Interview

„Ich komme aus der Zukunft“

Der deutsche Autor, Filmemacher und Schauspieler Rainer Langhans spricht im Interview darüber, was von 1968 heute noch übrig ist.
15.07.2018, 20:19
Lesedauer: 6 Min
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„Ich komme aus der Zukunft“
Von Alexandra Knief
„Ich komme aus der Zukunft“

Rainer Langhans.

Ingo Wagner/dpa

Herr Langhans, wenn Sie heute die Medienberichte verfolgen, haben Sie dann manchmal das Bedürfnis, den einen oder anderen Politiker mit Pudding zu bewerfen?

Rainer Langhans: Ja, na klar. Jeden eigentlich. Das ist ja alles doch eher schlimmer geworden und nicht besser. Ich erkenne trotzdem, dass die Politiker etwas versuchen. Es ist immer schwer, allen gerecht zu werden. Und genau das war unser Gefühl damals, dass man aus allem, was einfach nicht läuft, am besten ganz aussteigt, anstatt weiter daran herum zu verbessern. Es ging darum, dass wir nicht die Verhältnisse zu ändern versuchen, sondern uns selbst, denn wir bringen die Verhältnisse hervor.

Was hat Sie damals dazu bewegt, in die frisch gegründete Kommune I zu ziehen?

Das sogenannte 68er-Gefühl. Was war das? Bis heute wissen wir das nicht. Wir wissen, was darüber erzählt wird bis heute: die zwei Stränge, die revolutionäre Politik auf der einen, die verlor, und Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, das Hippietum, auf der anderen Seite, das sich ein wenig durchgesetzt hat. Viele Dinge wie Wohngemeinschaften oder die Frauen- oder Homosexuellen-Bewegung sind aus dieser Zeit hervorgegangen, eine kleine Kulturrevolution. Aber was war der Urknall, der dieses neue Gefühl, was wir damals hatten, alle diese Abwandlungen, von denen wir heute noch erzählen und beeinflusst sind, ausgelöst hat? Das habe ich immer wieder aufzufinden versucht.

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Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir wurden von unseren lieben Mörder-Eltern auf einen Leichenhaufen gesetzt. Damit mussten wir umgehen und wir wollten natürlich alles ganz anders machen, damit so etwas nie wieder passiert. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Wir haben uns drei Monate lang in eine kleine Wohnung gesperrt und überlegt, wie wir diesem Gefühl, das wir hatten, alles verändern zu wollen, am ehesten gerecht werden können. Und da entstand die Idee der Kommune. Diese war eine Gemeinschaft von Menschen, die in sich den Nazi überwinden und einen neuen Menschen, einen liebenden finden wollten. Das Private wird politisch. Alles schien möglich. Wir wurden von etwas überwältigt, das ist das sogenannte 68er-Gefühl, etwas Irrationales, das damals niemand verstand und auch bis heute niemand versteht. Ja, wir waren verrückt.

Sie leben auch heute noch in einer Wohngemeinschaft mit mehreren Frauen. Auch das trägt dazu bei, dass Sie oft als „letzter 68er“ bezeichnet werden. Sehen Sie sich selbst auch so?

Ja, scheint so, ich bin der letzte Mohikaner. Auch ich fiel nach 68 wie meine Genossen zurück in den alten Körper, den alten Menschen. Das war unerträglich. Viele haben versucht, da wieder herauszukommen, beispielsweise eben mit linker revolutionärer Politik oder mit Sex, Drugs & Rock ‘n‘ Roll, mit allen möglichen Ekstase-Techniken. Aber das klappte alles nicht. Mir ist es mithilfe von Spiritualität gelungen, zu diesem Gefühl von damals zurückzukommen. Diesen Weg verfolge ich, und deshalb lebe ich noch immer in einer Kommune. Die nennen die Leute dann wieder „Harem“, weil sie sich Kommunen nur sexuell vorstellen können. Das war ja damals schon so. Als wir den Leuten erzählt haben, was unsere Kommune ausmacht – kein Privatbesitz, alles teilen und somit auch keine Zweierbeziehungen, sondern allgemeine Zärtlichkeit – hat die Presse daraus Orgien, Rudelbumsen oder „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ gemacht. Mehr verstanden sie nicht.

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Wie ist das, wenn man sein Leben lang mit einer Sache in Verbindung gebracht wird, auch wenn diese bereits 50 Jahre zurückliegt?

Das ist richtig gut, denn es ist nicht irgendeine Sache, sondern für mich ist das alles! Eine permanente Selbstrevolution. Ich sage daher: Ich komme aus der Zukunft. Das, was wir damals gemacht und erlebt haben, war eine Vorschau auf unsere Zukunft. Alle Revolutionen wollten nur die Verhältnisse verändern. Wir wollten den Geist verändern, uns selbst, und das haben wir geschafft. Wir wissen es nur noch nicht. Der Spirit der 68er wird uns heute mehr denn je bewusst! Mit Hilfe des Internets, das von 68ern geschaffen wurde. All das, was wir wollten, zeigt sich zunehmend im Internet: Alles teilen, alles mitteilen, kein Privatbesitz, keine Privatsphäre, Milliarden von Freunden, immer mehr Kommunikation – also Liebe. Mich finden Sie auch auf Facebook!

Im Internet ist also alles gut?

Eigentlich schon, aber auch da gibt es wieder Menschen, die die alten Eigentumsansprüche und damit den Krieg ins Netz einführen wollen. Wie immer versuchen die Alten, neue Entwicklungen zu verhindern, denn sie spüren, dass ihre alte Welt untergeht. Aber ich denke, dieses Mal schaffen sie es nicht. Wir stecken seit der Vorschau 1968 in einer riesigen Kulturrevolution und haben es lange 50 Jahre nicht gemerkt, haben geglaubt, wir hätten für immer verloren. Nein, wir ziehen ins ‚Neuland‘. Was wollen wir mehr? Wir haben gewonnen!

Sie äußerten damals unter anderem auch Kritik an der vorgegebenen Familienstruktur der Kleinfamilie. Auch da hat sich einiges getan.

Sicher. Es gibt weniger Ehen und die, die es gibt, dauern oft nicht lange. Es gibt immer mehr kommunenähnliche Zusammenschlüsse wie Patchwork-Familien oder Polyamorie. Wenn Jüngere heute noch eine Zweierbeziehung führen, findet diese in einer Community statt, also nicht mehr so kommunikationsärmlich und kriegerisch, wie das früher in der Kleinfamilie war. Heute leben die Jungen in Communities, sprich Kommunen. Auch hier haben wir gewonnen.

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Gibt es denn überhaupt noch was, wogegen man sich heute auflehnen müsste?

Es ist besser, wenn man für etwas ist als gegen etwas. Lieber lieben als kämpfen. Ich fand es schon damals traurig, dass wir immer mehr gegen alles waren und bis heute vergessen ist, dass wir eigentlich für etwas waren, nämlich für den neuen Menschen. Aber das ließen die meisten nicht an sich heran, sie spürten nur die Bedrohung ihrer alten Welt. Daher wehrten sie sich mit dem gewohnten Krieg, denn das Abendland geht unter! Und wir haben gesagt: Ja, ist das nicht wunderbar? Die Menschen verstanden aber nur Zerstörung – heute nennt sich das Disruption. Sicher, wir waren gegen den Vietnamkrieg oder das kapitalistische System, gegen die Kleinfamilie, gegen die allgemeine Lieblosigkeit. Aber nur als Folge des neuen Menschen und seiner neuen Welt. Daher werden und wurden wir von vielen für Zerstörer gehalten.

Fehlt es jüngeren Generationen an Revoluzzern wie Ihnen oder Rudi Dutschke?

Nein, im Gegenteil. Die Jungen sind fantastisch! Auch wenn ihnen gar nicht bewusst ist, wie revolutionär sie eigentlich sind. Die Gesellschaft digitalisiert sich mit ihnen als Vorreitern, und die Alten folgen zähneknirschend. Das ist revolutionärer als wir als ihr Vorspiel sein konnten.

Was wäre wohl aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht 1968 jung und gesellschaftskritisch gewesen wären, sondern 2018?

Ganz einfach, ich wäre ins Internet gegangen und hätte dort wahrscheinlich eine große Geschichte aufgezogen. Entweder wäre ich Youtube-Star geworden oder CEO von Google.

Kommen wir noch einmal zurück zu Ihnen als Persönlichkeit. Ihre Frisur ist heute fast die gleiche wie vor 50 Jahren, nur bei der Kleidung gibt es eine auffällige Veränderung. Warum tragen Sie eigentlich nur weiß?

Damals habe ich natürlich genau wie der Rest der Kommune alle Farben getragen, wir haben fast schon eine Farbexplosion demonstriert. Wir haben eine schöne Kleidungsgeschichte daraus gemacht, weil wir uns befreit fühlten von den Uniformen und Kampfanzügen. Entsprechend habe ich dann wohl den Urknall aller Farben, weiß, für mich gefunden.

2011 machten sie bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ mit und bezeichneten das Format im Nachhinein als fantastisches Bildungsfernsehen. Das kann man durchaus anders sehen.

Für mich war das von Anfang an vor allem eine Sendung, in der eine Kommune gebildet wird. Man kann daran sehen, wie eine Kommune entsteht, ob diese funktioniert oder eben auch nicht. Das fand ich gut, darum habe ich mitgemacht, aber nur unter der Voraussetzung, dass ich dort keine Tiere quälen oder essen muss. In meinen Augen war es eine Kommuneerfahrung, bei der eine kleine Erfahrungsgemeinschaft entstanden ist zwischen allen Dschungelcampern, die zum Teil über Staffeln und Jahre hinweg bis heute Kontakt miteinander haben.

Was kann man künftig von Ihnen erwarten?

Ich habe mich immer gefragt: Welche Rolle kann so einer wie ich in dieser Gesellschaft spielen? Jemand, der in die Gesellschaft nicht mehr zurück kann, sondern in einer kleinen Kommune als Außenseiter lebt? Ich muss ehrlich sagen: Ich weiß es nicht. Ich bin vielleicht eine Art Wanderprediger oder Bettelmönch. Ich rede mit jedem Menschen. Dafür erhalte ich gelegentlich Aufwandsentschädigungen. Egal, wie jemand auf mich zukommt, ich werde mit niemandem Krieg führen. Ich werde weiterhin das leben, was ich für richtig halte. Was soll ich sonst tun?

Die Fragen stellte Alexandra Knief.

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