Interview zu Hospitz-Dossier

„Es ist unmöglich, dass so etwas einen kalt lässt“

Katharina Frohne hat Anfang 2018 eine Woche in dem Hospiz Brücke in Bremen-Walle verbracht und die an Krebs erkrankte Annegret Kutscha begleitet. Im Interview erzählt sie, wie es ihr in der Einrichtung und nach Erscheinen der Geschichte ergangenen ist.
05.09.2020, 06:36
Lesedauer: 5 Min
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Von Olga Gala
„Es ist unmöglich, dass so etwas einen kalt lässt“

Anfang 2018 begleitete die Journalistin Katharina Frohne die schwer erkrankte Annegret Kutscha.

Daniel Chatard

Für das Dossier „Am Ende“ haben Sie eine Woche lang in einem Hospiz verbracht und Annegret Kutscha begleitet. Wie kam es dazu?

Katharina Frohne: Ich hatte mich in meiner Masterarbeit mit der Frage beschäftigt, was es eigentlich bedeutet, „würdevoll zu sterben“. Man hört und liest das ja ständig – ohne dass jemals eine nähere Erläuterung folgt, was das eigentlich heißen soll. Damals habe ich auch mit einem Palliativmediziner gesprochen. Ich war beeindruckt davon, was Hospize leisten. Das war mir vorher gar nicht klar.

Wie ging es dann weiter?

Während meiner journalistischen Ausbildung hatte ich die Möglichkeit, ein größeres Projekt zu realisieren. Da war für mich sofort klar: Wenn es geht, möchte ich ein Hospiz besuchen. Es war allerdings gar nicht so einfach, einen geeigneten Gesprächspartner zu finden. Einen ersten Versuch habe ich abgebrochen, weil die schwerkranke Frau, die ich begleiten wollte, so starke Schmerzmittel nehmen musste, dass sie unkonzentriert war, teils auch verwirrt. Ich hätte sie nicht mit gutem Gewissen porträtieren können.

Wochen später haben Sie dann Annegret Kutscha getroffen.

Genau, der Fotograf Daniel Chatard und ich sind für ein Kennenlernen zu ihr gefahren. Sie war unglaublich cool und schlagfertig, und ich wusste sofort, wenn sie nicht mit mir reden wollen würde oder ich etwas frage, das sie nicht erzählen möchte, würde sie das niemals tun.

Annegret Kutscha war unheilbar erkrankt.

Annegret Kutscha war unheilbar erkrankt.

Foto: Daniel Chatard

Sie waren dann eine Woche lang jeden Tag da.

Genau, meistens so zwei bis drei Stunden. Nachmittags ging es ihr oft schlechter, dann haben wir sie allein gelassen. Daniel war an drei Tagen dabei. Frau Kutscha und ich haben uns zuerst kennengelernt und viel unterhalten. Wir haben über ihr Leben gesprochen, darüber, wie es ihr geht. Wenn man sich so oft sieht, geht man automatisch in die Tiefe. Sie hat mir intime Dinge anvertraut; davon habe ich mich sehr beschenkt gefühlt. Es hat mich gerührt, dass sie das alles mit mir geteilt hat.

Wie schwierig war es, aus diesen vielen Gesprächen einen Text zu machen?

Das Sortieren war tatsächlich die größte Herausforderung. Ich hatte mehr als zehn Stunden Tonaufnahmen, nur mit ihr. Und ich habe ja zusätzlich Gespräche mit dem Arzt, einem Seelsorger und anderen geführt. Zu entscheiden, was ich aufnehme und was ich weglasse, war schwierig. Letztendlich habe ich einen Tag aus dem Leben von Frau Kutscha beschrieben – und den Text mit Hintergrundinformationen aus unseren Gesprächen angereichert.

Kurz vor der Veröffentlichung Ihres Dossiers ist Frau Kutscha gestorben.

Ja, das hat mich getroffen. Ich hätte gern gewusst, wie es ihr gefällt. Besonders schön war es deshalb, dass Menschen, die sie kannten, mir geschrieben haben, dass ich ihr Wesen gut eingefangen habe. Das war für mich das schönste Kompliment.

Das Hospiz Brücke in Walle.

Das Hospiz Brücke in Walle.

Foto: Daniel Chatard

Wie sahen die Reaktionen sonst aus?

Ich habe sehr viele Nachrichten bekommen. Am Ende bestimmt 50 Mails und einige Briefe.

Was haben die Menschen Ihnen geschrieben?

Das Feedback war ausschließlich positiv. Das hatte ich so noch nie erlebt. Viele haben ihre persönlichen Geschichten geteilt und auch betont, dass sie es bewundernswert finden, wie offen Frau Kutscha mir gegenüber war. Das Thema bietet allen Menschen Anknüpfungspunkte. Mir haben ältere Menschen geschrieben, die ihren Partner an eine schwere Krankheit verloren haben, und junge Menschen, denen das Thema Tod vorher eher Angst gemacht hat.

Wie ging es Ihnen dabei?

Die Zeit war für mich geprägt aus einer Mischung aus einer gewissen Betroffenheit und diesen wahnsinnig tollen Rückmeldungen. Das war aufwühlend, klar. Ich bin den Leuten immer dankbar, wenn sie sich die Zeit für eine E-Mail oder einen Brief nehmen – und ich wusste es sehr zu schätzen, dass sie ihre Erfahrungen mit mir teilen. Einige haben auch philosophische Fragen aufgeworfen – nach dem Glauben an Gott, die Bedeutung von Gebeten. Ich habe allen geantwortet, das war ein schöner, auch für mich sehr bereichernder Austausch.

Haben Sie eine Nachricht besonders in Erinnerung behalten?

Die Schwester von Frau Kutscha hat mich angerufen und gesagt, dass sie das Dossier gern auf der Beerdigung verteilen würde. Sie sei sich sicher, dass es ihrer Schwester gefallen hätte. Das war sehr emotional. Ich bin dann mit einem Stapel Dossiers, die ich aus unserem Archiv hatte, zu ihr gefahren.

Für das Dossier „Am Ende“ haben Sie auch den Katholischen Medienpreis 2018 gewonnen.

Ja, das war das Sahnehäubchen. Ich hatte offen gesagt auch nicht damit gerechnet, weil das Thema Hospiz ja nicht neu ist. In der Jurybegründung hieß es, dass ich sehr nah dran war, „ohne voyeuristisch zu werden“. Das hat mich sehr gefreut, denn das war mir wichtig.

Eine Woche lang besuchte Katharina Frohne Annegret Kutscha jeden Tag im Hospiz.

Eine Woche lang besuchte Katharina Frohne Annegret Kutscha jeden Tag im Hospiz.

Foto: Daniel Chatard

Stichwort nah dran – in einer Szene beschreiben Sie, wie sich ein befreundetes Ehepaar von Annegret Kutscha zum letzten Mal verabschiedet.

Das war an dem Tag, an dem ich nur Beobachterin war. Dieses Paar kam spontan vorbei. Es waren Freunde aus Hessen, die für ein paar Tage in Bremen waren. Ich habe gefragt, ob ich rausgehen soll, aber Frau Kutscha meinte, das sei nicht nötig.

Was ist das für ein Gefühl eine solche Situation zu beobachten?

Ich war in erster Linie dankbar dass ich diesen Moment miterleben darf. Für mich als Journalistin war es toll, so nah dran sein zu können. Ich hatte aber auch einen Kloß im Hals. Sie standen da und in dem Moment haben all die Floskeln wie „bis später“ nicht gegriffen, weil es kein Später geben wird. Das sind natürlich tragische Momente, die man nicht als Journalistin bezeugt, sondern als Mensch.

Haben Sie Ihre Betroffenheit auch mal als Nachteil wahrgenommen?

Nein. Ich denke, es hat etwas Gutes, sich berühren lassen zu können. Gleichzeitig ist es wichtig, Distanz wahren zu können. Trotzdem ist das natürlich kein Thema, bei dem ich das Notizbuch zugeklappt und Feierabend gemacht habe. Ich hatte großen Gesprächsbedarf und habe mich mit Freunden und Kollegen über meine Erfahrungen unterhalten.

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Haben Sie aus Ihrer Arbeit an dem Dossier etwas für sich mitgenommen?

Frau Kutscha hatte eine wahnsinnige Begabung, den Moment zu genießen. Das ist hängen geblieben. Ich versuche, Schönes bewusster zu erleben, mehr Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Die Gespräche mit Frau Kutscha haben mir gezeigt: Was am Ende zählt, sind die Menschen, die man liebt.

Das Gespräch führte Olga Gala.

Info

Zur Person

Katharina Frohne

war bis 2018 Volontärin beim WESER-KURIER, danach Redakteurin für Kultur- und Wissensthemen. Zuvor studierte sie Literaturwissenschaft, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Seit September 2020 arbeitet sie als freie Journalistin.

Weitere Informationen

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Acht Dossiers aus der Tageszeitung erzählen fesselnde Geschichten, die zu Bremen gehören. Da geht es um den Reeder Niels Stolberg, wie er vom Star zum Sträfling wurde. Oder was Niels Högel zum Massenmörder machte. Drei Geschichten sind mit wichtigen Preisen ausgezeichnet worden, so auch der Hospizbesuch von Katharina Frohne. Sie erzählt hier exklusiv, wie es ihr in der Einrichtung und nach Erscheinen der Geschichte ergangenen ist. Bei allen Themen haben wir nachgefragt, was daraus geworden ist.

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