Uraufführung am Theater Bremen

In Schreddergewittern

Jugendgerecht und verstörend: Nurkan Erpulat zeigt im Kleinen Haus das NSU-Drama „Aus dem Nichts“ nach dem Kinofilm von Fatih Akin und in einer Textversion von Armin Petras.
15.02.2019, 16:15
Lesedauer: 4 Min
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In Schreddergewittern
Von Hendrik Werner
In Schreddergewittern

Furchtbare Juristen, gedemütigte Opfer, geduldiges Papier: Fabian Eyer, Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt (von links).

JÖRG LANDSBERG

Bremen. Ein brisantes Thema, spektakuläre Effekte, ein glänzend aufgelegtes Ensemble – und entsprechend viel Schauwert. Diese Vorzüge vereint Nurkan Erpulats Inszenierung des NSU-Dramas „Aus dem Nichts“ am Kleinen Haus des Theaters Bremen. Die zugleich spannende und bestürzende Produktion – eine Uraufführung, die sich einer Kooperation der Schauspielsparte mit dem Moks verdankt – fußt auf einer bündigen und doch gehaltvollen Textfassung, die Hausregisseur Armin Petras aus dem gleichnamigen Spielfilm von Fatih Akin aus dem Jahr 2017 geschält hat.

Es geht um Katja, die ihren deutsch-türkischen Mann und das gemeinsame Kind durch ein politisch motiviertes Attentat verliert. Katja, die von den deutschen Ermittlungsbehörden behandelt wird wie eine Täterin. Katja, die nach einem Freispruch für die rechtsextremistischen Täter keinen anderen Weg mehr sieht als Selbstjustiz.

Als geeignet für ein Publikum ab 14 Jahren flaggt das Theater diesen harten Stoff aus. Recht so. Denn jene individuell grundierte „Chronologie des Schmerzes, des Verlusts“, als die Moks-Dramaturgin Sabrina Bohl „Aus dem Nichts“ bezeichnet, kommt im Verbund mit einem ebenso skandalösen wie lehrstückhaften Staatsversagen sozusagen auf der Bühne zur nachträglichen Anzeige. Drastischer und plastischer dürfte dieses arge wie absurde Kapitel Zeitgeschichte einem jugendlichen Publikum kaum vermittelbar sein als durch den bemerkenswerten Budenzauber, den der türkische Theatermacher Erpulat wieder und wieder bildmächtig anzettelt.

Emotional überwältigend

Sein emotionales Überwältigungskalkül an diesem vor allem in der zweiten Hälfte rasanten Theaterabend geht zwar auch bei reiferen Zuschauern auf; für sie hätten einige der deutenden Fingerzeige, die mehrheitlich mithilfe von smart genutzter Theatertechnik ins Werk gesetzt werden, nicht unbedingt noch mit dem Zeigefinger überpointiert beziehungsweise zeitlich gestreckt werden müssen. So wie das großartige Schlusstableau, das im Zeichen des Häckselns steht und dessen an sich enorme Wirkung paradoxerweise durch seine schiere Dauer in vermeidbare Effektminderungsgefahr gerät.

Sich unentwegt hebende und senkende Zugstangen signalisieren in diesem minutiös abgesteckten Stellungsspiel für sechs Akteure, wie eng die Räume für jene Gerechtigkeit sind, die Katja zusehends zweifelnd, zornig und zerrüttet sucht. Ein breiter Teppich aus Google-Suchanzeigen zum NSU-Komplex wiederum zeigt an, wie folgenreich und fatal das mörderische Wirken der rechtsterroristischen Zelle hierzulande zwischen 1999 und 2007 war.

Optisch opulente Schredder-Exzesse im Finale der gut 100-minütigen Aufführung schließlich bezeugen in quälerisch ausgedehnter Manier, wie geduldig und manipulierbar Akten sowie weitere Papiere über Jahre waren – und wie fehleranfällig die sogenannten Mühlen der Justiz. Sowohl bei der Aufklärung der zehn Morde als auch bei der Erhellung der Bombenattentate hatten sich die vorgeblichen Fahnder auf die These versteift, die Täter müssten im Milieu der organisierten Kriminalität zu finden sein. Der Verfassungsschutz, dessen dubiose Rolle die Inszenierung nur und immerhin streift, unterschätzte dabei bekanntlich nicht nur den Rechtsterrorismus, sondern ignorierte auf sträfliche Weise den Umstand, dass die Opfer mehrheitlich Migranten waren.

Das Ensemble fängt diese beklemmende Gemengelage aus Verdächtigungen und Verfehlungen auf großartige Weise ein. Allen voran Nadine Geyersbach, die Hauptfigur Katja mit den zahlreichen Gesichtern einer brüskierten und gedemütigten Frau ausstattet, die zudem eine Suizidversuchsszene eindringlich gestaltet – und die sich überdies, in Gestalt einer (ironischen?) Reminiszenz an die Filmvorlage, für einen Diane-Kruger-Ähnlichkeitswettbewerb empfiehlt.

Gewicht und Glaubwürdigkeit einer solchen Rolle stehen und fallen naturgemäß mit der Güte der Gegenspieler: Sowohl Martin Baum, der mit schnarrender Insistenz und mit bis an die Schmerzgrenze wiederholten Suggestivfragen einen eifernden Hauptkommissar gibt, als auch Julian Anatol Schneider, der mit nachgerade diabolischem Aplomb einen parteiisch geifernden Anwalt verkörpert, verdienen sich in diesem bitterbösen Spiel neben der Protagonistin die Bestnoten.

Monströses Referat

Hervorragend aufgelegt indes ist an dem mit sehr warmem Applaus bedachten Premierenabend auch Irene Kleinschmidt, die vor allem in der Rolle von Katjas Anwältin besticht, mithin in einem sehr textintensiven Part, den sie ausdrucksstark und mit sicherer Diktion im Juristenjargon bestreitet. Fabian Eyer hat besonders starke Passagen, als er in der Rolle eines Sachverständigen auf denkbar fühllose, ja monströse Art vor Gericht die äußeren und inneren Verletzungen von Katjas totem Kind referiert. Die gewohnt vielseitige Judith Goldberg schließlich gefällt unter anderem als fanatische Sympathisantin der griechischen Neonazipartei „Goldene Morgenröte“.

In ästhetischer Hinsicht sind es neben den Leistungsnachweisen der Theatertechnik die allgegenwärtigen Schwarz-Weiß-Kontraste, die der Inszenierung Tönungen zufügen, die ihren Themen entsprechen: Text auf Papier mit geschwärzten Passagen, Roben und Hemden, scharf konturiertes Freund-Feind-Denken; Licht aus, Spot an – Pieter Bax (Kostüme), Elena Melissa Stranghöner (Bühne) und Joachim Grindel (Licht) haben für diese immer noch (und immer wieder) wichtige Aufklärungsarbeit so ansehnlich kooperiert wie Moks und Schauspiel. Recht so.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus: 22., 26. und 28. Februar, 20 Uhr; 10. März, 18.30 Uhr; 29. März sowie 5., 12. und 24. April, 20 Uhr.

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