Schauspieler Bjarne Mädel im Interview „Ich mag die skurrilen Typen“

Der Schauspieler Bjarne Mädel über gute Rollen, schlechte Dialoge und seine neue Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)".
31.05.2019, 21:14
Lesedauer: 4 Min
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„Ich mag die skurrilen Typen“
Von Katharina Frohne

Für den „Tatortreiniger“ haben Sie sich vor dem Dreh mit einem echten Tatortreiniger getroffen. In Ihrer neuen Serie spielen Sie einen Kleinstadt-Drogendealer, der Ecstasy an Kinder vertickt. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Bjarne Mädel: Ich hab wahnsinnig viele Drogen eingeschmissen. Alle möglichen – man muss ja wissen, was man verkauft. Nein, nur Spaß. Dieses Mal ging das so, ohne besondere Vorarbeit.

Sie können sich Ihre Rollen längst aussuchen. Was gefiel Ihnen an dieser?

Ich fand die Idee großartig, dass dieser Typ zur Tarnung auf einem Reiterhof lebt, alibimäßig jungen Mädchen aufs Pony hilft und den Stall ausmistet. Ein total schräges Setting.

Apropos schräg. Sie spielen oft komische Vögel, Antihelden, Normalos. Werden Ihnen diese Rollen häufiger angeboten?

Anfangs war das so; das lag sicher daran, dass ich zuerst den Ernie in „Stromberg“ gespielt habe. Inzwischen ist das anders. Aber ja, ich mag die skurrilen Typen. Die geben einem was zu tun. Glatte, erfolgreiche Menschen finde ich langweilig, da fehlt mir meist der Widerstand, gegen den ich anspielen kann.

Danach gefragt, wie Sie Ihre Rollen auswählen, haben Sie mal den Schauspieler Matthias Brandt zitiert: „Wenn ich keine Ahnung hab, wie ich das spielen soll, dann sage ich zu.“

Genau. Da muss irgendwas sein, das mich herausfordert. Das muss nicht immer die Komik einer Figur sein. Anfang des Jahres habe ich in Hamburg das Drama „Tage des letzten Schnees“ gedreht, ein ernster, trauriger Film. Ich gehe danach, ob die Geschichte gut ist, ob der Mensch, den ich spielen soll, spannend ist, welche Kollegen mitmachen, wer Regie führt...

Bei Ihrer neuen Serie ist das Arne Feldhusen, mit dem Sie schon „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ und „Tatortreiniger“ gedreht haben. Produktionen, die rausfallen aus dem Standardprogramm, die von Kritikern und Publikum gefeiert wurden. Was macht Feldhusen anders?

Arne ist wahnsinnig konsequent. Wenn er unzufrieden ist, wird eine Szene gern noch mal und noch mal gedreht. Für den Sender kann das herausfordernd sein, für das Ergebnis ist es toll. Arne ist Perfektionist, er quält sich da durch, das reicht bis zum Schnitt. Was er macht, muss er sich selbst angucken wollen. Alles muss stimmen, er macht kaum Kompromisse.

Auffällig ist bei ihm auch die Liebe zum Detail, die vermeintlichen Banalitäten, die eine Figur glaubwürdig machen. Warum hat das im deutschen Fernsehen solchen Seltenheitswert?

Ich glaube, der Beruf des Drehbuchschreibers wird in Deutschland unterschätzt. Dabei ist ein gutes Drehbuch alles. Ich würde mir oft wünschen, dass die Schreiber auch am Set dabei sind. Wenn man dann merkt, dieser Satz spricht sich nicht gut, der klingt konstruiert und unecht, dann könnte der Autor ihn schnell anpassen oder umschreiben. Ich bekomme zu oft Drehbücher, die daran kranken, dass die Dialoge nicht wirklich funktionieren.

Warum sind gute Dialoge so schwer?

Gute Frage. Im Fernsehen herrscht wohl der Irrglaube, zu viel Gerede sei schlecht. Vielleicht wird deshalb weniger Wert darauf gelegt. Interessant ist es dann, wenn jemand die Dialoge macht, der das nicht so sieht. Beim „Tatortreiniger“ zum Beispiel war das Ingrid Lausund, die eigentlich fürs Theater schreibt.

Die Episoden sind Dialog pur.

Und trotzdem funktioniert‘s. Was sie schreibt, klingt echt. So reden Menschen.

Interessant ist, dass gerade der dialoglastige „Tatortreiniger“ auch im Ausland gut ankam. Auf der internationalen Filmdatenbank IMDB schreibt ein Nutzer: „Deutsche Serien sind normalerweise bestenfalls mittelmäßig“, diese aber sei „ein echtes Juwel“.

Das steht da? Das freut mich total. Umso erstaunlicher, dass es in Deutschland nicht dafür gereicht hat, ins Hauptabendprogramm zu rutschen...

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht gibt es in den ja eher eingefahrenen Strukturen keinen geeigneten Sendeplatz für ein halbstündiges Format. Vielleicht traute man dem Braten nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich will gar nicht nörgeln, ich bin froh, dass die Serie zustande gekommen ist. Und sie ist ja jetzt auch auf Netflix zu sehen. Wie auch die neue. Vorhin habe ich erfahren, dass die in 170 Länder verkauft werden soll. Vor ein paar Tagen habe ich mich zum ersten Mal Türkisch sprechen sehen.

Wie war das?

Beeindruckend. Ich spreche offenbar fließend.

Noch mal zurück zur neuen Serie: Sie sagten mal, Sie würden gern einen richtigen Fiesling mimen. Ist der Drogendealer so einer?

Nicht so richtig. Er ist böse, aber nicht die hellste Kerze auf der Torte. Das macht ihn liebenswert. Meine Traumrolle wäre ein schlauer, abgrundtief böser Typ, bei dem keiner weiß, woher seine Bösartigkeit kommt. Und es gibt Kollegen, die Bösewichte gut spielen können und mit denen ich gerne mal drehen würde.

Zum Beispiel?

Och, einige, Sophie Rois. Edgar Selge. Mit dem sensationellen Nicholas Ofczarek habe ich neulich einen „Tatort“ gedreht. Das beglückt mich immer sehr, wenn ich mit solchen Leuten arbeiten darf.

Was gucken Sie selbst gern? Haben Sie eine Lieblingsserie?

Aktuell? "After Life" von Ricky Gervais. Ganz, ganz groß.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

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Zur Person

Bjarne Mädel (51) spielte Theater, bevor er durch die Rolle des Ernie Heisterkamp in der TV-Serie „Stromberg“ bekannt wurde. Es folgten Hauptrollen in „Mord mit Aussicht“, „Der Tatortreiniger“ oder „24 Wochen“. Jetzt ist er in der Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ zu sehen.

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Zur Sache

Neu im Stream: Moritz (Maximilian Mundt) ist mies drauf. Lisa hat Schluss gemacht, flirtet neuerdings mit dem Jahrgangsdealer. Für Moritz ist die Sache klar: Will er Lisa zurück, muss er selbst Drogen verticken. Nur bessere. Und mehr davon. Doof nur, dass er sich direkt mit Kleinstadtversorger Buba (Bjarne Mädel) anlegt. Ein stiller Typ, der in die Drogenszene stolpert – ist „How To Sell Drugs Online (Fast)“ die Kinderzimmervariante von „Breaking Bad“?

Nein, das war's auch schon mit den Parallelen. Die Netflix-Comedy-Serie wagt einiges: In der Welt der 18-Jährigen, in der Beliebtheit an Instagram-Followern gemessen wird, verschwimmen die Grenzen zwischen echtem und virtuellen Leben; Messenger-Chats werden eingeblendet, Social-Media-Profile gestalkt. Das ist gut gemacht, schnell und kurzweilig – könnte Zuschauer, die weniger smartphoneaffin sind als der Durchschnittsschüler, aber überfordern.

Weitere Informationen

How To Sell Drugs Online (Fast). 1. Staffel. Sechs Folgen. Anbieter: Netflix.

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