„Imagine“: John-Lennon-Liederabend am Theater Gemeinsam träumen

Mit dem John-Lennon-Liederabend „Imagine“ hat Yoel Gamzou, Generalmusikdirektor am Theater Bremen, einem seiner Idole ein Denkmal gesetzt. Nun feierte „Imagine“ Premiere und sorgte für Gänsehautmomente.
19.10.2020, 05:00
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Gemeinsam träumen
Von Alexandra Knief

Er träumte von einer Welt in Frieden. Einer Welt ohne Grenzen, ohne Leid, in der alle Menschen gleich sind. Die Botschaft, dass all dies möglich sei, wenn man nur fest daran glaube und selbst seinen Beitrag dazu leiste, teilten John Lennon und seine Frau Yoko Ono durch Musik, Kunstaktionen und in zahlreichen Interviews mit der Welt. Bis Lennons Leben am 8. Dezember 1980 durch fünf Kugeln beendet wurde. Er wurde 40 Jahre alt.

Am 9. Oktober hätte der Ausnahmemusiker seinen 80. Geburtstag gefeiert. Mit dem John-Lennon-Liederabend „Imagine“, der am Sonnabend seine Premiere hatte, verbeugt sich das Theater Bremen vor dem Ex-Beatle und seinem Schaffen. Für den Abend verantwortlich zeichnen Generalmusikdirektor Yoel Gamzou – selbst bekennender Lennon-Fan – und der freischaffende Regisseur, Schauspieler und Choreograf Tom Ryser, der gemeinsam mit Gamzou 2018 bereits das David-Bowie-Musical „Lazarus“ auf die Bühne des Bremer Theaters brachte. Gamzou hat für „Imagine“ eine große Auswahl an Lennon-Songs selbst neu orchestriert und arrangiert. Präsentiert werden sie – aufgrund von Corona-Abstandsregeln nicht im Orchestergraben, sondern direkt auf der Bühne – von den Bremer Philharmonikern gemeinsam mit einer Band um Andy Einhorn.

Für den Gesang sorgen neben dem großartigen Chor des Theaters (Leitung: Alice Meregaglia) ein aus Schauspiel und Musiktheater gemischtes Ensemble, bestehend aus den Schauspielern Annemaaike Bakker und Martin Baum, den Sängern Christoph Heinrich und Marysol Schalit sowie Gastsänger Bernd Hölscher. Sie alle sind gekleidet in einem Lennon-typischen hellen Anzug (Kostüm: Stefan Rieckhoff) und verbinden die einzelnen musikalischen Beiträge durch Zitate aus unterschiedlichen Interviews, die Lennon und Ono in den letzten Monaten vor Lennons Ermordung gegeben haben. Mal sprechen sie alle gemeinsam, mal werfen sie sich die Aussagen zu wie Bälle.

Aneinanderreihung von Höhepunkten

Es geht um die guten sowie die weniger guten Momente aus der Zeit mit den Beatles, um Lennons Rolle in der Öffentlichkeit, seine innere Zerrissenheit, um seine Liebe zu Yoko Ono, um ganz alltägliche Dinge (Dramaturgie: Brigitte Heusinger). Dabei präsentiert das Ensemble mal einen selbstbewussten oder wütenden Lennon, ebenso wie einen optimistisch-glücklichen aber auch einen gebrochenen, gekränkten und höchst sentimentalen Musiker.

Herausgekommen ist eine Hommage an eine große Künstlerpersönlichkeit mit insgesamt 20 neu arrangierten Songs, fast ausschließlich aus der Zeit nach der Trennung der Beatles, die im Theater Bremen mal mit, mal ohne Beteiligung des Orchesters präsentiert werden.

Aber wie beschreibt man in nur wenigen Zeilen einen Abend, der aus einer Aneinanderreihung von Höhepunkten besteht? Es bleibt nichts weiter übrig, als sich einige davon herauszupicken. Da wäre zum einen eine durchweg überzeugende und zum Ende des Abends selbst sichtlich gerührte Annemaaike Bakker und ihre jazzig-soulige, fröhliche Version von „Watching the Wheels“, einem Song, der von einem Leben erzählt, in dem jeder Außenstehende meint, über dich und deine Gefühlswelt Bescheid zu wissen und dir Ratschläge geben zu müssen – ob du sie hören willst oder nicht. Bakker genießt jede Zeile des Liedes, geht voll darin auf. Ein euphorischer Moment, der durch zahlreiche leuchtende Lampions, die langsam von der Decke hinuntergelassen werden und auch während des restlichen Abends mit stimmungsvollen Farbwechseln das Bühnenbild prägen (Ausstattung: Stefan Rieckhoff; Licht: Christian Kemmetmüller), noch an Ausdruck gewinnt.

Da wäre zudem Christoph Heinrichs emotionale Interpretation von „Nobody Loves You“, bei der er sich erst nur selbst auf der Gitarre begleitet, dann von Trompete und Klavier und schließlich mit großem orchestralem Knall von allen Musikern unterstützt wird. Oder auch Bernd Hölschers mit rauchiger Stimme, viel Wut und Verzweiflung vorgetragenes, am Ende fast geschrienes und durch ein vibrierendes Gitarren-Solo untermaltes „Gimme Some Truth“.

Vergessen werden darf auch nicht Martin Baums mit viel Verletzlichkeit und Verzweiflung vorgetragenes „Jealous Guy“, vom Orchester eingangs nur durch sanfte, fast schon andächtige Klänge, später dann kraftvoll begleitet.

Sopranistin Marysol Schalit kann im einzigen im Original von Yoko Ono gesungenen Titel „Yes I’m your Angel“ noch einmal ihre ganze Stimmgewalt unter Beweis stellen. Und natürlich darf auch der Titel nicht fehlen, der dem Abend seinen Namen gibt. Hierfür setzt Yoel Gamzou sich schließlich selbst an den – schwarzen, nicht weißen – Flügel.

Mit „Imagine“ schenkt das Theater Bremen seinem Publikum rund 105 Minuten in einer Traumblase voller Gänsehautmomente. Einen sentimentalen und unglaublich berührenden Abend mit überwältigenden Klängen, an dessen Ende ein Gefühl irgendwo zwischen Hoffnung und Schwermut übrig bleibt.

Weitere Informationen

Die kommenden Termine: 22. und 23. Oktober sowie 20., 26. und 27. November sind bereits ausverkauft. Eventuell gibt es Restkarten an der Abendkasse. Weitere Infos online unter www.theaterbremen.de.

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