Verschwörungstheorien haben Konjunktur

Im Zeichenwahn

Beyoncé ist mit den Illuminaten im Bunde, Bielefeld gibt es gar nicht: Warum Populismus und Digitalisierung der epidemischen Ausbreitung von konspirativen Konstrukten zuarbeiten.
29.06.2018, 16:18
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Im Zeichenwahn
Von Hendrik Werner
Im Zeichenwahn

Nichts ist, wie es scheint: Das Siegel der Illuminaten, das auf der Rückseite der Ein-Dollar-Banknote prangt, bildet eine 13-stufige Pyramide, deren Spitze ein allsehendes Auge bildet, das von einer Aureole illuminiert wird. Unser Bild zeigt einen sogenannten Illuminati-Ball in New York samt subalterner "Pig King"-Maskerade.

Mark Shelby Perry

Sie sind mitten unter uns. Immer und überall. Niemand kann behaupten, von nichts gewusst zu haben. Denn sie überwachen alles – und streuen ihre Zeichen überdeutlich. Tatort: Mercedes-Benz Superdome in New Orleans (Louisiana). Tatzeit: 3. Februar 2013. In der Super-Bowl-Halbzeitshow tritt die Sängerin Beyoncé Knowles auf, später für eine Wiedervereinigung auf Zeit flankiert von ihren Ex-Destiny’s-Child-Kolleginnen Kelly Rowland und Michelle Williams. Wieder und wieder bildet sie mit ihren auffällig expressiven Händen ein Pyramidenzeichen. Zweifelsohne Illuminatenpropaganda.

Umso mehr, als kurz nach ihren Fingerzeigen im Stadion ein Teil der Flutlichter ausfällt. Übersinnliche Kräfte – was sonst? Schließlich sind die Illuminaten mit dem Teufel im Bunde (vgl. Dan Brown). Apropos konspirative Gesten: Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel seit Jahr und Tag durch die – vermeintliche – Marotte auffällt, mit ihren Händen ein Rautenzeichen zu formen, ist nicht etwa eine Hommage an Werder Bremen, sondern bezeugt ebenfalls eine enge Beziehung zu einem numinosen Bund.

Wie die Mächtigen ja bekanntlich überhaupt innige Verbandelungen mit Kräften pflegen, die nicht (oder zumindest nicht ganz) von dieser Welt sind: Beispielsweise der vormalige US-Präsident Barack Obama, der – wie bereits sein Vorgänger George W. Bush – zu einer extraterrestrischen Elite zählt, genauer: einer intelligenten Reptilienkaste, die sich aus der negativen Energie der Erdlinge speist. Oder Mesut Özil, dessen böser Morbus-Basedow-Blick in Tateinheit mit dem Erdogan-Foto naturgemäß zum Vorrunden-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft führte.

Bielefeld, eine Erfindung

Sonst noch was? Ach ja: Es war – selbstredend – die CIA, die John F. Kennedy meucheln ließ. Paul McCartney wurde im Jahr 1966 nach einem tödlichen Autounfall durch einen Doppelgänger ersetzt. Die – angebliche – Mondlandung haben die USA inszeniert, 9/11 selbstverständlich auch. Bill Gates ist ein Klon von Pablo Escobar. Bielefeld ist eine Erfindung des Systemtheoretikers Niklas Luhmann, Delmenhorst eine des Sängers Sven Regener.

Die Krebserkrankung des venezolanischen Diktators Hugo Chávez, nach dessen Überzeugung das verheerende Erdbeben auf Haiti im Jahr 2010 durch eine US-Bombe ausgelöst wurde, geht auf Machinationen interessierter Kreise zurück. Bei der anhängigen Ukraine-Krise zieht die Nato die Strippen. Die hiesige Grippewelle im März wiederum verantworten zweifelsohne die willfährigen Lakaien einer Neuen Weltordnung, die ihre Untertanen durch Impfungen gefügig macht.

Wer wissen will, wie es hierzulande wirklich zur Flüchtlingskrise gekommen ist, lese die die verwegenen Gedankenwindungen der AfD-Politikerin Alice Weidel nach. Es kann in diesem Zusammenhang unmöglich ein Zufall sein, dass die gleichfalls mit xenophoben Äußerungen aufgefallene Moderatorin Eva Herman exakt 42 Jahre alt war, als das Millennium anbrach. Nicht zu vergessen sind in diesem globalen Verblendungszusammenhang die Juden, die auch nach dem – nicht bewiesenen – Tod von Mayer Amschel Rothschild heiter weiter mit dem internationalen Finanzkapital jonglieren; ganz zu schweigen vom Mossad, der die von Adolf Hitler in Marsch gesetzten UFOs – aber wir ufern aus.

Xavier Naidoo lässt sich von Verschwörungstheorien inspirieren

Dass konspirative Konstrukte Konjunktur haben – und mögen sie noch so abstrus anmuten ­–, liegt nach Auffassung des Tübinger Literaturwissenschaftlers Michael Butter, der unlängst die äußerst spannende und zudem als Standardwerk prädestinierte Studie „Nichts ist, wie es scheint“ (Suhrkamp, Berlin. 272 Seiten, 18 €) veröffentlicht hat, vor allem an zwei Faktoren: an populistischen Gruppierungen, denen er eine hohe Affinität zu Komplotten nachsagt – und am Internet, diesem Biotop von Spinnern und Phantasten jedweder Provenienz.

Zu dessen zuletzt vielbeachteten und entsprechend beargwöhnten Bewohnern zählen auch jene in weltanschaulicher Hinsicht anachronistisch gestimmten Zeitgenossen, die sich Reichsbürger nennen. Allein in unserer vergleichsweise kleinen Stadt leben laut jüngst veröffentlichtem Verfassungsschutzbericht 120 Vertreter dieser Spezies, die Deutschland nicht als souveränen Rechtsstaat anerkennt und stattdessen über eine „BRD GmbH" schwadroniert und von der andauernden Besetzung des fortwährenden Deutschen Reiches durch die Alliierten ausgeht. Von einer Fernsteuerung der deutschen Regierung durch den US-Geheimdienst NSA sowieso.

Apropos: Der Sänger Xavier Naidoo, in dessen Vornamen nicht von ungefähr ein Erlöser und Heilsbringer (Saviour) echot, lässt sich ausweislich seiner Texte von etlichen Verschwörungstheorien inspirieren. Der nach eigenen Aussagen sporadisch exzessive Kiffer hat in den vergangenen Jahren gleich in Serie konspirative krause Flausen produziert: mit Wortmeldungen und Songs, die abwechselnd als antisemitisch und antiamerikanisch, homophob und nationalistisch lesbar sind. Überhaupt hat der selbsternannte Agent des Herrn lange vor seinem Auftritt bei der revisionistischen Reichsbürgerbewegung (2014) beachtliche Positionen in Sachen Vaterland bezogen.

In Interviews äußerte er wiederholt, Deutschland sei ein besetztes Land. Seine alttestamentarisch verblasene Lyrik, die ihm den Vorwurf eintrug, christlicher Fundamentalist zu sein, strotzt vor Passagen, in denen er ein imaginäres Kollektiv auf finale Kämpfe einschwört. Dieser Befund gilt forciert für sein missionarisches Album „Telegramm für X“ (2005): In Liedern wie „Bist du am Leben interessiert“ und „Was wir alleine nicht schaffen“ scheint – zwar argumentativ wirr, aber eminent pathosdrall – eine Volksgemeinschaft als künftiges historisches Subjekt auf, die sich durch eine Kette erlittener Demütigungen legitimiert – und zur Machtübernahme strebt.

Derzeit setzt sich der verblasene Verschwörer juristisch gegen Antisemitismus-Vorwürfe durch die Amadeu-Antonio-Stiftung zur Wehr. Das Landgericht Regensburg verhandelt seit Dienstag eine Unterlassungsklage des 46-Jährigen, der sich – was zwar keiner Konfession, wohl aber einer Konzession nahekommt – zunächst auf die Freiheit der Kunst berief und überdies betonte, er setze sich gegen Rassismus ein. Entsprechend wies er im Gerichtssaal den Vorwurf antisemitischer Ressentiments zurück, den eine Stiftungsreferentin 2017 geäußert hatte ("Er ist Antisemit, das ist strukturell nachweisbar"). Das Urteil soll am 17. Juli fallen.

Antisemitische Codes, Chiffren und Stereotypen sind besonders manifest in „Marionetten“, einem Song des Albums „MannHeim“ (2017). „Muslime tragen den neuen Judenstern“, heißt es darauf. Auch eine pau­schale Grußadresse an deutsche Politiker beinhaltet der von angeblicher Kabale und bla umschauerte Liedtext: „Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter, / Teile eures Volks nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter.“

23, eine konspirative Ziffer

Wer allenthalben Verschwörung wittert, fällt eher früher als später einer psychischen Störung namens Verfolgungswahn anheim. In einer Welt, in der Zeichen nachgerade zwanghaft auf andere verweisen. Gerade so im Fall des Karl Koch, einem dem Chaos Computer Club nahestehenden Hacker, der – unter anderem – manisch auf eine Ziffer fixiert ist, wie Hans Christian Schmids Film „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998) auf beklemmende Weise vorführt. Ein Werk, das insofern nach wahren Begebenheiten entstanden ist, als es vom KGB-Hack erzählt, einer Reihe von Cyberattacken auf westliche Computersysteme in den Jahren 1985 bis 1989.

Butters Buch, genauer gesagt: dessen Titel „Nichts ist, wie es scheint“ formuliert eine Hommage an den komplexen Thriller mit August Diehl in der Hauptrolle. Kann es in diesem Kontext ein Zufall sein, dass die US-Hackerserie „Mr. Robot“ (seit 2015), die der Regisseur Felix Rothenhäusler 2017 genüsslich am Theater Bremen zerlegte, mit den nämlichen Affekten und Themen spielt. Dass paranoide und fantasiebegabte Ränkeschmiede gegenwärtig eine derart produktive Zeit haben, ist als Krisensymptom lesbar, das sich zu gleichen Teilen aus Realpolitikverdruss und mangelnder Medienkompetenz speist. Nicht von ungefähr fußt der Siegeszug populistischer Bewegungen – von Italien über Ungarn und die USA (bis nach Österreich und Bayern) – auch auf einem Kreuzzug gegen bewährte Formen der Meinungsbildung.

Wer aber herkömmliche Medien meidet oder/und verunglimpft – Schlagwort „Lügenpresse“ – und sich seine vermeintlichen Wahrheiten ausnahmslos aus dem Netz zusammenschustert (in dem prinzipiell alles und nichts belegbar ist), läuft Gefahr, auf den Status jener selbstverschuldeten Unmündigkeit zu regredieren, die der Philosoph Immanuel Kant für die Phase vor der Aufklärung veranschlagt. An die Stelle von Fakten treten fadenscheinig legitimierte Fiktionen, probate Projektionen und verkürzte Schlüsse in Tateinheit mit einer intellektuellen Komplexitätsreduktion und einer Wiederverzauberung der Welt, für die eine Rückkehr zu einem mythisch grundierten Denken einsteht. Das alles klingt nicht nur gefährlich. Es ist gefährlich. Dem absurden und darum heiteren Kern jeder Verschwörungstheorie zum Trotz. Hatten wir schon erwähnt, dass das Universum und all unsere Erinnerungen erst am vergangenen Donnerstag geschaffen worden sind?

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