindrücklich klar, wie viel Mühe in oft so mühelos erscheinender Kunst steckt, wie viel Denkarbeit, Durchhaltevermögen, handwerkliches Geschick. Eine Erkenntnis, die das fertige Werk allzu oft vergessen lässt.

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Weitere Informationen

Die Jahresausstellung der Hfk-Absolventen ist auf www.jahfk.net zu sehen. Am Freitag, 24. Juli, können Interessierte zudem bei der Vergabe des Freese-Design-Preises per Live-Stream dabei sein. Beginn ist um 18 Uhr.

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