Neu im Kino: „Ein Hologramm für den König“ erzählt viel, nichts davon allerdings richtig In die Wüste geschickt

Bremen. Einst war Alan Clay im Vorstand einer Fabrik, die verchromte Fahrräder hergestellt hat. Das ist lange her – erst hat er dafür gesorgt, dass die Produktion nach China ausgelagert wurde, dann haben die Chinesen die Fahrräder einfach selbst gebaut und Clay war seinen Job los.
28.04.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Bremen. Einst war Alan Clay im Vorstand einer Fabrik, die verchromte Fahrräder hergestellt hat. Das ist lange her – erst hat er dafür gesorgt, dass die Produktion nach China ausgelagert wurde, dann haben die Chinesen die Fahrräder einfach selbst gebaut und Clay war seinen Job los. Nun will er wieder Fuß fassen, und zwar auf gleich zwei neuen Feldern. Saudi-Arabien ist terra ingocnita für den US-Amerikaner, ebenso allerdings sein Job in der New Economy. Dem König soll er ein holografisches Telefonkonferenzsystem verkaufen – doch der lässt sich einfach nicht blicken, als Clay eigens deshalb nach Dschidda reist.

Mit „Ein Hologramm für den König“ hat sich der deutsche Regisseur Tom Tykwer einen Roman von Dave Eggers vorgeknöpft, der spätestens seit seiner scharfsinnigen Dystopie „The Circle“ auch in Deutschland ein Begriff ist. In Bremen erinnert man sich zudem noch gut daran, dass Eggers 2012 der Verleihung des Albatros-Literaturpreises der Günter-Grass-Stiftung (für „Zeitoun“) an ihn ferngeblieben ist. Als Grund nannte der Autor ein israelkritisches Gedicht des Literaturnobelpreisträgers. Die Verfilmung von „Ein Hologramm für den König“ dürfte Eggers auch nicht wirklich behagen, denn der Streifen ist weitgehend misslungen.

Das liegt zum einen daran, dass Tykwer die Hauptrolle mit Tom Hanks besetzt hat, der seinem verunsicherten Charakter zu keinem Zeitpunkt auch nur den Anflug von Tiefe verleihen kann. Hanks gerät zu Beginn in eine ähnliche Situation wie weiland Bill Murray in Sophia Coppolas „Lost in Translation“. Es ist heiß, er versteht die Sprache nicht, und natürlich ist auch die Mentalität eine andere. Zeit ist ein sehr relativer Begriff im Wüstenstaat, sie scheint so unbegrenzt zur Verfügung zu stehen wie Sand. Alan Clay schlägt sich zudem mit einer nicht verdauten Scheidung, dem komplizierten Verhältnis zu seiner Tochter und seinem Vater herum, und dann ist da noch diese seltsame Beule auf seinem Rücken. Ein Mann in der Krise, vor ihm die unglaubliche Leere der Wüste, die ihm die Chance bietet, sein eigenes Leben zumindest zu überdenken – wer will schon als Hologramm enden?

Doch diese Chance vergibt der Hauptdarsteller, weil der Regisseur sie ihm nicht gönnt. Tykwer kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte er eigentlich erzählen will und jagt Hanks von einem Fragment zum nächsten. Da gibt es den charmanten Fahrer Jussef (Alexander Black), mit dem sich eine Art „Ziemlich-beste-Freunde“-Beziehung anbahnt. Dann ist da noch eine Dänin (die wunderbare Sidse Babett Knudsen aus „Borgen“), mit der Clay herumtändelt, mit einer einheimischen Ärztin (Sarita Choudhoury aus „Homeland“) bändelt er an. Hier gibt es etwas Midlife-Crisis, dort Culture Clash, manchmal blitzt ein ganz klein wenig Kritik an den politischen Umständen in Saudi-Arabien auf, einem autokratischen Unrechtsstaat, der als etwas verschrobene 1001-Nacht-Idylle daherkommt. Das allein ist schon ärgerlich an dem Film. Warum Tykwer aus der existentiell gepolten Geschichte von Eggers zunehmend Drama rausnimmt und das Ganze in eine flache Feelgood-Komödie abgleiten lässt, erschließt sich nicht.

Vielleicht wird von dem Film von daher nicht mehr im Gedächnis hängen bleiben der Umstand, dass der Kinozuschauer zum letzten Mal Arne Elsholtz im Kino hört. Die deutsche Stimme von Tom Hanks, aber auch von Kevin Kline und Bill Murray, ist am Dienstag im Alter von 71 Jahren gestorben.

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