Andreas Bourani gibt Konzert im Pier 2

„Ich bin verliebt in die deutsche Sprache"

Andreas Bourani besingt auf seinem zweiten Album „Hey!“ große Emotionen. Sein Nummer-1-Hit „Auf uns“ stieg eher zufällig zur WM-Hymne auf. Im Januar kommt Bourani ins Pier 2.
10.01.2015, 00:00
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Von Olaf Neumann
„Ich bin verliebt in die deutsche Sprache"

Im Sommer beglückte Andreas Bourani seine Bremer Fans mit einem Auftritt auf der Breminale. Am 18. Januar ist er im Pier 2 zu sehen.

Frank Thomas Koch

Andreas Bourani besingt auf seinem zweiten Album „Hey!“ große Emotionen. Sein Nummer-1-Hit „Auf uns“ stieg eher zufällig zur WM-Hymne auf – doch eigentlich macht der Augsburger mit seiner Vier-Oktaven-Stimme sogar aus fast jedem Song eine Hymne und zeigt dabei seine stimmlichen Fähigkeiten zwischen Leichtigkeit und Tiefgang. Olaf Neumann hat mit dem Deutsch-Ägypter über das Thema Gefühle gesprochen und darüber, was ihn an Popmusik reizt.

Andreas Bourani, warum ist Ihre Musik so gefühlvoll?

Bourani: Das ergibt sich aus dem Anspruch, die ich an Musik und Texte habe. Auch brachte die Zeit, in der die Platte entstanden ist, sehr abwechslungsreiche Gefühle mit sich. Vielleicht habe ich ja die Gabe, zu erspüren, was so in meinem Umfeld passiert. Für mich muss Musik immer eine Notwendigkeit und eine Wahrheit haben; umso zeitloser ein Gefühl ist, desto besser. Zweifel zum Beispiel begleiten einen ein Leben lang.

Darf ein Mann weinen und über seine Gefühle sprechen?

Finde ich schon. Es ist ein Klischee, dass Männer immer hart sein müssen. Es ist sehr mutig, wenn ein Mann es zulässt, vor anderen zu weinen. Das ist wahre Stärke.

Haben Sie als Sänger einen Auftrag? Wollen Sie anderen Männern beibringen, sich zu öffnen?

Nee, überhaupt nicht. Das ist einfach mein Lebensstil. Ich lebe intensiv und bewusst und drücke dies in der Musik aus. Ich versuche, tiefgründige Texte zu schreiben, die ich auch noch in drei Jahren singen kann. Ich wollte nie ein Vorbild für andere Männer sein. Das wäre ja auch Quatsch, denn ich lebe meine Gefühle ja öffentlich aus. Ich hatte schon früher die Tendenz zum Verträumtsein und habe mich mit Freunden gern über philosophische Themen und die großen Fragen des Lebens unterhalten. Ich wollte verstehen, was uns Menschen ausmacht. Dennoch, ich kann das Leben auch einfach nur genießen.

Stehen Frauen nicht doch eher auf Machos als auf Softies?

Diese Fragen müssen Sie den Frauen stellen. Meine Erfahrung ist, es gibt Frauen, die auf Machos stehen, und welche, die auf Softies stehen. Und das ist auch gut so. Klar mögen Frauen meine Musik, auch etwas ältere. Es ist aber nicht so, dass zu mir nur wenige Männer kommen.

Können Sie beim Schreiben das weltpolitische Geschehen einfach ausblenden oder hat dies einen indirekten Einfluss auf Ihre Musik?

Auch Gewalt ist eine menschliche Eigenschaft, leider, aber natürlich wünscht sich jeder Mensch den Weltfrieden. Im Grunde geht es uns ja gut, und gerade der Luxus, nicht hungern zu müssen, bringt Verantwortung mit sich: Man muss sein Leben bewusst gestalten. Wir leben in einer Zeit, in der es nur darum geht, in sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit zu erregen. Davon müsste man wieder ein bisschen wegkommen.

Ihre Eltern sind Ägypter, Sie selbst wurden in Augsburg geboren. Fühlen Sie sich auch als Ägypter?

Ich wurde adoptiert, als ich eine Woche alt war. Zur ägyptischen Kultur habe ich keinen Bezug, ich sehe mich als Bayer, bin auch nicht zweisprachig aufgewachsen. Einzig meine Hautfarbe wirft die Frage nach meiner Herkunft auf. Natürlich habe ich mich irgendwann mit der Kultur Nordafrikas auseinandergesetzt, um meine Herkunft ein bisschen zu verstehen. Aber ich musste nicht nach Ägypten fahren, um meine Identität zu suchen.

Günter Grass spricht von einem erotischen Verhältnis zur deutschen Sprache. Welches Verhältnis haben Sie selbst zu Ihrer Muttersprache?

Ich bin auch sehr verliebt in die deutsche Sprache, weil sie für jedes Gefühl ein Wort bietet. Die englische Sprache ist deutlich einfacher strukturiert. Eine Sprache ist nach außen hin auch ein Image, und Deutsch wird international als harte Sprache wahrgenommen. Diese Härte passt zur deutschen Disziplin. Mein Ansinnen ist es, meiner Muttersprache eine Weichheit zu verleihen in meinen Liedern. In der Popmusik müssen Melodien und Sprache ineinanderfließen, es darf beim Hören nicht anstrengend werden.

Haben Sie das Gefühl, dass es den Deutschen leicht fällt zu singen?

Nicht so richtig, und das finde ich ein bisschen schade. Ich habe zwar keinen direkten Vergleich, aber mir fällt schon auf, dass in Deutschland selten gesungen wird. Kinder bilden eine Ausnahme, aber irgendwann hört man damit auf aus Angst, nicht gut genug zu sein. Ich selbst habe immer gesungen, weil es mich glücklich macht.

Ein zentrales Thema auf Ihrem Album ist das Loslassen. Können Sie selbst gut loslassen?

Inzwischen ja. Während des Schreibens für diese Platte hatte ich viele Erkenntnisse zum Loslassen. Alte Gewohnheiten und Gedanken aufzugeben ist schwierig, aber es lohnt sich. Unser Leben ist ständig in Bewegung. Wenn man das annimmt, wird vieles einfacher. Ich hatte zum Beispiel Zweifel, ob meine neuen Lieder gut genug sind, um mit meiner erfolgreichen ersten Single mithalten zu können. Irgendwann sagte ich zu mir, dass ich dankbar sein sollte mit dem, was ich hatte. Und dann ist der Song „Hey!“ entstanden.

Sie besitzen eine Vier-Oktaven-Stimme. Setzen Sie diese in vollem Umfang ein?

Die äußersten Höhen benutze ich in meinen Liedern gar nicht mehr. Die hohe Frequenz ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr angenehm anzuhören. Früher habe ich im Schulchor Sopran gesungen und nie bewusst den Stimmbruch durchlebt. Deswegen habe ich die hohe Stimmlage nie verloren und sie auch weiterhin trainiert.

Hätten Sie auch bei der Oper landen können?

Ich fand Popmusik immer spannender, weil man in drei, vier Minuten alles sagen muss. Die Oper lässt einem nicht so viel Raum; als Sänger ist man ja Teil einer Inszenierung. Hätte ich als Jugendlicher aber klassische Vorbilder gehabt, dann hätte es für mich durchaus auch in diese Richtung gehen können.

Andreas Bourani spielt am Sonntag, 18. Januar, 20 Uhr, im Pier 2.

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