Zeitgenössische Kunst Im Auge des Fortschritts

Von beklemmender Güte: Die Kunsthalle Emden konfrontiert Werke von Franz Radziwill mit Positionen der Gegenwartskunst. Untertitel der stupenden Schau: „Landschaft, Technik, Medien “
21.09.2018, 16:55
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Im Auge des Fortschritts
Von Hendrik Werner

Emden. Um einige Stunden früher als Bremen und dessen Umland wurde Ostfriesland am Freitag von einem Herbst heimgesucht, der Ernst macht. Stürmischer Wind kam bereits am frühen Vormittag auf, in Leer regnete es zeitweilig Katzen, in Emden wiederum Hunde, und die Temperaturen fielen binnen weniger Stunden merklich.

Es war der Kulturhistoriker Walter Benjamin (1892-1940), der im letzten von ihm vor seinem Freitod verfassten Text, Witterung und Risiken des Fortschritts spektakulär miteinander verrechnete. Anhand des "Angelus Novus", einem Bild von Paul Klee, identifizierte Benjamin die Geschichte mit einem Sturm, der vom Paradies her weht – und den Engel vor sich hertreibt: "Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Echo-Effekte

Zwar dürfte sich der Herbsteinbruch in Emden kaum als direkter Kommentar zu einer gleichfalls spektakulären Ausstellung der dortigen Kunsthalle lesen lassen. Und doch frappiert der Umstand, dass der erste Leistungsnachweis des neuen Leiters des Ausstellungshauses, Stefan Borchardt, auf ebenso stimmige wie bestrickende Art die Fortschrittsgläubigkeit – und vor allem die Technikhörigkeit – im 20. Jahrhundert thematisiert.

In der vom Direktor kuratierten Schau „Radziwill und die Gegenwart“, die ab diesem Sonnabend (und bis zum 13. Januar) zu sehen ist, geht es um die, nun ja, stürmische Entwicklung der Technik – und entsprechende Echo-Effekte in der Kunst. Nicht nur in den Bildern des magischen Realisten Franz Radziwill (1895-1983), der als Wesermarsch-Gewächs im Nordwesten oft gewürdigt wird – 2017 etwa von der Bremer Kunsthalle –, sondern auch von anderen namhaften Künstlern, die ihre skeptische Haltung zum (technischen) Fortschritt in Artefakte gossen. Borchardt bringt entsprechende Interventionen mit Gemälden Radziwills in einen fruchtbaren Dialog, darunter Werke des Videokünstlers Nam June Paik, des Malers Gerhard Richter sowie des Objekt- und Aktionskünstlers HA Schult.

„Landschaft, Technik, Medien“ lautet der Untertitel dieser attraktiven Ausstellung, die mit gut 120 Exponaten punktet, ja prunkt, die zur Hälfte von Radziwill stammen und sich zur anderen Hälfte aus Werken der zeitgenössischen Kunst rekrutieren. Die zusätzliche Auffächerung des quantitativ wie qualitativ imposanten Portfolios in Themeninseln wie „Genetik und Robotik“ mag didaktisch und pädagogisch dezent überambitioniert anmuten – und doch wirkt sie stets sinnig. Nur wenige Gegenüberstellungen wirken bemüht, der Großteil ist schlüssig, ja teils schlagend.

Entfesselte Geschwindigkeit

Beispielsweise die Konfrontation von Franz Radziwills Ölgemälde „Vor dem Flughafen“ aus dem Jahr 1970 und „Eye/Machine II“, eine Installation des Medienkünstlers Harun Farocki aus dem Jahr 2002. Beiden Werken ist auf exponierte Weise der Primat des Sehsinns eingeschrieben, beide inszenieren Geschwindigkeit als offenbar riskante Entfesselung, beide Künstler vertreten technologieskeptische Positionen. Dadurch, dass Farocki in seiner Bildreihe intelligente Operationen von Maschinen vorführt, die mit zeitgemäßen Bildverarbeitungsprogrammen arbeiten, wächst dem ohnedies unruhigen Luftraum auf Radziwills Gemälde eine weitere Bedrohlichkeitskomponente zu: der apokalyptisch grundierte Ausblick auf eine automatisierte Zukunft, die tendenziell selbst die vormals existenzielle Tätigkeit des menschlichen Auges durch maschinelle Prothesen ersetzt. Schade in diesem Kontext, dass die Ausstellung kein zwingendes Material bereithält, um die Haltung von Radziwill und Gegenwartskünstlern zu apparatgestützter Kommunikation abzugleichen.

Ohnehin illustrieren die in Emden versammelten Werke, die wortlos und eindringlich miteinander kommunizieren, auf oft beklemmende Art, welche Fortschrittsschübe sich in nur einem Menschenleben ereignen können und wohin der Sturm uns treibt.

Weitere Informationen

Radziwill und die Gegenwart. Kunsthalle Emden. Bis 13. Januar. Dienstags bis freitags 10-17 Uhr, sonnabends und sonntags 11-17 Uhr.

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