20.- und 80-Jährige musizieren zusammen

Die Bremer Orchestergemeinschaft im Porträt

Vier Generationen, eine Leidenschaft: In der Bremer Orchestergemeinschaft, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, singen 20- und 80-Jährige zusammen. Ein Porträt.
26.07.2020, 05:00
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Die Bremer Orchestergemeinschaft im Porträt
Von Katharina Frohne
Die Bremer Orchestergemeinschaft im Porträt

Vier Generationen, eine Leidenschaft: Die Mitglieder der Bremer Orchestergemeinschaft spielen einmal pro Woche zusammen. Die ältesten Musiker sind über 80, die jüngsten um die 20.

Privat

Ihre Geige, sagt Dietlind Scheufler, sei "schon ganz verstimmt“ – „in doppelter Hinsicht“. Fünf Monate ist es her, dass sie und ihre Kollegen der Bremer Orchestergemeinschaft (BOG) zuletzt zusammen proben konnten. 35 Menschen in einem Raum, mehrere Stunden lang, zu Corona-Zeiten unmöglich. Fünf Monate ohne die üblichen Mittwochabende im Helene-Kaisen-Nachbarschaftshaus also, sechs Monate ohne Musik.

Scheufler macht natürlich einen Witz, wenn sie von ihrer verstimmten Geige spricht. Aber traurig macht es sie schon, so lange auf die gemeinsamen Proben verzichten zu müssen. Scheufler ist 77 Jahre alt, seit 35 Jahren ist sie Mitglied des in Gröpelingen übenden Laienensembles. Ein halbes Leben Orchester. „Der Mittwoch“, sagt Scheufler, „gehört der Musik.“ Und all dem anderen, das dazuzählt, wenn man ein Hobby teilt, eine Leidenschaft: den gemeinsamen Erinnerungen an vergangene Konzerte, den Fahrgemeinschaften in den Bremer Westen, den Plaudereien über dies und das.

20.000 Amateurorchester in Deutschland

Laienorchester nennen sich Orchester wie die BOG – in Abgrenzung zu Berufsorchestern, die in der Regel aus studierten Musikerinnen und Musikern bestehen. Etwa 130 dieser Profiorchester gibt es in Deutschland, darunter Theater-, Konzert- und Rundfunkorchester. Hinzu kommen nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände mehr als 20.000 Amateurformationen. Orchester also, deren Mitglieder kein Geld mit der Musik verdienen, die einzig aus Spaß dabei sind.

So wie Scheufler – auch wenn sie nicht ganz freiwillig zur Musik fand. In ihrem Elternhaus, erzählt sie, habe noch die Geige ihres Großvaters rumgelegen. „Heute würde man sagen, dass ich aus einem gutbürgerlichen Haushalt stamme“, sagt sie. „Da war selbstverständlich, dass wir Kinder ein Instrument erlernen. Und weil die Geige nun mal da war, hieß es: Du probierst das jetzt mal aus.“ Doch mit den ersten gelingenden Takten kam die Begeisterung. Scheufler spielte weiter, nahm Musikunterricht, trat während ihrer Ausbildung einem Orchester bei.

Dann kam das Leben dazwischen. Scheufler arbeitete als Lehrerin, bekam selbst Kinder, „da stand die Musik hintenan“. Erst, als ihr jüngeres Kind zwölf Jahre alt war, beschloss sie, die Geige wieder hervorzuholen. „Ich habe beim Bremer Lehrerorchester angefragt, ob ich mitmachen darf – und die haben mich eingeladen, ohne Vorspiel, einfach so. Setzen Sie sich mal hier hin, haben sie gesagt – und da sitze ich nun bis heute.“

Scheufler stieß damit zur BOG, bevor es sie überhaupt gab. Denn das Orchester fand erst in den 70er-Jahren zusammen: als Fusion des einzigen Lehrerorchesters der Stadt, des Orchesters der Volkshochschule und des bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Instrumentalvereins – dem ältesten Laienorchester Bremens. In dessen Satzung aus dem Jahr 1863 heißt es: „Zweck des Vereins ist die Pflege guter Musik in regelmäßigen Übungen und Aufführungen“.

Traum vom gemeinsamen musizieren

„Eigentlich hat sich also nichts geändert“, sagt Elisabeth Schaefer. Die 57-Jährige ist erste Vorsitzende des heute 35-köpfigen Orchesters, außerdem spielt sie Oboe. Für sie ist das gemeinsame Musikmachen ein kleiner wahr gewordener Traum: „Früher habe ich Beethoven-Sinfonien im Radio oder auf CD gehört – heute kann ich sie selbst spielen, das ist ein tolles Gefühl.“ Orchester, das sei für sie Mittendrinsitzen, die Musik überall um sich herum sehen, hören, fühlen. „Das Schönste“, sagt sie, „ist dabei zu sein, wenn wir von Probe zu Probe besser werden.“

Auch Schaefer musiziert seit frühester Kindheit, spielte Blockflöte, Klavier, dann Oboe. Zumindest, bis sie 16 war – „dann waren die Jungs plötzlich interessanter“. Erst 30 Jahre später fing sie an, noch mal Unterricht zu nehmen, 2011 fand sie zur BOG. Noch so ein Grund, im Orchester zu spielen, sagt Schaefer: „Sonst ist es vielleicht auch mal schwer, sich zum Üben zu motivieren – wenn man weiß, dass man einmal pro Woche zur Probe geht und einen neuen Part können muss, hat man immer einen Ansporn.

Der Bremer Instrumentalverein, gegründet 1863, bei einer Generalprobe im Jahr 1928. Dirigent war Burchard Bulling.

Der Bremer Instrumentalverein, gegründet 1863, bei einer Generalprobe im Jahr 1928. Dirigent war Burchard Bulling.

Foto: bog

„Wer zu uns kommt, kommt nicht, weil er muss – er kommt aus Liebe zur Musik“, sagt Juan María Solare. Vor sieben Jahren, im Sommer 2013, nahm der gebürtige Argentinier die Leitung der BOG. Eine Aufgabe, die er mit Anspruch ausfüllt, auch wenn er keine Profis vor sich hat. Anders als seine Mitstreiter ist Solare Berufsmusiker: Am Conservatorio Nacional de Música studierte er Dirigieren, außerdem Klavier und Komposition. Bevor Solare, heute 53, mit 26 Jahren nach Bremen kam, verdiente er sein Geld als Klavierlehrer, heute unterrichtet er unter anderem an verschiedenen Hochschulen und leitet das Bremer Orquesta No Tipica, eine Kammerspielgruppe, die sich dem Tango widmet.

Ein Orchester zu führen, sagt Solare, das habe vor allem „mit einem Gefühl für die Menschen“ zu tun. Die jüngsten Mitglieder der BOG sind um die 20, die ältesten über 80, einige spielen seit vielen Jahren, andere sind relativ neu dabei. Sie alle muss Solare zusammenbringen, die Besseren fordern, die weniger Sicheren fördern. Gemeinsam ein Stück einzuüben, das vergleicht er mit dem Zusammensetzen eines in alle Einzelteile zerlegten Spielzeugautos. „Jedes Instrument, jeder Streicher, jeder Bläser, trägt seinen Teil bei, und am Ende muss alles passen, damit es als Ganzes funktioniert.“ Dass das Spielzeugauto am Ende aussehe wie vorher, sei dabei im Übrigen nicht garantiert: „Jedes Orchester macht etwas ganz eigenes aus der Musik, die es spielt.“

Und meistens, sagt Dietlind Scheufler, funktioniere das erstaunlich gut: „Manchmal bin ich überrascht, wie toll die Konzerte gelingen – auch wenn in den Proben das eine oder andere noch nicht ganz perfekt war.“ Auch in diesem Jahr hätte die BOG ihr Können präsentieren wollen, an drei Terminen Mitte März. „Klassische Filmmusik“ hätte auf dem Programm gestanden, eine Premiere: Henry Mancinis „The Pink Panther“, Nacio Herb Browns „Singin‘ in the Rain“ oder Mozarts „Sinfonie Nr. 25 g-Moll, Allegro con brio“, bekannt aus dem 1984 erschienenen Film „Amadeus“.

Konzerte durch Corona verhindert

Leider wurde nichts aus den drei Konzerten, nur die Generalprobe am 11. März konnte noch stattfinden, dann kam Corona. Ein Umstand, der die beiden Musikerinnen und ihren Dirigenten bis heute ärgert. „Klar, unter diesen Bedingungen ging es nicht“, sagt Schaefer. Trotzdem sei die Absage nach vielen Monaten allwöchentlicher Proben enttäuschend gewesen. „Es ist nicht so, dass wir nur auf die Konzerte hinarbeiten, vor allem geht es uns um das regelmäßige gemeinsame Spielen – trotzdem sind sie natürlich immer das Ziel, das man vor Augen hat.“

Jedes Jahr spielt das Orchester ein Konzert mit zuletzt meist drei Aufführungen. Im vergangenen Jahr gab es unter anderem Georges Bizets „Carmen Suite No. 1“ zum Besten, außerdem Tomaso Albinonis „Oboenkonzert in d-Moll“ – mit Schaefer als Solistin.

Wann das nächste Konzert ansteht? Das ist derzeit noch unklar. Noch immer hat das Orchester seine Proben nicht wieder aufnehmen können – weil das Helene-Kaisen-Nachbarschaftshaus weiterhin geschlossen ist. „Wir hoffen darauf, dass es im September weitergehen kann“, sagt Solare. Das Filmmusikkonzert wolle er nachholen, vielleicht im November. „Das müssen wir wohl spontan entscheiden“, sagt Schaefer, „je nachdem, was angesichts der aktuellen Situation möglich ist.“

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Was ist möglich? Trotz Corona, trotz Abstand? Diese Frage hat die Orchestermitglieder schon in den vergangenen Monaten beschäftigt. Heraus kam ein Video, das Solare aus den Beiträgen seiner Musiker erstellt hat: Etwa die Hälfte von ihnen hatte der Idee zugestimmt, zu Hause einen Part einzuspielen und sich dabei aufzunehmen, am Computer bastelte Solare aus vielen Einzelsequenzen ein Musikstück. Der Kanon „Dona nobis pacem“ als digitales Orchesterprojekt.

Er habe gelernt in dieser Zeit, sagt Solare und lacht. Erstens: wie man ein Video schneidet. Zweitens: dass ein Orchester mehr ist als die Summe seiner Teile. „Jeder saß allein mit seinen Noten zu Hause, jeder hatte nur sich.“ Atempausen zwischen zwei Takten fielen so immer unterschiedlich lang aus, winzige Unterschiede im Tempo führten zu feinen Ungenauigkeiten. Solare ist sicher: „Hätten wir das Stück zusammen gespielt, hätten sich alle Musiker an den anderen orientiert, wären viele Schwierigkeiten gar nicht erst aufgetreten.“ In anderen Worten: Die Musiker brauchen nicht nur ihn, sie brauchen auch einander. Und erst zusammen sind sie richtig gut.

Immer auf Mitgliedersuche

Ob sie den Corona-Kanon mit der Öffentlichkeit teilen werden, wissen Schaefer, Scheufler und Solare noch nicht. „Wer Interesse hat, darf sehr gern in den kommenden Tagen auf unserer Internetseite vorbeigucken“, sagt Elisabeth Schaefer. Die kann im Übrigen auch besuchen, wer selbst darüber nachdenkt, sich der BOG anzuschließen. „Wir suchen immer neue Mitglieder“, sagt Dietlind Scheufler. Derzeit vor allem Streicher, Blechbläser und einen zweiten Bass.

Scheufler kann nur empfehlen, als Musiker einem Orchester beizutreten, ganz egal in welchem Alter. „Wir sind alle nicht perfekt“, sagt sie, „wir werden zusammen besser.“ Das, findet sie, ist vielleicht der schönste Nebeneffekt des gemeinsamen Musikmachens: immer wieder Neues lernen zu dürfen, einmal in der Woche. Und wenn man möchte: ein Leben lang.

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