Theater Bremen

Die große Verwandlung

„Im Herzen tickt eine Bombe“ von Wajdi Mouawad feierte am Theater Bremen seine deutsche Erstaufführung. Patrick Balaraj Yogarajan überzeugt in der Rolle von Wahab, der sich seinen inneren Dämonen stellen muss.
04.10.2020, 05:01
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die große Verwandlung
Von Iris Hetscher
Die große Verwandlung

Patrick Balaraj Yogarajan inmitten des Schnees, der für seine Figur Wahab immer wieder zu Asche wird.

joerg landsberg

Wahab ist 19 Jahre alt und auf dem Weg ins Krankenhaus. Seine Mutter liegt im Sterben, das hat sein Bruder ihm am Telefon gesagt. Krebs im Endstadium. Nun steht Wahab an der Bushaltestelle, es pfeift ein eisiger Wind, und der Schnee weht ihm ins Gesicht. Schwarz sind die Schnipsel, die Patrick Balaraj Yogarajan auf der Bühne des Kleinen Hauses umwirbeln, schwarz wie die Ascheflocken, an die Wahab sich immer wieder erinnert. Die werden sich als Grund für seine emotionale Zerrissenheit entpuppen, für die „große Verwandlung“, nicht nur seiner Mutter.

„Im Herzen tickt eine Bombe“ heißt der autobiografisch gefärbte Monolog von Wajdi Mouawad, den Alize Zandwijk mit Patrick Balaraj Yogarajan inszeniert hat und der am Freitagabend am Theater Bremen seine deutsche Erstaufführung feierte. Fast genau ein Jahr, nachdem Zandwijk Mouawads Drama „Vögel“ über die Liebe eines Juden und einer Araberin im Angesicht eines Terroranschlags auf die Bühne brachte – als mit Abstand stärkste Inszenierung des Bremer Schauspiels der vergangenen, abgebrochenen Saison.

Auch „Im Herzen tickt eine Bombe“ ist ein, wenn auch kurzer, Abend, der einen packt und dann nicht mehr loslässt. Dem franko-libanesischen Autor gelingt es auch in diesem Monolog (Übersetzung: Uli Menke), im Schicksal eines Einzelnen messerscharf und zugleich mit großer Poesie einen politischen Konflikt zu spiegeln. Zandwijk und Balaraj Yogarajan setzen diese Vorgabe genauso messerscharf und poetisch um.

Schnee und Sicherheit

Wahab, das lässt der Name unschwer erkennen, stammt aus einem arabischen Land, das nicht näher beschrieben wird, vielleicht ist es der Libanon, die Heimat des Autors, aber die genaue Bezeichnung ist nicht entscheidend. Der 19-Jährige lebt schon seit einigen Jahren in Europa, wo es Sicherheit, Schnee und mitunter mitfühlende Busfahrer gibt. Doch er empfindet sich nach wie vor als „der Zwillingsbruder eines Bürgerkriegs, der meine Heimat verwüstet hat“, wie er sagt. Das Trauma von Terror und erfahrener Grausamkeit verschwindet nicht einfach mit einem Ortswechsel. Es verhindert als Blockademechanismus das vollständige Ankommen in der neuen Umgebung.

Patrick Balaraj Yogarajan lässt das Publikum an den Erinnerungen teilhaben, die Wahab auf dem Weg zu seiner todkranken Mutter und an ihrem Sterbebett überfallen. Da gibt es den 14-Jährigen, der seine Mutter auf einmal nicht mehr erkennt und entsetzt vor der „schlanken Frau mit den blonden Haaren“ ausbüxt. Und es gibt vor allem das siebenjährige Kind, das Zeuge wird, wie religiöse Fanatiker einen voll besetzten Bus in Brand stecken. Der Junge, der ihm gerade noch zugelächelt hat, wird verschlungen von einer „schwarzen Frau mit hölzernen Gliedern“, die Wahab bis in seine Träume verfolgt und ihm schließlich auch im Krankenhaus erscheint. Doch dieses Mal weiß er, wie er sich gegen sie wehren kann und stellt sich ihr.

Balaraj Yogarajan spielt das alles auf dem weißen Bühnenviereck in einer permanenten Atemlosigkeit, bedrängt und bedrückt. Ab und an brechen die verschütteten Gefühle Wahabs sich Bahn in wütenden Schimpftiraden oder in melancholischen und sogar komischen Momenten, wenn er sich an seine Fahrten auf dem Dreirad erinnert, hinein in die Fantasiewelten einer noch unbeschwerten Kindheit. Dann wird Yogarajans Gesicht ganz weich und leuchtet. Wenn er gegen die „schwarze Frau“ anredet, scheint er diese dagegen geradezu wegstarren zu wollen, unterstützt von einer umsichtigen Lichtregie (Joachim Grindel) gerät diese Szene zu einem Höhepunkt. Ein starkes Debüt des Neuzugangs, das ein paar nervöse Wackler nicht schmälern können.

Alize Zandwijk unterstützt seine Performance durch wenige, aber effektive Beigaben. Mal erklingt leise Akkordeonmusik (Oleg Fateev), mal füllt Thomas Rupert die Leinwand im Hintergrund mit hübsch-krakeligen Video-Animationen. Mehr braucht es nicht, um die Wirkung dieses 75-minütigen Monologs zu verstärken. Der vielleicht schönste Satz fällt zum Schluss: „Die Angst ist bezwungen, die Reise kann beginnen“. Dieses Mal stehen die Chancen gut, dass Wahab ankommt. Bei sich selbst und überhaupt. Viel Beifall, vor allem für Patrick Balaraj Yogarajan.

Weitere Informationen

Die nächsten Termine: 7., 11., 30. Oktober, 20 Uhr; 22. November, 20 Uhr; 20. Dezember, 15 Uhr. Spieldauer: 75 Minuten.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+