Dokumentarfilm „Möglichst freiwillig“

In der Dauermigration

Sicheres Herkunftsland, freiwillige Ausreise: Zwei Begriffe, die positiver klingen, als sie sind. Im Dokumentarfilm „Möglichst freiwillig“ zeigt die Bremer Journalistin Allegra Schneider, wieso.
20.11.2018, 18:42
Lesedauer: 2 Min
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Von Niklas Golitschek

Zijush möchte Kind sein: zur Schule gehen, seine Freunde treffen. Doch seine Familie muss zurück nach Mazedonien, das vermeintlich sichere Herkunftsland seiner Eltern. Zijushs Geschichte hält die Bremer Journalistin Allegra Schneider im Dokumentarfilm „Möglichst freiwillig“ fest.

Offiziell verließ die Familie Bremerhaven freiwillig und reiste aus Deutschland aus. Die Version von Vater Djevat klingt jedoch anders. Mit dieser Entscheidung sei die Familie nur der drohenden Abschiebung zuvorgekommen. Gehen oder gegangen werden — das seien die Optionen gewesen. Und nachts von der Polizei aus der Wohnung geholt und abgeschoben zu werden, das habe er seinen Kindern ersparen wollen. Denn das habe er in seiner Jugend selbst erlebt.

Weil Zijush Wochen nach der Ankunft in der mazedonischen Hauptstadt Skopje immer noch keine Schule besuchen darf, entscheiden sich seine einstigen Klassenkameraden zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie holen ihn per Videoschalte mit dem Smartphone ins Schulzimmer nach Bremerhaven zurück. In den Ferien reist Lehrerin Christine Carstens dann selbst nach Mazedonien, um ihren Schüler zu besuchen.

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Im Gespräch erzählt die Familie von den Problemen, denen sie in dem Land ausgesetzt ist. Denn als Roma gehört sie einer Minderheit an. Es geht um Alltagsrassismus und Stereotype, die auch vor den Kindern nicht Halt machen. Um ein Bild des Ausmaßes zu zeichnen, spricht Regisseurin Allegra Schneider in Skopje mit weiteren Betroffenen. Die stärksten Zitate blendet sie in die Bewegtbilder ein.

Sie selbst recherchiert seit mehreren Jahren mit einer Gruppe von Ärzten, Anwälten und Aktivisten über die Situation von Roma in Serbien, Kosovo und Mazedonien. Die Aufnahmen sind zwar nicht immer gestochen scharf, manchmal etwas verwackelt – doch Schneider vermittelt ein umfassendes Bild mit ihrem Dokumentarfilm. „Man muss den Betroffenen von Rassismus zuhören“, sagt sie im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Die aktuelle Migrationspolitik zerstöre viel, die Unwissenheit über Minderheiten sei extrem.

Ein Leben in "absoluter Respektlosigkeit"

Diskriminierung und willkürliche Polizeigewalt gegenüber Roma seien in diesen Ländern allgegenwärtig. Von einem Leben in „absoluter Rechtlosigkeit“ spricht Schneider, die hauptberuflich als Mediengestalterin in Bremen arbeitet. Erst in dieser Woche habe sie mit einer Familie im Kosovo gesprochen, die aus Niedersachsen abgeschoben wurde. Obwohl die Frau krank sei, lebe die Familie nun in „der letzten Bruchbude, die Menschen haben kein Strom und Wasser und keinen Arzt“, erzählt Schneider, die noch bis diesen Mittwoch im Kosovo recherchiert. Versprechungen, etwa über die medizinische Betreuung, erwiesen sich im Nachhinein oft als leere. Die Länder seien für Roma alles andere sicher, so ihr Fazit.

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Auch Zijush macht die Erfahrung, dass er und seine Familie in Mazedonien nicht willkommen sind. Als er später die Schule besuchte, wurde er auf dem Heimweg angegriffen, erzählt er in Schneiders Film. Weil sich die Familie von der Regierung nicht beschützt fühlte, ist sie nun erneut nach Bremerhaven gekommen – vorerst. Über den Aufenthalt ist noch nicht abschließend entschieden. Dieses permanente Hin und Her bezeichnet Schneider als Dauermigration. Zijush und seine Familie seien dabei kein Einzelfall. „Das ist ein Massenphänomen, dieser Zustand muss sich ändern“, fordert Schneider im Gespräch. Mit ihrem gesammelten Material, das sie vorwiegend für politische Bildungsarbeit nutze, könne sie sofort noch drei weitere, ähnliche Filme schneiden, sagt sie.

Weitere Informationen

Der Film „Möglichst freiwillig“ läuft am Donnerstag, 22. November, um 18 Uhr im City 46. Im Anschluss an die Vorführung gibt es eine Gesprächsrunde mit den Filmemachern und den Protagonisten.

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