Thomas Thieme über sein Gastspiel am Theater Bremen, Bert Brechts Weisheit und Claus Peymanns Leidenschaft

„Ich mag authentische Schauspieler“

Herr Thieme, bin ich der einzige Fan Ihrer Darstellungskunst, der sich bisweilen an Gert Fröbe erinnert fühlt?Naja, der Fröbe verfolgt mich schon. Aber dagegen ist nicht das Geringste einzuwenden: Schauen und hören Sie sich uns beide an.
28.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Ich mag authentische Schauspieler“
Von Hendrik Werner

Herr Thieme, bin ich der einzige Fan Ihrer Darstellungskunst, der sich bisweilen an Gert Fröbe erinnert fühlt?

Naja, der Fröbe verfolgt mich schon. Aber dagegen ist nicht das Geringste einzuwenden: Schauen und hören Sie sich uns beide an...

Bertolt Brechts „Baal“ (1918/18) taucht in Ihrem Lebenslauf gleich mehrfach auf. Wodurch unterscheidet sich der frühe Brecht von dem Mann, der 1939 im dänischen Exil „Leben des Galilei“ schrieb?

Er würde wohl selbst sagen: Ich bin weiser geworden.

Heiner Müller ernennt zwei Brecht-Figuren zu Antipoden: Herrn Keuner, „die Rechenmaschine der Revolution“ und den Egoisten Johann Fatzer, wie der böse Baal, der Asoziale, eine anarchische Figur, der eigenes Glück wichtiger ist als das Gemeinwesen. Welchem Extrem neigen Sie mehr zu?

Die Neigung zum Extrem lässt im Alter nach. Aber Bertolt Brechts „Baal“ wird mir bis zum Tode im Herzen bleiben.

„Leben des Galilei“ stellt sozusagen eine Keuner-Frage („Gerade ich muss länger leben als die Gewalt“): Soll man das eigene Wissen verleugnen, um im Dienste der Wissenschaft zu überleben, oder soll man sein Engagement für Erkenntnisse notfalls mit dem Leben bezahlen?

Unser Wunschdenken bevorzugt den sauberen Wissenschaftler, der bis zum Tode seine Wahrheit vertritt. Letzendlich macht das ja auch Galilei. Aber wir wissen auch – heute umso mehr – dass diese Art Mensch sehr selten ist.

Nach „Baal“ ist „Leben des Galilei“ eine weitere Lesung, die Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn Arthur bestreiten, der für den musikalischen Teil zuständig ist. Wie egalitär und wie kreativ darf sich der geneigte Besucher Kooperationen im Hause Thieme vorstellen?

Natürlich egalitär, sonst gehts ja gar nicht. Aber wir sind optisch und im Temperament sehr verschieden. Das Temperament bestimmt natürlich unsere Arbeitsweisen. Erstaunlicherweise ist der Jüngere der Bedächtigere.

Die sogenannte Brecht-Bühne, das Theater am Schiffbauerdamm, wird derzeit noch von einem gebürtigen Bremer namens Claus Peymann geleitet. Was wünschen Sie sich für dieses Haus?

Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn Claus Peymann noch ein bisschen geblieben wäre. Er ist enorm leidenschaftlich. Ich würde dem Theater wünschen – obwohl ich es nicht wirklich glaube – dass diese Leidenschaft erhalten bliebe.

Apropos Ostberlin: „Muffig, schmierig und duckmäuserisch“ sei es in der DDR zugegangen, haben Sie einmal geäußert. Galt diese Wahrnehmung blank auch für den Kunstbetrieb?

Ach Gott. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Als ich das gesagt habe, war ich noch voller alter Eindrücke. Die sind verblasst. Aber wenn es wirklich so war, wie ich es damals empfunden habe, betrifft es den Theaterbetrieb in einer ganz besonderen Weise.

Über Gert Fröbe sprachen wir bereits. Andere Fans wiederum fühlen sich durch ihre Präsenz, Ihre Stimmgewalt und Ihr Spiel an Emil Jannings erinnert. Haben Sie real existierende Vorbilder?

Die hatte ich mal. Mit 67 existieren die nur noch fiktiv. Ich freue mich, wenn ich Schauspieler sehe, die authentisch sind und nicht so furchtbar outriert. Ich kenne auch viele, die das nicht sind. Die kennen Sie auch alle. In „Baal heißt es: „Keine Namen, man kennt sich.“

Am 29. Oktober werden Sie 68 Jahre alt. Spielen Gedanken an Ruhestand oder/und Kürzertreten für Sie gegenwärtig eine Rolle?

Darüber denke ich nach, wenn das Telefon nicht mehr klingelt.

Das Gespräch führte Hendrik Werner.

Das Leben des Galilei. Konzertante Inszenierung mit dem Schauspieler Thomas Thieme und dem Musiker Arthur Thieme. Theater am Goetheplatz. Freitag, 30. September, 19.30 Uhr.

Zur Person

Thomas Thieme geboren 1948 in Weimar, besuchte die Staatliche Schauspielschule in Ost-Berlin. Es folgten Engagements in Magdeburg und Halle. 1981 stellte Thieme einen Ausreiseantrag. 1984 ging er in den Westen. Dort spielte er unter anderem an der Schaubühne und dem Wiener Burgtheater. Jüngere Filmrollen in „Wir waren Könige“ (2014) und „Er ist wieder da“ (2015).
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