Urbane Performance Im Laufschritt Kunst

„Remote Bremen“ heißt ein spannendes Projekt der Theatertruppe Rimini Protokoll. Es spielt im öffentlichen Raum und macht eine künstliche Stimme zum Stadtführer. Die Premiere geriet verheißungsvoll.
22.10.2017, 13:37
Lesedauer: 3 Min
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Im Laufschritt Kunst
Von Hendrik Werner

Tatort: der stadtweit älteste Gottesacker: Friedhof Buntentor, angelegt 1822 sozusagen als Privatvergnügen, seit 1941 unter städtischer Obhut. Tatzeit: nachmittags. 50 Menschen sind bei herbstlicher, aber trockener Witterung zu einer unter freiem Himmel anberaumten Premiere des Theaters Bremen zusammengekommen: „Remote Bremen“ heißt die Produktion, die in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Künstlerhaus entstanden ist.

Im Titel echot sowohl eine Fernbedienung als auch das Vereinzelte, Abgelegene, ja Weltentrückte. Gegen ein Pfand, das nicht von ungefähr der Preisgabe ihrer Identität entspricht – ein Lichtbildausweis – werden die designierten Hörigen mit Kopfhörern samt Lautstärkeregler ausgestattet, um sich für die nächsten 100 Minuten durch Stimmen im Kopf einer faszinierenden wie unheimlichen Form der Fremdbestimmung, der Fernbedienung hinzugeben.

Künstlich und doch schmeichelnd

Im Rahmen eines gemeinschaftlichen Audiowalks, der ein ums andere Mal die leidlich fest gewähnten Grenzen zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen dem unumstößlich geglaubten Ich und den Anderen destabilisiert, ja erschüttert. Die Stimme im Ohr mutet künstlich und doch schmeichelnd an. Gegen Ende der Sätze, die sie weich intoniert, kippt sie leicht über.

Bisweilen unterläuft ihr ein kaum merklicher Aussprachefehler. Ob ihr zu trauen ist? Ihre von Zischen, Rauschen und anderen urbanen Lauten umflorten Einflüsterungen bestehen aus aufgeworfenen Fragen und konkreten Handlungsanweisungen. So insistent ist ihr Sprachgestus, so dicht sind ihre Wortmeldungen, so suggestiv die gestifteten Zusammenhänge, dass man sich beizeiten konzentrieren muss, um nicht den Anschluss an die, nun ja, Mitläufer zu verlieren. Trau, schau, wem.

Zunächst fordert Julia, wie sie sich bald im Zuge einer Duz-Attacke nennen wird, die Teilnehmer auf, sich einzeln an eine Grabstätte zu stellen. Fritz Brockmann (1896-1961), dessen Grabstein pittoresk verwittert ist, war die Gabe der frühen Geburt vergönnt; von Segen und Fluch künftiger Künstlicher Intelligenz ahnte er nichts; nicht mal ein Navigationsgerät gab es seinerzeit, schon gar nicht ein so subtil beeinflussendes wie Julia, deren Rhetorik Insinuation in Permanenz ist: „Stellen Sie sich Ihre eigene Asche vor. Was wird von Ihnen bleiben, wenn sich niemand an sie erinnert?“

Eine urbane Theatersystemgastronomie

Diese Stimme triggert. Diese Stimme findet immer einen Ansatzpunkt. Diese Stimme mutet manipulativ an. Diese Stimme stellt stets die richtigen Fragen. Diese Stimme biedert sich an. Diese Stimme fordert. Diese Stimme ist eine Zumutung. Diese Stimme beschert Glücksmomente. Diese Stimme lobt. Diese Stimme droht verhalten. Diese Stimme fordert Disziplin.

Diese Stimme erledigt das Konstrukt Schwarmintelligenz. Diese Stimme ebnet jede Unbestimmtheitsstelle. Diese Stimme geleitet die vereinzelten Glieder der Gruppe sicher über die Straße. Diese Stimme beansprucht die Führung: „Ich werde Euch eine Horde nennen.“

Mit dem Format „Remote X“ hat die Performancetruppe Rimini Protokoll eine urbane Theatersystemgastronomie entwickelt, die international exportfähig ist: Seit vier Jahren lassen Stefan Kaegi und Jörg Karrenbauer im Rahmen ortsspezifischer Audiotouren Freiluft-Flaneure Stimmen folgen, die (noch) nicht ganz von dieser Welt sind – von Berlin über Moskau bis Taipei. 40 Stadträume bislang. Nun also Bremen.

Spiel zwischen Abgrenzung und Teilhabe, Selbstoptimierung und Aufbegehren

Mit engagiertem Bodenpersonal (Farina Holle, Marita Landgraf, Doris Weinberger). Mit zig Überraschungen in Sachen Fremdwahrnehmung und Selbstinspektion. Mit dem verführerischen Menetekel (sic!) einer Hochzeit von Mensch und Maschine. Und mit einer Route, die den Stadtraum zum Abenteuerspielplatz macht: Werkstatt Martinshof (mit Gruppenbild im Spiegel); Rot-Kreuz-Krankenhaus (mit Mängelwesen, die es der Masse wieder zuzuführen gilt); die Strecke Leibnizplatz-Schüsselkorb erfolgt als Nahverkehrserfahrung; Innenstadt-Passagen dienen als Bühne einer Gruppenchoreografie, Passanten als Statisten; in Unser Lieben Frauen trägt sich ein Schisma zu (und ein neuer Führer meldet sich zu Wort); der Schnoor wird zur Rennstrecke; formidables Finale auf dem Dach der Kunsthalle (mit Wabernebel und Sonnenuntergang).

Diese Produktion, so seriell sie sein mag, ist ein Ereignis. Sie stiftet ein Spiel zwischen Abgrenzung und Teilhabe, Selbstoptimierung und Aufbegehren. So oder so: Niemand bleibt zurück. Würde Julia sagen.

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